Von Thomas
Illegale eBook-Downloads: (Welche) Folgen?
Zum Welttag des Buches (23.04.) stellte der Branchenverband “Börsenverein des deutschen Buchhandels” gestern ein Flashgame ins Netz, welches 8-12 jährige Kinder für das Thema “Raubkopien” und ihre (angeblichen) Konsequenzen sensibilisieren soll. Thomas Knip vom Online-Verlag Story2go kommentiert.
Anlässlich der Leipziger Buchmesse Mitte März führte der Börsenverein eine Umfrage unter Jugendlichen zwischen 12 und 19 Jahren durch, um sich ein Bild vom Unrechtsbewusstsein vor allem hinsichtlich illegaler Downloads zu machen. Dazu Alexander Skipis, Hauptgeschäftsführer vom Börsenverein:
Die Umfrage zeigt, wie wichtig es ist, über die Konsequenzen von File-Sharing und Datendiebstahl zu informieren. Junge Leute sind die Zukunft des Buchmarkts. Wir müssen Wege finden, ihnen die Folgen ihres illegalen Handelns klar zu machen.
Wer sich die durchaus interessanten Ergebnisse (pdf) durchliest, muss sich allerdings fragen: Welche Konsequenzen, welche Folgen? In der Umfrage selbst lässt sich kein Abschnitt finden, in dem Jugendliche explizit auf die möglichen zivil- und strafrechtlichen Folgen angesprochen werden. Ebenso wenig werden die Teilnehmer zu den möglichen Folgen ihrer Downloads befragt.
Und damit stellt sich tatsächlich die Frage: Was sind eigentlich die Folgen illegaler Kopien?
Lassen wir jetzt einmal solche Gemeinplätze wie den Niedergang der Kultur oder den Untergang des christlichen Abendlandes beiseite und stellen uns dem Problem der Argumentation.
Niemand kann bisher sagen, welche Folgen der Download illegaler eBooks haben wird. Nicht über einen längeren Zeitraum hinweg, mit gesicherten, zuverlässigen Zahlen, die natürliche Schwankungen oder gesellschaftliche Entwicklungen berücksichtigen.
Wird es einen Rückgang von Ideenreichtum zur Folge haben, wie es einen das gerade vom Börsenverein publizierte Flash-Spiel “Cat Protect” beibringen will? Mir erschließt sich das Denkmuster nicht, das einen Zusammenhang zwischen illegalen Kopien und kreativen Ideen sehen will. Natürlich möchten die meisten Kreativen für ihre Arbeit bezahlt werden (mich eingeschlossen); aber zu argumentieren, man können aufhören kreativ zu sein oder Ideen auszuarbeiten, nur weil einem ein vielleicht sogar substanzieller Prozentsatz an Einnahmen durch illegale Kopien verloren geht, beleidigt jeden Kunstschaffenden. Dann könnte man auch jedem Autoren, der seine Geschichten kostenlos anbietet, vorwerfen, er habe keine Ideen.
Werden weniger Verlage und Buchhandlungen die Folge sein? Es gibt schon seit Jahren einen Verdrängungskampf in der Verlagslandschaft. Viele der Verlage, die vor zwanzig Jahren noch existiert haben, bestehen heute noch als Label einer Verlagsgruppe, wenn überhaupt. Buchhandlungen schließen ebenso bereits seit Jahren. Und zwar nicht wegen der zunehmenden Zahl an illegalen Downloads, sondern wegen der veränderten Freizeitgewohnheiten früherer Leser (was sich bezeichnenderweise auch durch die Buchpreisbindung nicht beheben lässt, aber das nur nebenbei). Die allgemeinen Entwicklungen am Markt tun also bereits das ihre. Illegale Downloads mögen hier in Zukunft mitwirken; das ursächliche Problem sind sie nicht.
Werden weniger Neuerscheinungen veröffentlicht? Seien wir mal ehrlich: Wer von uns liest alle 90.000 Neuerscheinungen pro Jahr? Wie viele davon tragen wirklich so nachhaltig zur Kultur bei, dass ihr Erscheinen gesellschaftlich relevant ist? Braucht der Buchmarkt so viele Neuerscheinungen, von denen ein Großteil kein Jahr später remittiert (oder härter ausgedrückt: verramscht) werden? Oder von Kritikern verrissen?
Raubkopiert werden zu einem sehr großen Teil Bestseller. Ohne eine Neiddebatte anzufachen, aber müssen wir uns wirklich um die finanzielle Zukunft etablierter Bestseller-Autoren ernsthaft Sorgen machen? Dann müsste man auch Büchereien schließen und Bücher mit einem RFID-Chip versehen, um das wiederholte Ausleihen unmöglich zu machen. Wie viele Exemplare eines Buchs werden anteilig ausgeliehen oder verliehen, und wie viele davon illegal heruntergeladen? Wie viele der heruntergeladenen Dateien werden tatsächlich gelesen?
Wird es zur Folge haben, dass Verlage ihren Autoren weniger zahlen, weil sich insgesamt weniger Exemplare verkaufen? Das ist möglich. Aber wie in der Musikindustrie lässt die Zahl der illegalen Downloads keine Rückschlüsse auf die Zahl entgangener Verkäufe zu. Dazu kommt, dass auch in Deutschland nur die wenigsten Buchautoren von ihrer Schreiberei leben können. Der weitaus größere Teil geht jenseits der Tastatur einem geregelten Beruf nach. Für viele ist die Buchveröffentlichung ein nettes Zubrot, für andere ein Aspekt ihrer Arbeit (Fachbücher), für andere ist die reine Veröffentlichung schon Zweck genug.
Sehr gerne verkannt wird auch der Sachverhalt, dass kostenlose eBooks0 – ob nun legal oder illegal – den Buchverkauf unterstützen können (s. auch Paulo Coelho). Viele der Downloader von eBooks stellen sich bei Gefallen nämlich dann doch gerne das gedruckte Exemplar in den Schrank. Vorausgesetzt, der Preis stimmt.
Solange die möglichen negativen Folgen nicht ganz konkret quantifizierbar und benennbar sind, wird sich die Buchbranche schwer tun, nachhaltig zu argumentieren. Illegale Downloads sind ganz klar eines: illegal. Dessen muss sich jeder Benutzer bewusst sein. Die Angst vor Strafe leistet zwar ihren Zweck, aber sie hat noch nie jemanden wirklich “überzeugt”, etwas nicht mehr zu tun. Schon gar nicht Jugendliche …
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Der Artikel "Illegale eBook-Downloads: (Welche) Folgen?" wurde am 20. April 2010 (Dienstag) um 08:07 Uhr von
Thomas geschrieben.
Thomas Knip ist hauptberuflich Texter für Abenteuer und In-Game-Texte in Browserspielen. Nebenher veröffentlicht er verschiedene Romanprojekte im Internet und ist seit 2003 (Mit)Herausgeber des eBook-Verlags vph eBooks (seit 2009: story2go).
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20. April 2010
10:44 Uhr
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Peter Hellinger schreibt:
Büchereien in die Debatte hineinzuziehen ist ein klein wenig an der Sache vorbei, da diese ja für jede Ausleihe eines Buches die Bibliothekstantieme an die VG Wort zahlen (etwa 3-4 Cent je Ausleihe und Buch). Die wäre aber zumindest ein Maßstab um einen eventuellen Schaden hochzurechnen: 10.000 Downloads bei 4 Cent – da reden wir über 400 Euro oder etwa 40 echte Bücher der aktuellen Nr. 1 der Belletristik-Bestseller (Voyeur von Beckett, 9,95 €). Wenn man dann noch zugesteht, dass von den 10.000 Downloadern 1% das Buch vielleicht doch kaufen, ist das allemal kein Problem für den Verlag (außer für dessen betriebswirtschaftlich errechnete Fantastillion an Umsatz). Und außer Bestsellern und Fachbüchern findet doch in den Tauschbörsen kaum etwas statt.
Was meiner Ansicht nach aber kein Argument sein darf, ist, dass ein Autor hierzulande eh nicht von seiner Arbeit leben kann. Es reicht sowieso nicht, also darf man das Wenige auch noch wegnehmen? Nein, so bitte nicht! Das läuft dann auf Grundeinkommen für Künstler oder Mäzenentum hinaus.
Die Frage die sich für mich als Autor und auch als Verleger stellt ist aber doch die: Wo ist die Schwelle für den potentiellen Leser, wann denkt er, das Buch ist es wert für diesen Preis heruntergeladen zu werden? Die jetzige Sichtweise der großen Verlage, man erwerbe nur ein widerrufbares Nutzungsrecht für x Geräte und das zum Preis der Holzausgabe ist meines Erachtens nicht haltbar.
20. April 2010
15:36 Uhr
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Mike_73 schreibt:
Guter Artikel. Ich koennte hier jetzt auch kommentieren, moechte aber nicht unsachlich werden oder unsere Gesellschaftsform und deren allgemeines Verhalten eroertern.
Echt gut, laesst Spielraum zum Nachdenken (fuer alle beteiligte Seiten)
20. April 2010
16:16 Uhr
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Thomas Knip schreibt:
“Und außer Bestsellern und Fachbüchern findet doch in den Tauschbörsen kaum etwas statt.”
Im Gegenteil. In Tauschbörsen finden sich zu einem großen Teil Titel, die nicht mehr erhältlich sind. Seien es Heftromanserien, die eingestellt sind oder Taschenbücher, die von den Verlagen nicht mehr aufgelegt werden. Hier lassen sich also in keinster Weise realitätsbezogene Verlustzahlen errechnen.
“Es reicht sowieso nicht, also darf man das Wenige auch noch wegnehmen?”
Nein, natürlich nicht. Das soll nur verdeutlichen, dass die wenigsten Autoren (ausschließlich) von ihrer Tätigkeit leben. Also werden illegale Kopien keinen Autor in die Armut stürzen.
Die meisten würden durch ein Grundeinkommen mehr verdienen als mit dem jetzigen Honorarsystem …
20. April 2010
16:23 Uhr
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Thomas Knip schreibt:
Nachtrag:
“Die Frage die sich für mich als Autor und auch als Verleger stellt ist aber doch die: Wo ist die Schwelle für den potentiellen Leser, wann denkt er, das Buch ist es wert für diesen Preis heruntergeladen zu werden?”
Tur mit leid, nein, das ist nicht die Frage. Das sage ich nach über 7 Jahren Erfahrung in diesem Bereich (eBook-Verkauf).
Die Frage ist: Verdiene ich als Autor/Verleger trotz aller Raubkopien genug, damit sich die Herausgabe lohnt?
Der Preis ist eher zweitrangig. Gibt es eine gedruckte Fassung, sollte der Preis des eBooks deutlich (sprich: 50%) günstiger sein, damit die Kunden einen Vorteil für sich erkennen können.
Trotzdem haben sich letztes Jahr genügend Leser eBooks zum Vollpreis gekauft. Zähneknirschend, aber sie haben es. Das zeigt, dass im Prinzip jeder Preis durchsetzbar ist. Die Leser wollen sich nur nicht dabei ausgebeutet vorkommen.
20. April 2010
19:30 Uhr
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Steffen Meier schreibt:
Erstmal Danke an Johannes, den Komplex “illegale Downloads” zu versachlichen – mir dreht sich heute noch der Magen um, wenn ich an die Kinospots der Filmindustrie zu dem Thema denke.
Es ist auch legitim, wirtschaftliche Schäden abzuschätzen, denn dies ist ja eines der Kernargumente der “Industrie”.
Unvoreingenommen auf das Thema schauen ist also immer sinnvoll und zu unterstützen.
Man darf aber eines dabei nicht aus dem Auge verlieren: das Wörtchen “illegal”. Das Web ist kein rechtsfreier Raum. Insofern ist es schlicht egal in der Argumentation für beide Seiten, welcher Schaden an der Kreativität (angeblich) oder monetär entsteht. Selbst wenn sich daraus positive Rückkopplungseffekte abzeichnen sollten für den Absatz “legaler” Produkte – der Tatbestand bleibt.
20. April 2010
21:00 Uhr
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Mike_73 schreibt:
Illegal ist und bleibt illegal. So viel ist klar.
Recht und Gesetz haben aber oft auch nur wenig mit Gerechtigkeit gemein. Manchmal wuensche ich mir hier so was wie eine “Jury” zur Erstellung verstaendlicher, nachvollziehbarer und vor allem moralisch vertretbarer Gesetze.
Und jetzt sehen wir uns noch die Lobbyarbeit unserer Wirtschaft auf die Politik an (ich moechte das hier bewusst allgemein halten) und wundern uns weiter, warum immer nur Haare gespalten werden.
Ich bin hier fuer eindeutige Gesetze (nicht so was wie …das ist ein bisschen erlaubt, so ist das nicht gemeint und hier haben wir eine Grauzone…), eine eindeutige Auslegung der Gesetze durch Gerichte und vor allem auch fuer die Durchsetzung unserer Gesetze.
Aber das ist wohl Wunschdenken meinerseits. Wie kommt es sonst, dass ich mit 100 bei einer 100er Begrenzung auf der Autobahn fahre, von allen mit 120 ueberholt werde, die Polizei hinter mir her faehrt und keinen anhaelt.
Wahrscheinlich war ich verdaechtig (wie jeder legale Mediennutzer auch, den gaengelt man ja mit “Raubkopier”-vorfilmen und DRM), weil ich das “Gesetz” nicht uebertreten habe.
Ich moechte hier einfach mal die Analogie spielen lassen. Nicht nur Downloads sondern auch viele andere Aspekte unseres Lebens sind reglementiert. Dennoch werden diese Gesetze taeglich ueberschritten, ohne dass ein echtes Unrechtsbewusstsein vorherrscht. Warum haben Musik und Buchindustrie Einfluss auf die Reglementierungen bezueglich der Handhabung illegaler Downloads, ich aber keinen Einfluss auf ein allgemeines Tempolimit welches dann auch durchgesetzt wird? Tja, ich habe eben keine Lobby. Schade, schade…
21. April 2010
00:04 Uhr
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Peter Hellinger schreibt:
@Thomas Knip: Wir reden doch hier über “illegale” Downloads, oder? Bücher die nicht mehr aufgelegt werden, oder Romanserien, die es nicht mehr gibt, fallen meines Erachtens unter den §53 UrhG, und da ist die Kopie erlaubt, wenn das Buch seit mindestens 2 Jahren nicht mehr aufgelegt wurde. Man kann sich jetzt an dem “einzelne Vervielfältigungen” im Gesetzestext aufhängen, aber das ist eine juristische Spitzfindigkeit, die es wohl noch zu klären gilt. Als ich letztens in einer Schmuddelecke blätterte, waren da entweder Top-Titel oder eben aktuelle Fachbücher zu finden. Das sehe ich ganz klar als “illegal”.
Zum Preis: iTunes zeigt doch eines: Wenn der Preis stimmt, greift der Nutzer zum legalen Download und nicht zur Raubkopie. Und der Nutzer will nicht mit DRM gegängelt werden. Wenn ich ein ebook kaufe, dann will ich dass die Datei mir gehört, dass ich sie mal einem Kumpel geben kann, dass ich sie auf weiß der Teufel welchen Geräten lesen kann. Das hier einige auch teurere oder gleichteure Ebooks kaufen, ist eben der Preis des Early Adopters. Wenig bezahl- und brauchbare Lesegeräte, das ist doch noch ein Faktor derzeit. Wer sich so ein Ding schon zugelegt hat, will es natürlich auch füllen, und zahlt auch entsprechend. Ich empfehle immer mal wieder den Blick gen Musikindustrie schweifen zu lassen. Der Buchmarkt steht im Prinzip da, wo die Musik war, als die Industrie die Vinylplatte verdrängte und CDs auf den Markt warf.
21. April 2010
01:57 Uhr
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Thomas Knip schreibt:
@ Peter Hellinger:
§53, Abs. 4 UrhG sagt ganz klar “zum sonstigen eigenen Gebrauch”. Das dürfte die Verbreitung per Filesharing wohl kaum mit einschließen. Insofern wären auch vergriffene Werke verbreitet tendenziell illegal.
Bei iTunes ist nicht der Preis das ausschlaggebende Element, sondern der Komfort. Musicload & Co. waren kaum teurer, aber bei weitem nicht so komfortabel.
iTunes installieren, iPod einstecken, kaufen, rüberschieben. Das hat sogar meine Freundin hinbekommen, die bis dahin MP3-Verkäufe gescheut hat.
Preis? DRM? Für sie uninteressant. Hauptsache, es geht einfach. Stimmt dieser Komfort, ist der Preis – innerhalb tolerabler Grenzen – zweitrangig.
iTunes ist ja auch nicht wirklich immer günstig. CDs lassen sich im Sonderangebot oftmals billiger erwerben als ihr Gegenstück auf iTunes. Und nach dem Rippen direkt bei Amazon wieder verkaufen …
Der Preis ist also wirklich nicht das ausschlaggebende Element. Und wird es auch nicht bei eBooks sein. Sondern Verfügbarkeit und Komfort.
Er muss nur so gestaltet sein, dass sich die Schwächen des eBooks gegenüber dem Buch im Preis eben deutlich (!) bemerkbar machen. Die Schmerzgrenze wird hier jeder Leser etwas anders setzen.