13. Oktober 2009 (Dienstag) - von Steffen
Kindle: Lasst mich rein, ich bin ein Verlag!
Ein Kommentar von Steffen Meier
Der Sage nach stand einmal ein junger Parlamentarier vor einem Regierungsgebäude, rüttelte an irgendwelchen Gittern und rief “Ich will hier rein!”. Ob Sage oder wahr, irgendwann ließ man ihn als Bundeskanzler ins Gemäuer.
Ein ähnliches Gefühl überkommt einen, wenn man als Verlag versucht, von einem großen amerikanischen Internetunternehmen namens Amazon.com Informationen zu bekommen, wie man denn bitteschön die eigenen Inhalte auf dieses neue, hippe Lesegerät namens “Kindle” transferieren könne, um am erwarteten Geldsegen zu partizipieren.
Der Kindle kommt
Aber langsam, fangen wir vorne an. Vor wenigen Tagen schlug in Medienkreise eine dürre Mitteilung wie eine Bombe ein – der vielzitierte Kindle kommt rechtzeitig zur diesjährigen Buchmesse nach Deutschland. Aufregung allenthalben.
Gleichzeitig kündigte ein dicker Werbeblock auf der deutschen Startseite von Amazon.com weiteres an. Von “Jedes Buch in jeder Sprache in weniger als 60 Sekunden verfügbar” ist die Rede. Wohlgemerkt, in Deutschland vorerst alles nur in englischer Sprache.
Warum nur eingeschränkt – und wenn so, warum dann erst jetzt? Das ist etwa eine Frage, die etwa Marco Olavarria zurecht auf buchreport.de stellte. Was passiert mit den “unabhängigen” Anbietern, zum Beispiel txtr? Beginnt nun in Deutschland die große Marktbereinigung? Was ist mit der 9,99-Dollar-Strategie? Gerade erst gab es eine Branchenumfrage zum Thema “Bepreisung von E-Books”, mit dem Ergebnis, dass viele Verleger entweder gleich oder sogar höher als Print bepreisen wollen (wobei hier eher der Wunsch wieder einmal Vater des Gedankens ist).
Viele ungeklärte Fragen. Dennoch ging nun ein spekulatives Rauschen durch den deutschen Nachrichtensites- und Blog-Wald. André Vatter betitelte das Thema bei Basic Thinking mit “Der Kindle kommt nach Deutschland: Sind die Verlage damit gerettet?” und fragt sich angesichts der Tatsache, dass bisher nur wenige Inhalte aus dem deutschen Raume verfügbar sei, “ob es den deutschen Verlagen doch noch zu gut” gehe. Parallel dazu ist in einem Kindle-Forum die Rede von “störrischen Verlagen”.
Verlage verunsichert
Nein, ganz klar: Vielen Verlagen geht es nicht (zu) gut! Im Gegenteil. Wahr ist auch, daß sich viele Verleger im Bereich Neue Medien auch nicht gerade mit innovativen Konzepten hervorgetan haben. Ob jetzt allerdings ein privatwirtschaftliches Unternehmen aus Übersee der Heilsbringer für die teilweise darbende Verlagslandschaft ist – das kann man doch zu Recht anzweifeln.
Zudem haben viele Kollegen in den Verlagen schlicht das Problem, die technischen Anforderungen noch nicht zu erfüllen, um solche readertauglichen E-Books anzubieten (auch wenn sich das offiziell oft anders anhört). Wenn das Print-Geschäft kriselt, fehlt es vielfach an Ressourcen und Geld, hier sinnvoll nachzulegen. Weitere Verunsicherung schafft die Tatsache, dass die Zukunftsfähigkeit solcher Investitionen noch gar nicht bewiesen ist. So schafft beispielsweise der Umstand, daß Disney seit wenigen Tagen zwar Virtuelle Bilderbücher anbieten will – aber eben nicht für E-Reader, sondern webbasiert -, weitere Verunsicherung. Begründung von Disney: Die heutige Reader-Generation sei noch nicht soweit.
Also Unsicherheit überall. Es fehlt an Strategien und Konzepten, an Know-How aller Art in diesen stürmischen Zeiten. Da braucht einen eine gewisse Zögerlichkeit seitens der klassischen Medienproduzenten nicht zu verwundern.
Doch zurück zum Rütteln an den Gittern: Wer als mittelständischer Verlag jetzt bei Amazon.com anklopft, wie es denn um die Bereitstellung der eigenen Inhalte auf dem doch-ach-so-schönen Kindle bestellt sei, bekommt zwar einen freundlichen Plausch mit der Pressestelle, aber keine werthaltigen Informationen, nur eine merkwürdige E-Mail-Adresse, an die man sich bitteschön wenden solle. Und dort herrscht Funkstille.
Schade eigentlich…
Randnotiz: aktuell kündigte Amazon.com im Rahmen seines Partner-Netzwerks an, daß fremde Angebote, die mobile Inhalte enthalten, nur noch mit schriftlicher Genehmigung verbreitet werden dürften. Heißt wohl im Klartext: Gar nicht mehr. Welches Süppchen wird nun hier wieder gekocht? E-Books sind ja ebenfalls mobil. Das Mutmaßen geht in eine neue fröhliche Runde.
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Der Artikel "Kindle: Lasst mich rein, ich bin ein Verlag!" wurde am 13. Oktober 2009 (Dienstag) um 08:00 Uhr von
Steffen geschrieben.
Steffen Meier (Xing / Twitter) ist seit über zehn Jahren im mittelständischen Fachverlag Ulmer mit dem Thema Online betraut. Seit zwei Jahren leitet er den neugegründeten Verlagsbereich Online.
5 Kommentare
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13. Oktober 2009
12:35 Uhr
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Ralf schreibt:
Das Veröffentlichen von Büchern und Texten im Kindle Store ist eigentlich gar nicht so schwierig. Das geht über Amazons “DTP” (Digital Text Publishing), was nichts weiter ist, als ein paar Formulare und ein Upload der entsprechenden E-Book-Datei und des Covers. ABER … das größte Problem ist ein administratives. Denn Amazon erlaubt momentan nur Individuen oder Verlagen mit amerikanischer Adresse und amerikanischen Bankkonto die Veröffentlichung. Warten wir mal ab, wann der Kindle wirklich international wird (wir hätten für unsere Verlage gerne schon deutsche Inhalte bereitgestellt und so der allgemeinen Meinung, dass es keine deutschen E-Books gibt, entgegengewirkt …)
13. Oktober 2009
20:44 Uhr
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Steffen Meier schreibt:
Danke für die Infos. Bisher war Amazon nicht einmal dazu in der Lage – es hätte mich auch eher interessiert, inwiefern wir da mitmachen, müssen wir noch sehen.
Und ob es mit Cover und EBook so einfach ist, wage ich nach sehr vielen Gesprächen mit Verlagskollegen aus den Herstellungsabteilungen massiv zu bezweifeln. Wenn man kein Belletristikverlag oder Medienkonzern ist, hat man schnell schlechte Karten. Da wird viel heiße Luft herumgeblasen da draussen ;-)