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Von Daniel

Thalia: Moderne Zeiten

Debatte

Eine Reportage von Daniel Schulz

thalia-logo72Martin Glowitz* verkauft ein Gerät, das ihn früher oder später arbeitslos machen könnte. In Anbetracht dessen ist er erstaunlich engagiert bei der Sache.

Glowitz – ein groß gewachsener junger Mann mit kantiger Designerbrille und etwas wirren schwarzen Locken – absolviert gerade eine Ausbildung zum Buchhändler in einer bayerischen Filiale der Thalia-Kette, in diesem Sommer macht er seine Abschlussprüfung. Dass er lange Zeit im stationären Buchhandel arbeiten wird, bezweifelt er.


sony-prs505.jpgDer Grund dafür steht direkt neben seiner Kasse. Vor einem übergroßen Reklameaufsteller ist auf einem Pult direkt am Eingang der Sony Reader platziert – das „Buch der Bücher“ (Werbeslogan). Mehrere Tausend digitalisierte Bücher finden auf dem schlanken Lesegerät Platz, dass in etwa die Größe eines Taschenbuches hat.

Mit gewaltigem Marketingaufwand hat der japanische Elektronikkonzern Sony Anfang März den deutschen Markt in Angriff genommen. Über eine Vertriebskooperation ist das Lesegerät unter anderem in allen knapp 300 deutschen Thalia-Buchhandlungen zu haben.

Kucken statt kaufen

Nicht nur aufgrund seiner prominenten Platzierung erregt der Sony Reader in dieser Filiale viel Aufsehen. „An den ersten Samstagen hatten sich immer richtige Menschentrauben um das Ding gebildet. So etwas habe ich noch nicht erlebt“, berichtet Glowitz vom Verkaufsstart in seiner Filiale. Inzwischen hat sich die Neugier um das Gerät aber spürbar gelegt – an diesem Mittwochnachmittag ist das Vorführexemplar fast immer ohne Wartezeit nutzbar.

Als sich eine Gruppe Jugendliche um den Sony Reader schart, geht Glowitz zur Aktionsfläche und bietet freundlich seine Hilfe an. Die vielleicht 16-jährigen Jungen kommen aber schon zu Recht – sie interessieren sich lediglich für technische Details der eingesetzten Bildschirmtechnologie, durch die der Text besonders natürlich ausschaut.

Der häufigste Buchkäufer in Deutschland ist zwischen 40 und 50 Jahre alt und weiblich – nicht gerade typische IT-Experten. Entsprechend konzipieren die Hersteller digitaler Lesegeräte ihre Produkte möglichst eingängig. Und tatsächlich verkauft Glowitz hauptsächlich „an gut situierte Kunden über 40.“ Weil der Sony Reader 300 Euro kostet und digitale Bücher aktuell meistens auf einem Preisniveau mit den Taschenbuchausgaben liegen, sei ein digitales Lesegerät derzeit noch „ein Luxus für Vielleser und Leute, die sich nicht entscheiden können.“

Zugpferd “online”

Digitale Literatur zur Befüllung des Sony Readers gibt es im Online-Shop von Thalia, nicht aber in den Filialen: Wer den Sony Reader sein Eigen nennt, kann fortan einen Bogen um den Buchfachhandel machen. Was das bedeutet, bekommen schon heute Glowitz’ Kollegen bei der Verlagsgruppe Weltbild zu spüren.  Der Marktführer kündigte vor einigen Tagen den Abbau von 322 Stellen in seinen Buchhandlungen an, begründete das mit einer „Verlagerung von Umsätzen ins Internet.“

Bei Thalia planen sie im Moment über die Einführung von „Download-Automaten“, die in den Filialen aufgestellt werden und wo man sich die daran gekauften Bücher über ein Datenkabel direkt auf ihr Lesegerät überspielen kann. Glowitz muss selbst grinsen, als er von den Plänen seiner Unternehmensführung erzählt. „Warum sollten die Leute denn für etwas hierher kommen, was sie genauso gut zuhause am PC machen können?“ In den USA würde mit dem Amazon Kindle zudem schon mit großem Erfolg ein Lesegerät mit UMTS-Verbindung verkauft, wo die Bücher direkt über das Gerät gekauft und geladen werden.

Glowitz entdeckt einen älteren Herrn – lange graue Haare, roter Schal zu schwarzem Mantel bei 24°C und strahlendem Sonnenschein draußen – , der sich interessiert Werbetexte und Bedienhinweise auf dem Aufsteller durchliest. Dabei möchte er es aber auch belassen: Als sich der Auszubildende nährt, dreht sich der Mann lächelnd ab und schlendert zum nächsten Bücherregal. Nicht untypisch, sagt Glowitz: „Viele wollen einfach nur wissen, was da mitten im Laden rumsteht.“ Spätestens beim Blick auf das Preisschild erlahme aber zumindest das Interesse am Kauf dann meist.

Obwohl der Sony Reader „bislang nicht gerade unser Bestseller“ ist, glaubt Glowitz fest an die Zukunft des digitalen Buchs. Zumindest dem nebenbei konsumierten Taschenbuch könnten elektronische Bücher schnell gefährlich werden, sollten Daten und Lesegeräte bald günstiger werden.

Um seine persönliche Zukunft macht sich der 21-Jährige Buchhändler keine Sorgen – anders sieht es im Bezug auf seine Mitarbeiter aus. „Viele meiner Kollegen gehen auf die Rente zu. Wenn die ganze Branche den Bach runtergeht, finden die doch überhaupt nichts mehr.“

*Name geändert

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Zugeordnete Tags: thalia

Der Artikel "Thalia: Moderne Zeiten" wurde am 13. Juni 2009 (Samstag) um 11:19 Uhr von Daniel geschrieben.

5 Kommentare

Was sagst du dazu?



  1. 26. Juni 2009
    11:57 Uhr

    Permalink

    Olivera schreibt:


    Die Branche wird nicht den Bach runtergehen, sondern sich lediglich verändern. Ich schätze, dass mindestens jeder 2. Leser auch mittelfristig lieber zum Buch als zum eBook greifen wird.

    Die Verlagerung von Umsätzen ins Internet hat dabei schon vor einem Jahrzehnt begonnen: Schließlich kann man schon länger Bücher im Internet bestellen und muss nicht mehr in die Buchhandlung gehen.


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