Von Steffen
“Zeitung on demand” im Praxistest
Ein Selbstversuch von Steffen Meier
Valora retail aka “k presse und buch” unterhält im Stuttgarter Hauptbahnhof eine große Filliale und seit kurzem auch eine innovative Neuerung. Aufmerksam wurde ich durch eine Pressemitteilung, die über 1.000 internationale Zeitungstitel aus 80 Ländern als “Print On Demand” feilbot. Genau das Richtige, um meine investigative Neugier herauszufordern und einen Selbstversuch zu wagen, zumal ich sowieso am Folgetag mit der guten Deutschen Bahn zu einer Veranstaltung wollte.
Morgens dann die erste Enttäuschung: bei Ladenöffnung sollte ich schon etliche Kilometer entfernt sein. Egal, mit den Schultern gezuckt und die Neugier dann eben abends befriedigt.
Im Laden herumstreunend, konnte ich auf den ersten Blick nichts wirklich Innovatives erkennen – Printprodukte aus aller Herren Länder, ein gewohntes Bild. Kein Hinweisschild, kein raumschiffähnliches futuristisches Ungetüm, das Zeitungen ausspuckte. Selbst ist der Mann, und auf meine Nachfrage wurde freundlich genickt. Nur das etwas unglückliche Lächeln der jungen Dame hinterm Tresen hätte mir zu Denken geben sollen.
Mehr als unscheinbar stand ein kleiner Monitor an der Seite des Tresens, der obige 1.000 Zeitungstitel anpreis; gemeinsam machten wir uns beide an die Auswahl und den Bestellvorgang. Gemeinsam rieten wir uns aber auch durch den Bestellprozess, wobei mir vorher noch beschieden wurde, dass “15 Minuten Wartezeit” durchaus möglich wären. Erstes Schlucken meinerseits. Und die von mir gewünschte Chicago Sun-Times würde mit sechs Euro zu Buche schlagen. Zweites Schlucken, aber was tut man nicht alles als Speerspitze der Innovation.
15 Minuten auf einem Bahnhof zu verbringen – das ist an sich kein Kunststück. Nur war nach 20 Minuten immer noch nichts da; zudem war unklar, ob der Download der Daten von irgendeinem Zentralserver jetzt funktioniert habe oder nicht. Interessant wurde es, als eine zweite Kollegin dazukam (dasselbe entschuldigende Lächeln auf dem Gesicht) und auf dem Bestelldisplay herumdrückte. Darauf entbrannte ein hitziger Disput zwischen beiden Verkäuferinnen, gefolgt von zwei Minuten ratlosem Blättern im Handtuch und dem entnervten Griff zum Telefonhörer, um den Support anzurufen. Da sich inzwischen auch eine kleine Traube Neugieriger um uns gebildet hatte, überschlug ich im Geiste schon mal potentielle Fluchtwege.
Aber manchmal ist der Gott der Zeitungsindustrie dann doch bei uns, just in diesem Moment fing ein Monstrum von Drucker an, flink Seiten über Seiten auszuspucken. Und dazu das Cover noch schick in Farbe, den Rest in Schwarzweiss.
Wer aber kein Freund von Loseblattsammlungen ist, muss sich über Bindung Gedanken machen, hier ganz pragmatisch in Form eines riesigen Tackers, der Großfamilien auslöschen könnte. Dummerweise war dieser aber nicht in der Lage, meine “Chicago Sun-Times” zu heften, weswegen ich sechs Euro ärmer, aber an Erfahrungen und losen Papierstapeln reicher von dannen zog.
Ist das die Zukunft der Zeitungsindustrie? Auf den ersten Blick erscheint die Idee charmant – in der Regel werden im Produktionsprozess sowieso digitale Daten erstellt, die sich problemlos weltweit versenden lassen. Damit entfällt das Problem der Logistik/Transport bei realen Gütern. Diese können dann vor Ort wieder “rematerialisiert” werden. Und die Longt-Tail-Fülle des Angebots ist unbestritten.
In der Realität kommen Zweifel auf. Erstens ist der Ablauf (siehe oben) schlicht nicht akzeptabel – wer wartet bitteschön so lange auf seine Zeitung bzw. wer kann das etwa an Bahnhöfen, während der Zug schon weiterzieht? Telefonisch vorbestellen? Unfug. Zudem ist die schon fix und fertig gedruckte Konkurrenz in Sekunden gekauft (wenn auch mit eingeschränktem Angebot). Zweitens mag der Preis für die aufwendige Produktion kalkulatorisch gerechtfertigt sein – Scharen an Kunden generiert man so nicht. Drittens gibt es so etwas wie Haptik (wenn man den Wert darauf legen würde) nur rudimentär, ein Loseblatt, auf dickem 90-Gramm-Papier – da ruft schon der Mülleimer.
Hier gibt es nur zwei Möglichkeiten – den Prozess deutlich optimieren, das Produkt günstiger machen und die restliche Unbill dadurch entschuldigen, dass man im Gegensatz zum lokalen Kiosk eben eine deutlich größere Auswahl habe. Oder die digitalen Daten dort zu lassen, wo sie jetzt schon sind – online verfügbar, herunterladbar auf günstige, gute elektronische Lesegeräte. Und die werden ja wohl irgendwann kommen…oder?
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Der Artikel "“Zeitung on demand” im Praxistest" wurde am 5. April 2010 (Montag) um 08:30 Uhr von
Steffen geschrieben.
Steffen Meier (Xing / Twitter) ist seit über zehn Jahren im mittelständischen Fachverlag Ulmer mit dem Thema Online betraut. Seit zwei Jahren leitet er den neugegründeten Verlagsbereich Online.
6 Kommentare
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5. April 2010
10:38 Uhr
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blaugraufrau schreibt:
vielen dank für den ausführlichen testbericht.
das alles klingt tatsächlich noch nicht rund – weder die offenbar fehlende möglichkeit, die “zeitung on demand” im vorfeld zusammenzustellen, noch das wenig attraktive preismodell. von den “ausbaufähigen” prozessen und der logistik ganz zu schweigen.
erst wenn die “zeitung on demand” am bahnhof einfacher und schneller zu bekommen ist als z.b. ein passbild aus dem automaten, dürfte sie annähernd für käufer interessant werden.
trotzdem, neben http://www.niiu.de und http://www.individuelle-zeitung.de ein dritter versuch, zeitungslesern “mehr” zu bieten.
5. April 2010
13:17 Uhr
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Michael Stein schreibt:
Ich teste zur Zeit die “Personal News” unter https://www.individuelle-zeitung.de/ .
Dort kann man sich eine .pdf/.html-Zeitung aus verschiedenen Ressorts einiger internationaler Titel zusammenstellen. Die Auswahl ist noch etwas schmal, immerhin sind der “Standard” und die “Washington Post” dabei. Ich bekomme das entsprechend aggregierte .pdf morgens gegen 8.15 Uhr gemailt. Egal, ob es den verschiedenen Zeitzonen geschuldet ist – für mich ist das etwas zu spät, ich möchte die Datei zur ersten Tasse Kaffee auf dem Schirm haben. Der Preis beträgt zur Zeit Euro 1,- pro Datei und dürfte mit entsprechender Verbreitung und Konkurrenz in Zukunft deutlich fallen.
6. April 2010
09:14 Uhr
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Wolfgang Lehner schreibt:
Danke für den Test, Herr Meier. Aber man hätte sich das schon denken können. Mal angenommen, wirklich viele Menschen fänden die Idee gut und wollten morgens am Bahnhof eine Zeitung-on-demand mitnehmen. Würde dann ein Terminal reichen? Und wenn es fünf sein sollten, müsste der Kiosk wohl auf Regalfläche verzichten. Spätestens da hört der Spaß dann auf. Außer – die Ausdruckzeitung wäre erheblich teurer als die Druckausgabe und würde den Verzicht auf Printzeitungen wettmachen. Und wofür das alles, wenn wir doch schon Smartphones in der Tasche haben? Das Problem ist doch wohl eher, dass die Zeitungsbranche noch keine wirklich gute Lösung für kleine Displays entwickelt hat. Deswegen greifen wir noch ganz gern zum Papier. Das iPad ist wegen seiner Größe bestenfalls akzeptabel am Frühstückstisch (da freue ich mich schon auf die Riesenauswahl an Zeitungen und Magazinen).
Andererseits: Ich fahre mit dem Rad ins Büro, kann also unterwegs garnicht lesen, weder analog noch digital.
7. April 2010
20:32 Uhr
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Steffen Meier schreibt:
Man muss hier zwischen den Konzepten unterscheiden. Was Valora anbietet, ist die ausgedruckte 1:1-Kope einer bestimmten Zeitung, während andere Konzepte wie niuu oder PersonalNews das Zusammenstellen aus verschiedenen Quellen anbietet – wobei letzteres mE mehr Charme hat.
Aber alle Konzepte scheinen momentan noch nicht wirklich das “Ei des Kolumbus” zu sein, entweder hängt es am Preis, der Form o.ä. Zudem stört mich dann doch der “Medienbruch”, sprich zurück vom Digitalen ins Papier. Erinnert mich an die Umblätter-Funktion bei E-Readern – ein Anachronismus par excellence.
Warten wir es ab – vermutlich werden wir in fünf Jahren, wenn wir diesen Blogpost lesen, nur noch milde lächeln.
9. April 2010
07:18 Uhr
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Michael Stein schreibt:
Das Gute am “Medienbruch”: Es erleichtert den Übergang aufs neue Medium, weil alte Seh- und Lesegewohnheiten bedient werden.
Ich glaube auch, dass wir diese ersten Gehversuche bald belächeln.
21. April 2010
09:38 Uhr
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Dr. Matthias O. Will schreibt:
Für Menschen wie mich, die sich zumindest zum Lesen längerer Artikel nicht damit anfreunden können, online zu lesen (das papierlose Büro ist, glaube ich, auch noch nicht wirklich Realität) finde ich solche Angebote spannend, da hier ja ein durchaus gewollter Medienbruch stattfindet. Wenn man davon absieht, scheint mir das Problem zu sein, dass das Warten auf das Produkt viel zu lange dauert und das Personal nicht hinreichend technisch geschult wurde.
Mit einer Möglichkeit, Medien vorzubestellen (z. B. am Vortag) und diese dann in geeignetem Format (z. B. Tabloid) ausgedruckt und gebunden an Abholterminals entgegenzunehmen (wie bei der Bestellung angegeben), könnte das schon viel besser funktionieren … Und 6 Euro sind einfach viel zu teuer, das wird auf Dauer nicht funktionieren.