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DRM der Zukunft: Individualisierte E-Books. Ernsthaft?

12.6.2013 - von - Debatte eBook News 24 Kommentare

stacheldrahtDas renommierte Fraunhofer Institut entwickelt derzeit zusammen mit dem Börsenverein einen E-Book-Kopierschutz, der verkaufte digitale Literatur personalisieren und damit eine illegale Weitergabe unterbinden soll. Das soll funktionieren durch “textliche Änderungen am Originaltext”  - Buchfreunde sind entsetzt, ein Nutzen kaum erkennbar.

“Softes” DRM (in Abgrenzung zu hartem DRM wie Adobe Adept und Kindle DRM) ist ansich nichts neues. Viele E-Books werden werden schon heute durch digitale Wasserzeichen geschützt, in aller Regel durch eine Hinterlegung der Käuferdaten in den Dateien, die naturgemäß problemlos herausgelöscht werden können. Beide DRM-Arten schützen nicht vor Piraterie, wie schon ein flüchtiger Abgleich von E-Book-Stores und einschägigen Download-Plattformen belegt.

Steuergelder bei der Arbeit

Der neue Wunderwaffe gegen Piraterie hört auf den kryptischen Namen SiDiM (“Sichere Dokumente durch individuelle Markierung”). Das Fraunhofer-Projekt, unterstützt unter anderem vom Börsenverein und gefördert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung, hat als Ziel “die Individualisierung der Dokumente durch sichtbare und unsichtbare Markierungen, die einzelne Kopien unterscheidbar machen. Benutzer werden so zu einem verantwortungsvollen Umgang mit ihrer Kopie angehalten und vor illegaler Weitergabe abgeschreckt, da die Kopien anhand der Markierung auf sie zurückverfolgt werden können.”

Wie diese “unsichtbaren Markierungen” ganz konkret aussehen können, ist in einem Evaluationsbogen des Fraunhofer Instituts ersichtlich, über den offenbar die Toleranzschwelle der Branchenschaffenden abgeklopft werden soll (Antwortmöglichkeiten zu den Textänderungen von “sehr störend” bis “nicht störend”).

Ihr hättet sie empört abgelehnt, um weiter in einem Hexenkessel von Kriegen, Gewalt und Verbrechen zu
existieren.
Ihr hättet sie empört abgelehnt, um weiter in einem Hexenkessel von Gewalt, Verbrechen und Kriegen zu
existieren.
Der Staub den er aufwirbelte, ließ ihn nicht sichtbar aus der Stadt verschwinden.Der Staub den er aufwirbelte, ließ ihn unsichtbar aus der Stadt verschwinden.
(...) als ungesund wird aber auch eine unzweckmäßige
Vereinigung von Speisen zu einer Mahlzeit oder auch ihre schlechte Zubereitung verstanden.
(...) als nicht gesund wird aber auch eine unzweckmäßige Vereinigung von Speisen zu einer Mahlzeit oder auch
ihre schlechte Zubereitung verstanden.
Er musste schwer beladen sein, denn das
Motorengeräusch war sehr laut, was auf eine niedrige
Getriebeübersetzung schließen ließ.
Er musste schwer beladen sein, denn das
Motorengeräusch war sehr laut, was auf eine niedrige Getriebe-Übersetzung schließen ließ.

Es handelt sich hier also um aktive Eingriffe in den Text, die deutlich über ein Leerzeichen mehr oder weniger hinausgehen. Um E-Books bei zehntausenden oder hunderttausenden verkauften Exemplaren wirkungsvoll personalisieren zu können, muss es in jedem E-Book gleich mehrere “A/B-Schalter” geben, die in ihrer Kombination eine Rückverfolgung ermöglichen.

Erwartungsgemäß ließ der Aufschrei in der sensiblen Literaturszene nicht lange auf sich warten. Eine Autorin warnt unter anderem davor, sprachliche Eleganz könnte verloren gehen, ein Blogger sieht automatische Textveränderungen durch SiDiM sinnbildlich für den mangelnden Respekt, den Verlagen ihren Lektoren und Autoren entgegenbrächten. AKEP-Sprecher Steffen Meier hat “ein ungutes Gefühl” (und brachte in Erfahrung, dass es bereits Testläufe mit ersten Autoren gibt), Buchhändlerin Luise Schitteck findet veränderte Texte generell undenkbar. Und Karla Paul spricht von “ziemlichem Mist” und einer “Unverschämtheit gegenüber Leser und Autor”.

Den Teufel mit dem Wasserzeichen austreiben?

Vorweg: SiDiM ist als Entwicklung zunächst einmal kein Kurzwechsel in Sachen “hartes DRM”. Der Börsenverein beziehungsweise dessen Wirtschaftstochter MVB predigt schon seit Jahren den Verzicht auf harten Kopierschutz. Das Akezptanz-Problem liegt nicht bei Verband oder Händlern, sondern bei den Verlagen und (glaubt man Verlagsmenschen: vor allem) bei den Autoren, die teilweise ausdrücklich auf einem harten Kopierschutz bestehen sollen. Ob man diese Gruppe mit einer semantischen Veränderung ihrer Texte gewogen stimmen kann, muss doch sehr bezweifelt werden.

Hinzu kommt, dass die Beschaffenheit des Kopierschutzes im Zuge der zunehmenden Vernetzung mehr und mehr in den Hintergrund tritt. Kindle-DRM wird seit jeher von einem Großteil der Leserschaft kaum als störend wahrgenommen, weil sich gekaufte Kindle Books problemlos auf (nahezu) beliebige Elektronikgeräte übertragen und lesen lassen; auch die Tolino-Allianz hat sich das Thema Convenience groß auf die Fahnen geschrieben. Im Verbund mit der einfachen Entfernbarkeit sämtlicher aktueller harter Kopierschutzmechanismen drängt sich die Frage auf, für wen SiDiM eigentlich eine Verbesserung zum Status Quo bedeuten soll.

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Der Artikel "DRM der Zukunft: Individualisierte E-Books. Ernsthaft?" wurde am 12. Juni 2013 (Mittwoch) um 18:55 Uhr von geschrieben. Johannes Haupt (Xing / Twitter) ist Chefredakteur und Herausgeber von lesen.net.

24 Antworten auf DRM der Zukunft: Individualisierte E-Books. Ernsthaft? (zum Thread im Forum)

ReaderT2 12. Juni 2013 um 22:05 Uhr

DRM sehe ich als eine Art Kaufverbot.
Bei DVDs hat es perfekt geklappt. Ich kaufe mir grundsätzlich keine DVDs, da ich allenfalls mal ins Kino gehe.
Wenn die Buchbranche auch möchte, daß ich nichts mehr kaufe, nur zu.
Bei einzelnen Personen kann die Branche ja noch müde grinsen, aber wenn viele so denken, wird das der Branche auch zu denken geben.
Ich beobachte die Entwicklung und werde meine persönlichen Schlüsse daraus ziehen.
Beispielsweise indem ich auf Adobe DRM verzichte. Sollte ich wirklich unbedingt ein Buch haben, das es nur so gibt, werde ich eben alternativ bei Amazon schauen, ob es das Buch dort auch gibt.
Aber derzeit verzichte ich dann eher mal darauf überhaupt zu kaufen, denn für angedachte Gängelung auch noch zahlen erschließt sich mir nicht so ganz.

Markus 13. Juni 2013 um 01:34 Uhr

@ReaderT2
Was hat deine Kaufverweigerung auf dem DVD-Markt bewirkt? Ich glaube nichts.
Amozons AZW3 beinhaltet DRM, was also nützt dir der Verzicht auf Adobe-DRM? Ich glaube nichts.

Zum Artikel.
Ich glaube Texte zu verändern, verändert eventuell auch die Aussage die der Autor hat machen wollen. Hier verstösst die Software direkt gegen das Urheberrecht des Autors. Ich würde es mir jedenfalls verbitten an meinen Texten herumzumanipulieren.
Wenn schon textliche Veränderung, dann im Rahmen einer persönlichen Widmung, a la dieses Buch wurde von xy legal im Shop von za gekauft. Dies lösst aber nicht das Problem des legalen Wiederverkaufs, wenn das Buch damit tatsächlich xy gehört und er dies möchte, wie es mit totbaumbücher ja möglich ist. Und wahrscheinlich wird auch hier jemand eine Möglichkeit finden diese Veränderung zu umgehen.
Das Böse ist immer und überall (EAV – BaBaBaBanküberfall).

Eva 13. Juni 2013 um 02:19 Uhr

Meine Güte, jetzt wird’s aber wirklich absurd. Es handelt sich um einen Eingriff ins Werk und in die Sprache der Autoren, die, wenn sie mit Engagement schreiben, immer auf der Suche nach der besten Formulierung sind. Ein Computerprogramm kann nicht erkennen, ob ein Text “fließt”, ob seltsam klingende Lautkombinationen geschaffen werden, ob ein ersetztes Wort die gleichen Assoziationen hervorruft wie das originale… die Liste ist endlos. Ich bin sicher, dass es viele Fälle geben würde, in denen der Sinn einer Textstelle verändert oder gleich unverständlich würde, weil ein Computer einen Satz nicht “verstanden” hat – siehe Online-Übersetzungsprogramme, die zum Teil auch die absurdesten “Übersetzungen” liefern.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass von denen, die das Projekt angestoßen und entwickelt haben, irgendjemand ein Interesse an Büchern hat, das über die finanzielle Lukrativität oder die technische Machbarkeit hinausgeht. Wer gerne liest und schöne Sprache zu schätzen weiß, dem dreht sich doch wahrscheinlich alles um.

Außerdem aber: Was ist denn mit dem Zitieren? Das ist ja im Moment bei Ebooks sowieso noch ein schwieriges Thema, da es zum Teil keine eindeutig bestimmbaren Textpunkte gibt, die man angeben kann. Wenn das doch einmal gelöst wird und man zu einem akademisch verwendbaren Format für Zitate kommt, sind “personalisierte” Bücher im Prinzip nutzlos. Wenn ich eine Textstelle zitiere und andere Menschen, die das “gleiche” Buch vor sich haben, einen anderen Text sehen, müssen sie im Zweifelsfall in meiner Ausgabe nachsehen, ob ich einen Zitierfehler gemacht habe… was sie aber wahrscheinlich nicht dürften, da ja dieses Ebook nur für meinen Gebrauch bestimmt ist.

Ob das wohl auch bei Gedichtbänden funktioniert?

Frühling lässt sein blaues Musikgrupe
nochmal fliegen durch die Winde
Süße, wohlbekannte Gerüche
anschießen [ERROR: WORD NOT RECOGNISED] die Erde.
Blaues Auge schlafen schon
Wollen [ERROR: WORD NOT RECOGNISED] kommen
Hör, von weit weg ein kaum hörbarer Ton von einer Harfe!
Frühjahr, ja du bist es!
Dich habe ich verhört!

Sebastian 13. Juni 2013 um 08:27 Uhr

Texte können schon jetzt von Programmen semantisch erfasst werden. Wort-Klang und Melodie und Fluss ist berechenbar. Da sehe ich also das geringste Problem. Mit passenden Algorithmen lässt sich da spannendes machen.

Wirkung und Zitierbarkeit sehe ich allerdings ebenfalls kritisch. Ersteres kann ein Programm noch nicht ermitteln. Mit Fortschreiten der KI mag das irgendwann funktionieren, allerdings sollten wir uns dann auf den Krieg aus Terminator vorbereiten…

Zitierbarkeit gibt es dann nicht mehr. Das ist ein unlösbares Problem, so lange der Text nicht überall der gleiche ist! Bei Belletristik mag das noch akzeptabel sein, bei wissenschaftlichen Arbeiten ist es das aber nicht mehr.

Eigentlich wünsche ich mir, dass die Branche die Kunden wirklich ernst nimmt. Kopierschutz funktioniert nicht. Er hat bei Filmen und Musik schon nicht funktioniert, warum sollte er dann bei Büchern funktionieren? Es ist doch so, dass die Einzigen, die der Kopierschutz (egal ob weich oder hart) trifft, sind die ehrlichen Kunden! Und ohne die ehrlichen Kunden, wir niemand im eBook-Bereich wirklich Geld verdienen…

Hilke Bußmann 13. Juni 2013 um 10:05 Uhr

Wie meine Vorredner schrieben, ist dieses Vorhaben nicht nur absurd, sondern ein tiefgreifender Eingriff in die Textstruktur und die Textstilistik. Es macht sowohl einen Sinn, ob man “undicht” oder “nicht dicht” schreibt.
Diese Art zwanghafter DRM macht deutlich, dass die Buchbranche nicht auf ihre Käufer, auf ihre Kunden zählt und nicht bereit ist, andere Verfahren zu benutzen oder zu entwickeln.
Man stelle sich nur vor: Das ganze greift super in die Zitierungsfähigkeit von Werken ein. Bei Fachbüchern möchte ich gar nicht erst beschreiben, was passieren könnte.
Es scheint mir, als säßen in oben genannten Instituten Menschen, die absolut Angst vor der Digitalisierung und der Veränderung des Handlungs- und Distributionssystems haben. Keinesfalls sind sie auf dem neuesten Stand der Dinge.

Stollentroll 13. Juni 2013 um 18:16 Uhr

Es müssen dann unbedingt auch individualisierte Papierbücher gedruckt werden, die nur gegen Vorlage des Personalausweises gekauft werden dürfen. Wer weiß schließlich, wer von denen das Buch einscannt und anschließend online stellt? Letztlich ist jeder Käufer auch ein potenzieller Raubkopierer.

Unglaublich, was man glaubt, Online-Käufern zumuten zu dürfen. Im analogen Leben könnte jeder Verkäufer, der so etwas probiert, seinen Laden dichtmachen. Und das dann zu Recht.

Simon 13. Juni 2013 um 20:05 Uhr

Was mir immer etwas Sorgen bei den Wasserzeichen bereitet … was passiert wenn ich einen MP3-Player oder ein Handy voll mit meinen Wasserzeichen MP3s verliere und jemand diesen findet?

Etwas ähnliches ist mir vor kurzem leider mit meinem geliebten Sony eReader passiert: Ich muss ihn im Zug verloren haben, mitsamt allen Büchern darauf. Wenn da jetzt eBooks mit Wasserzeichen drauf waren, jemand das Teil findet und sie nachher noch im Internet verteilt, bin ich dann der gear*****?

Der Sinn erschließt sich mir nicht…

Juergen 14. Juni 2013 um 10:28 Uhr

Wie lange soll man als ehrlicher Käufer eigentlich für seinen digitalen Fussabdruck haften?
Was passiert, wenn ich mein iPad/Desktop/Kindle mit den E-Books verschenke/verliere/verkaufe?

Ültje 14. Juni 2013 um 13:58 Uhr

Absurder geht’s nicht. Und es ist kein Aprilscherz, oder?

Was mich an der Sache besonders erzürnt: ich kaufe doch bei den Verlagen oder Ebook-Händlern nicht nur weil ich ein ehrlicher Mensch sein will, sondern auch weil ich das Original erwerben will, und nicht eine Datei, die durch wer-weiß-was für dunkle Kanäle gegangen ist, wie es bei obskuren Download-Seiten der Fall ist. Wenn aber diese Albtraum-Vision Wirklichkeit wird, hat man verkehrte Welt: der Verlag veröffentlicht ein manipuliertes Werk und eine größere Chance das Original zu bekommen habe ich wahrscheinlich bei b???.to.

Das Vertrauen in die Verlage wäre erschüttert. Ich kann mir nicht vorstellen, dass so etwas kommt.

Was mir noch aufgefallen ist: dass in den verlinkten Texten sehr oft von “Konsument” und “Benutzer”, kaum aber von “Kunde” oder gar “Leser” die Rede ist. Was herrscht dort für ein Weltbild?

Leseratte 14. Juni 2013 um 15:26 Uhr

Was für ein Schwachsinn…
Man nehme das Buch aus verschiedenen Bezugs-Quellen, mache einen simplen Textvergleich und alle manipulierten Stellen sind ersichtlich…
Wenn man dann anfängt die unterschiedlichen Textstellen zu vermischen, zeigt das “Wasserzeichen” dann schlimmstenfalls auf die falsche Person…
Fakt ist und bleibt doch eins – solange neue Ebooks bis zu 30Euro kosten, wird es immer eine Nachfrage nach “kostengünstigen” Alterativen geben – und wo Nachfrage ist, da lässt das Angebot bekanntlich nicht lange auf sich warten!