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Von Nicolai

Digital Fiction: Ein Portrait von “Dreaming Methods”

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dim-o-gaubleKurz nach der Veröffentlichkung seines neuesten Werkes „Nightingales Playground“ – einem komplett kostenlosen Bundle bestehend aus digitalem Narrativ, App, digitalem Sketchbook und einer Kurzgeschichte – gibt der folgende Artikel von Nicolai Eckerlein einen Überblick über das Werk des Medienkünstlers Andy Campbell.

Der Commodore Amiga war Mitte der 90er der am weitesten verbreitete Computer. Eine Gruppe junger Autoren veröffentlichte auf der Plattform mittels Disketten eine Reihe gemeinfreier elektronischer Magazine und Anthologien. Neben den aus heutiger Lesesoftware bekannten Möglichkeiten des Lesers auf Schriftgestaltung Einfluss zu nehmen, waren die Texte vergleichbar heutiger Enhanced eBooks oft mit großformatigen atmosphärischen Grafiken, Animationen und Hintergrundmusik ausgestattet.

joyrideNachdem der PC den Amiga ablöste, endete auch die Zusammenarbeit der dort publizierenden Autoren. Nach einigen Experimente mit gedruckten Publikationen und auf Java Script basierenden Projekten begann Andy Campbell 2000 mit seinem ersten Titel “Fractured” der Produktion von flashbasierten, multimedialen Narrative, die er unter der Bezeichnung “Digital Fiction” auf seiner Website “Dreaming Methods” der Öffentlichkeit zugänglich macht.

Der sprechende Titel „Dreaming Methods“ findet sich in den dort versammelten Werken in zweifacher Hinsicht wieder. Zum einen beschäftigt sich Campbell in seinen Werken, denen nach eigenen Angaben „Donnie Darko“ und „House of Leaves“ Pate gestanden haben thematisch mit (Alb-)Träumen und echten oder imaginierten Erinnerungen, zu anderen erzeugen seine an den Rändern beizeiten unscharfen, multimedialen Collagen eine Leseerfahrung, die nahe an der Traumerfahrung liegt.

Der Autor erreicht durch das gezielte Weglassen von Orientierungsmöglichkeiten an den Schnittstellen des Textes einen bewusst platzierten Lost-in-Hyperspace-Effekt, dessen Ausufern er jedoch durch eine strikte narrative Linearität kontrolliert, was im Zusammenspiel das Gefühl erzeugt gerade einen Traum zu erleben. Außerdem fesselt die Kombination von intensivem Lesen, allzeit präsenten Hintergrundgeräuschen, raumgreifenden Illustrationen und Animationen und dezent eingesetzter Interaktivität die Aufmerksamkeit des Lesers so an den Bildschirm, dass das relativ abrupte Ende der Geschichten einem frühmorgendlichen Erwachen gleichkommt.

In vielen digitalen Narrativen ist der Text das zentrale Rückgrat, um das sich andere mediale Elemente gruppieren. Bei Andy Campbell verliert der Text diese zentrale Strukturfunktion, ohne jedoch gegenüber Video und Audio in den Hintergrund zutreten. Auch wenn er nur ca. 10% des Screens und durch Effekte wie Fading, Bewegung, Reaktion auf Mausbewegungen und Klicks sowie Einbettung in grafische Konstellationen Teile seiner Lesbarkeit einbüßt, bleiben „Dreaming Methods“-Projekte Leseerfahrungen.

wasteIm Überblick seines Schaffens werden mehre Themen sichtbar, die Andy Campbell immer wieder aufgreift: Das innere Erleben von „Wahnsinnigen“, zentrales Thema seines ersten Werkes „Fractured“, mysteriöse Ereignisse, die das Leben der Protagonisten massiv beeinflussen, z.B. das unerklärliche Erscheinen von Steinskulpturen und Dimensionsrissen in „Clearance“, Zerstörung, sichtbar in einer Vielzahl von Werken, in „Surface“ verbrennt der Protagonist alle sein Hab und Gut, „Joyride“ erzählt von einem Autodiebstahl, der in einem Unfall endet und in „Floppy“ erhält man Einblicke in eine vermeintlich unlesbare Diskette.

Weiterhin thematisiert er die Beziehung zwischen Autor und seinem geschriebenen Werk („The Scrapbook“ oder „The Rut“). Zentral ist darüber hinaus wie eingangs erwähnt das Thema (Alp-Träume), so erzählt er in „Inside: A Journal of Dreams“ von den bedrückenden Träumen, die den Überlebenden einer Gasexplosion verfolgen. In den letzten Werken verarbeitet der Autor nach eigenen Angaben autobiographische Erinnerungen an seine eigene Schulzeit und die Beziehung zu seiner Großmutter in gewohnter Mystery-Atmosphäre.
Wer nach diesem Artikel Lust bekommen hat sich in „Dreaming Methods“ einzulesen, dem sei für einen ersten Überblick die im September erschienene Anthologie Impossible Journal #1 empfohlen, die die letzten drei Werke „Nithinggale Playground“, „Dim O Gauble“ und „Clearance“ enthält. Außerdem sehr lesenswert ist der Titel „The Virtual Disappearance of Miram“ die in Zusammenarbeit mit dem Autor Martyn Bedford enstanden ist.

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Zugeordnete Tags: digital fiction • dreaming methods

Der Artikel "Digital Fiction: Ein Portrait von “Dreaming Methods”" wurde am 2. November 2010 (Dienstag) um 21:27 Uhr von Nicolai geschrieben. Nicolai Eckerlein (Xing) arbeitet als freier Mitarbeiter bei der eBook-Plattform Textunes in den Bereichen Enriched Media und XML-Transformation an der Zukunft des digitalen Publizieren.

1 Kommentar

Was sagst du dazu?



  1. 3. November 2010
    02:09 Uhr

    Permalink

    Thomas Knip schreibt:


    Ich wusste gar nicht, dass lesen.net ein Feulleton hat. ;-)

    Im Ernst, interessantes Projekt, das das Buch als Erzählmedium hinter sich lässt.

    Ich frage mich halt nur, ob Autoren in Zukunft dann Programmierkenntnisse brauchen oder sich zwingend einen Designer mit Programmierfähigkeiten suchen müssen – denn “nur Schreiben” ist das ja dann nicht mehr.
    Das geht schon eher in Richtung “narrativer Kurzfilm”.

    Trotzdem, hat Potenzial.




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