18. Juni 2009 (Donnerstag) - von Johannes
Nichts gelernt: DRM auf dem Vormarsch
Gut zwei Jahre ist es inzwischen her, dass eBooks für tot erklärt wurden. In einem vielbeachteten Artikel gab das Wired Magazine gängelnden Kopierschutz-Maßnahmen die Schuld dafür, dass digitale Bücher noch immer nicht den ganz großen Durchbruch geschafft haben.
Und während anno 2009 zumindest die Musikindustrie ihre Lektion gelehrt hat und MP3s inzwischen vorwiegend ganz ohne Kopierschutz anbietet – selbst bei iTunes sind immer mehr “freie” Tracks zu finden -, scheint in der Verlagsbranche die Furcht vor copy’n'paste und illegalen Tauschbörsen immer noch übermächtig zu sein.
Gestern kündigte Libreka, der eBook-Shop vom Börsenverein des deutschen Buchhandels, die Einführung eines neuen Kopierschutzes an. Verlage haben vom 15. Juli an die Möglichkeit, ihre Inhalte mit dem knallharten Adobe-DRM zu versehen.
So gesicherte Bücher können nur 6x heruntergeladen werden, das Markieren oder Kopieren von Text ist nicht möglich. Die Darstellung der Inhalte ist nur mit Adobe Digital Editions und eReadern möglich, die das DRM-System unterstützen. Die komplette Amazon Kindle Familie beispielsweise gehört nicht dazu.
Genauso wie das vorher bei Libreka eingesetzte Wasserzeichen (Eintragung der persönlichen Daten des Käufers ins Dokument) primär eine psychologische Wirkung hatte, geht auch vom harten DRM ein Signal aus. Der Kunde hat hier nicht mehr das Gefühl ein digitales Buch zu kaufen, sondern allenfalls zu leihen. Wird das Lesegerät gewechselt oder geht der genutzte Online-Shop pleite, ist das eBook noch einmal zum vollen Preis (häufig auf Taschenbuch-Niveau) zu erwerben. Das ist kaum vermittelbar.
Auch die technische Barriere zur Lektüre von digitalen Büchern steigt drastisch. Wer sich vor dem Kauf von Sony Reader & Co. einen Leitfaden zum Erwerb von DRM-geschützten Inhalten (etwa bei buch.de) zu Gemüte führt und zum technisch weniger affinen Teil der Buchkäufer gehört, dürfte sich die Kaufentscheidung noch einmal überlegen. Das gleiche gilt bei einem Blick in einschlägige Communitys.
Wer wie der kleine eBook-Shop Beam den radikalen Weg wählt, DRM-geschützte eBooks komplett aus seinem Angebot zu verbannen, handelt nur auf den ersten Blick kundenfreundlich. Denn entscheidend für den Markterfolg von eBooks ist und bleibt eine große Auswahl an interessanten (& fair bepreisten) eBooks.
Vielmehr müssen die Verlage zur Einsicht kommen, dass sie sich mit einer Gängelung und Kriminalisierung der Kundschaft ins eigene Fleisch schneiden. Eine Branchentagung gestern offenbarte mal wieder, wie weit die Verleger immer noch von diesem Standpunkt entfernt sind (“Das Internet ist kein rechtsfreier Raum“).
Ein Blick in Tauschbörsen zeigt, dass kaum gekaufte eBooks illegal weitergegeben werden – ob mit DRM oder ohne. Was bei Bittorrent & Co. momentan getauscht wird, sind im Wesentlichen (häufig minderwertige) Scans oder Abschriften von Büchern, die es noch gar nicht als deutsches eBook gibt.
Noch ist der Zug für die Verlage nicht abgefahren, die Fehler von Musik- und Filmindustrie müssen nicht wiederholt werden. Verstümmelte Inhalte zum Vollpreis werden sich Bücherfreunde aber nicht lange gefallen lassen und sich früher oder später Alternativen schaffen.
Einen ersten Schritt in Richtung Kundenfreundlichkeit sollte der Börsenverein zudem zeitnah mit einer grundsätzlichen Überarbeitung von Libreka! machen. Das Portal ist nach wie vor eine Usability-Katastrophe.
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Der Artikel "Nichts gelernt: DRM auf dem Vormarsch" wurde am 18. Juni 2009 (Donnerstag) um 13:33 Uhr von
Johannes geschrieben.
Johannes Haupt ist Chefredakteur und Herausgeber von lesen.net.
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18. Juni 2009
19:22 Uhr
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Hans-Jörg schreibt:
Es wird immer so dargestellt, als wären die Verlage bzw. die Verantwortlichen dort etwas blöd, als würden sie ihrem eigenen Erfolg im Wege stehen. Vielleicht wollen sie ja gar keinen Erfolg. Wenn eBook-Reader eine weite Verbreitung finden, wird sich ein durchschnittlicher Autor, der von einem durchschnittlichen Verlag bezüglich Lektorat, Werbung usw. nicht viel zu erwarten hat, genau überlegen, ob er sein Buch nicht für den Preis, der seinem mageren Anteil einer Druckversion entspricht, selbst im Internet verkauft.
18. Juni 2009
21:46 Uhr
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Johannes schreibt:
Hallo Hans-Jörg,
sicherlich sehen die Verlage die Gefahr für sich bei einem Erfolg des “digitalen Buchs” und fungieren teilweise bestimmt auch bewusst als Bremser. Aber eben damit schaden sie sich denke ich am meisten – einer solchen Entwicklung kann man sich nicht in den Weg stellen. Statt die immer glecihen Ängste zu schüren, sollten sie über einen Umbau ihres Geschäftsmodells nachdenken und sich vielleicht künftig mehr auf Marketing-Dienstleistungen für die Autoren konzentrieren – egal in welchem Umfeld.
Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit. (um mal eine Phrase zu dreschen)
Ciao
Johannes
22. Juni 2009
12:28 Uhr
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rreske schreibt:
ich bin seit kurzem ernsthaft mit dem thema “ebook” befasst. da ist man ganz schnell wieder am zweifeln, ob das wohl langzeitlich sinn macht. mir geht es nicht darum, lang und breit über mißbrauch zu orakeln, ich tu es nicht und punkt. wenn ich mir dann noch vorstelle, daß ein wissenshungriger eben kein geld für ein fachbuch hat und nun sich wissen in einem “geklauten FACH-buch aneignet, jaja, das sind unsere probleme in deutschland. weil ich aber nun die bücher käuflich erwerbe, stinkt der schutz (ich sage nutzungseinschränkung dazu) mich ganz tüchtig an. meister im gesamtkonsens ist hier ja wohl ciando: zum einen eine unschlagbare auswahl an fachbücher der verschiedensten kategorien und dann dieser besch…. drm-sch….; andererseits gibt es derzeit vom format her gesehen nur den DR 1000 S in seiner displaygröße…., aber der kann das drm nicht lesen. na wenn schon profigerät, warum dann diese einschränkung. ich denke, beam liegt richtig mit der vereinfachung der bücher , die man kauft…., vielleicht sind es mal mehr fachbücher, wer weiss. aber nur so gehts, daß verlage wie ciando dann auch reagieren müssen…..puh, musste mal gesagt werden, soviel sollte es garnicht werden … tschüssi