Von Johannes
Sarrazin eBook: Treibt Porno-Effekt den Umsatz?
Deutschland schafft sich ab von Thilo Sarrazin ist auf einem guten Weg zum meistverkauften deutschsprachigen eBook aller Zeiten. “So einen Hype gab es noch nie”, zitiert das Börsenblatt den eBook-(Groß)Händler Ciando, das RandomHouse/Bertelsmann Verlagslabel DVA hat flugs seine Rechtsanwälte auf die Ausschöpfung vom Nebengeschäft “Filesharer abmahnen” den Schutz des geistigen Eigentums angesetzt. Die Gründe für den einzigartigen Erfolg des eBooks sind vielfältig, Parallelen zu Erwachsenenliteratur naheliegend.
1) die gedruckte Ausgabe war infolge der breiten medialen Berichterstattung praktisch mit dem Verkaufsstart vergriffen; gegenwärtig müssen bei amazon.de 1-3 Wochen Lieferzeit in Kauf genommen werden – bei der Konkurrenz und im stationären Buchhandel sind die Wartezeiten ähnlich. Nichts desto trotz hat es das Sachbuch in seiner zweiten Verkaufswoche auf Platz 1 der Spiegel-Bestsellerliste geschafft.
2) neben der naturgemäß problemlosen Verfügbarkeit lockt beim “Deutschland schafft sich ab” eBook auch eine (leider immer noch nicht selbstverständliche) Preisersparnis. 23 Euro kostet die gedruckte Ausgabe, 19 Euro ihr digitales Pendant – eine Differenz von immerhin vier Euro bzw. knapp 20% für ein Buch von mutmaßlich begrenzter Halbwertszeit und mäßigem Wiederlese- und Weitergabewert.
3) unabhängig von der eigenen Einstellung zu Sarazzin, zu in seinem Buch thematisierten (angeblichen) Tabus und zur rattenschwänzigen gesellschaftlichen Debatte: “Deutschland schafft sich ab” polarisiert, dafür genügt ein Blick in Google News oder auf die amazon.de Kundenrezensionen. Aus verschiedenen Gründen – subjektiv empfundener Scham, je nach Umfeld verspürten Gruppendruck, … – werden viele Interessierte ungern mit dem physischen Buch in der Hand gesehen werden wollen.
Online-Shops bieten zunächst einmal eine unpersönliche Shopping-Möglichkeit, beim eigentlichen Leseprozess bliebe aber nur der Rückzug in die eigene Privatsphäre – das gegenwärtig verräterische knallrote Cover dürfte in der Öffentlichkeit zumindest erkennende Blicke, aber sicherlich auch das eine oder andere Feedback auf sich ziehen. Maximale Verschleierung bietet dagegen das eBook: Gekauft und gelesen wird anonym und digital – um den geschmökerten Inhalt zu identifizieren, müssten Neugierige schon einen längeren Blick auf eReader-/Tablet-/Laptop-Display werfen.
Den gleichen Effekt macht sich unter anderem Matthias Heubach zunutze, der mit seinen erotischen Blue Panther Books seit langem die Charts praktisch aller (das Sortiment anbietender) eBook-Händler dominiert – im iTunes App Store Kategorie Bücher sind gegenwärtig vier der fünf meistverkauften Titel erotischer Natur (s. Screenshot). Viele eBook Stores verzichten übrigens bewusst auf die Anzeige von Verkaufscharts, weil sich dort ein ähnliches (möglicherweise anderweitig Interessierte abschreckendes) Bild bieten würde.
Neben wissenschaftlichen Schriften ist Erotik die Buchgattung, welche am schnellsten im digitalen Raum Fuß fasst. Fachbücher profitieren in digitaler Form von spezifischen Vorzügen digitaler Dateien (Suchfunktion, Mobilität, …), und auch erotische Literatur profitiert von einer spezifischen Eigenschaft vom neuen Trägermedium: Der Anonymität des gesamten Leseprozesses von Inhaltskauf bis -rezeption.
Kontroverse Bücher haben in digitaler Form denselben soziologischen Bonus, werden nach Möglichkeit wenig offensichtlich konsumiert – natürlich unter Vorbehalt sonstiger Einflussfaktoren. Wer sich vor dem Feedback seiner umgebenden Mitmenschen fürchtet, Lesen am Bildschirm aber generell ablehnt, wird eher zuhause schmökern als sich mit elektronischem Lesegerät in seine bevorzugte Outdoor-Leseumgebung setzen. Gleiches gilt für Lesefreunde, die generell eher zuhause lesen, sich nicht an den Reaktionen Anderer stören oder mit der bewusst offensichtlichen Lektüre eines umstrittenen Titels vielleicht sogar ein Signal an die Umgebung senden wollen.
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14 Kommentare
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10. September 2010
08:44 Uhr
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microm schreibt:
Ich sage dazu:
Zitat
23 Euro kostet die gedruckte Ausgabe, 19 Euro ihr gedrucktes Pendant…
/Zitat
wa wa was?
10. September 2010
08:54 Uhr
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Johannes schreibt:
Korrigiert, dankeschön.
Ciao
Johannes
10. September 2010
10:04 Uhr
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stefan schreibt:
Die Lieferzeit ist bei Amazon zwischenzeitlich auf 2-4 Wochen hochgegangen. Interessant wäre zu wissen, wie die genauen Verkaufszahlen aussehen. Kann man die in Erfahrung bringen?
10. September 2010
11:16 Uhr
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carokann schreibt:
Sehr zutreffende Überschrift, Johannes! ;-)
Das Buch war übrigens nicht von Null auf Platz 1 eingestiegen, sondern der Abverkauf der ersten Auflage von, wie man hörte 70.000, reichte nur für Platz 2.
10. September 2010
21:28 Uhr
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Frithjof Klepp schreibt:
Guter Kommentar! Ich werde Dich unter dem “Börsenblatt-Kommentar” von heute verlinken…
11. September 2010
00:20 Uhr
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Thomas Knip schreibt:
Je nun, würde man “Mein Kampf” als eBook herausgeben, würde es denselben Effekt erzielen.
Provokantes hat sich schon immer gut verkauft, erst recht, wenn man es unter einem Deckmäntelchen erwerben kann.
Nur gehen die Autoren von blue panther leider nicht auf Lesetour wie Sarrazin … ;-)
11. September 2010
22:53 Uhr
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um schreibt:
meine vermutung ist, dass die meisten gedruckten exemplare gar nicht gelesen werden. da kaufen sich leute ein buch, von dem sie meinen, es sei provokant und würde bisher unsägliches sagen – und dann stellen sie fest, das dieses “sachbuch” recht langweilig ist. möglicherweise ergeht es dem e-book genauso. sarrazin ist eben doch nicht so sexy, wie der medienhype uns glauben machen will. in gewisser weise pornografisch, das ja. aber ein schlechter porno ist eben nicht erotisch. und auch herr sarrazin ist ja alles andere als eloquent. also haken dran. letztlich hat das ganze kaum wirklich bedeutung. es ist: nichts.
13. September 2010
23:42 Uhr
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JohnS schreibt:
Einige Kommentare zu diesem Feedback haben mir persönlich überhaupt nicht gefallen.
Anscheinend haben nicht alle begriffen wozu dieses Feedback gut sein sollte.
Es geht viel mehr um den “Effekt”, um die Reaktion, was dieses Buch hervorgebracht hat. Es geht nicht unbedingt um den Inhalt, sondern mehr um das in diesem Falle “diskrete lesen” und zwar auf einem e-Book-Reader.
Also Jungs, nochmal genau lesen, über das gelesene NACHDENKEN und erst danach Kommentieren.
Johannes du bist ein Genie, vielen Dank für das Feedback!!!
16. September 2010
18:13 Uhr
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Andrzej Tokarski schreibt:
Toller Artikel. Das mit den Erotik Büchern ist klar. Ich frage mich aber auch, wie Amazon die Top 100 Kindle Liste erstellt, denn dort findet man keine Erotik Bücher.
Ich kenne übrigens zwei Frauen, die sich nur einen E-Book Reader gekauft haben um darauf irgendwelche Vampir Erotik Romane zu lesen^^
@Thomas Knip Man kann “Mein Kampf” für den Kindle kaufen
Wie kommt es eigentlich, dass die deutschen E-Books noch so teuer sind? Hat das was mit der Buchpreisbindung zu tun? Oder vielleicht weil Amazon hier noch nicht aktiv den Kindle und E-Books vertreibt…
22. September 2010
20:05 Uhr
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Lalaaaa schreibt:
Der Artikel ist absoluter Blödsinn. Niemand schämt sich dafür, das Sarrazin-Buch zu erwerben. Wenn es diese unterstellte Schma gäbe, wäre das Buch nicht auf Platz 1. Da hat der Autor (des Artikels) schon eine eigenartige Vorstellung. Vielleicht weil er meint, man müßte sich dafür schämen. Aber das ist sein Problem.
13. Dezember 2010
14:32 Uhr
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Tholio der Sarrazene schreibt:
Wann kam das E-Book auf dem Markt an? Es gibt nämlich den Verdacht, daß es schon vor dem Marktstart in Filesharing-Netzwerken auftauchte. Das würde aber bedeuten, daß die Abmahnmaffia dieses gezielt als Köder ausgelegt hat. Was natürlich erhebliche rechtliche Konsequenzen haben wird.
Gruß Thilo
17. Dezember 2010
12:01 Uhr
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Klaus Lage schreibt:
Ich hab das Buch gelesen, es ist unerträglich geschrieben und die Statistiken werden einseitig analysiert. Das Buch ist weder wissenschaftlich, noch unterhaltsam. Ein Zwitterwesen, mit dem die Menschen nur ihren Hass nähren wollen.