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7 Gründe, warum sich Leser von Büchern abwenden

Der deutsche Buchmarkt bröckelt, quer durchs Land und durch die Sortimente gehen die Umsätze zurück. Und: Die Abwärtsspirale dreht sich immer schneller, Jahr für Jahr werden mehr Leser zu Nicht-Lesern. Marktforscher sehen dafür eine ganze Reihe von Ursachen.

Im Auftrag des Branchenverbandes Börsenverein hat das Markforschungsinstitut GfK den deutschen Buchmarkt vermessen, am heutigen Donnerstag wurden auf einer Fachtagung des Verbandes die Ergebnisse präsentiert. Und die haben es in sich. Gemäß der GfK gingen dem deutschen Buchhandel 6,1 Millionen Käufer verloren – und zwar nur in den Jahren 2012 bis 2016. Und der Trend setzt sich fort, allein im ersten Halbjahr kamen weitere 600.000 Nicht-Käufer hinzu (= Menschen, die in den letzten 12 Monaten nicht mindestens ein Buch kauften, in den 12 Monaten zuvor aber schon).

Verbliebene Leser geben mehr Geld aus

Den Leser-Rückgang bekommt die Buchbranche mit voller Wucht zu spüren, die Umsätze sind seit Jahren rückläufig. Etwas abgefedert wird der Effekt allein dadurch, dass die verbliebenen Buchkäufer im Durchschnitt immer mehr Geld für ihr Hobby ausgeben. 2016 ließ jeder der noch 30 Millionen deutschen Buchkäufer rechnerisch 134,29 Euro in (Online-)Buchhandlungen, 2015 waren es noch 122,78 Euro.

Warum werden in Deutschland immer weniger Bücher von immer weniger Menschen gekauft? Die GfK hat in Fokusgruppen-Gesprächen sieben Gründe dafür identifiziert, die die Börsenvereins-Publikation Börsenblatt wie folgt zusammenfasst.

  1. Zeitknappheit durch wachsendes Angebot an Freizeitaktivitäten
  2. Aufmerksamkeitsdefizit durch “information overload”
  3. Abhängigkeit von digitalen Medien
  4. Verlust der Konzentrationsfähigkeit
  5. wachsende Bedeutung von Videostreaming
  6. gesellschaftliche Rolle des Bücherlesens wird schwächer
  7. die digitale (Arbeits-)Welt ist immer kürzer getaktet und setzt in wachsendem Maße die Bereitschaft zum Multitasking voraus

Zusammengefasst haben viele Menschen immer weniger Zeit und immer weniger Muße dazu, sich auf lange zusammenhängende Texte einzulassen. Und gesellschaftlich auch nicht notwendig, weil im Büro und auf Partys eher über die neueste HBO-Serie gesprochen wird als über aktuelle Spiegel-Bestseller.

Mehr Zeit zum Lesen denn je – theoretisch

Auf der Suche nach Hoffnungsschimmern verweist der Börsenverein darauf, viele Umfrage-Teilnehmer würden es bedauern, nicht mehr zum Lesen zu kommen. Wobei es natürlich tatsächlich eher eine Frage der persönlichen Prioritäten als eine der Freizeit ist, die nie so üppig ausfiel wie heute, aber eben mit vielen anderen Aktivitäten gefüllt wird.

Versuche aus der Branche, dem Umsatzschwund mit neuen und an die Konsumgewohnheiten angepassten Formaten entgegenzutreten, sind bislang gefloppt (Enhanced eBooks, Geschichten-App Oolipo) oder fristen ein Nischendasein (kurze serielle Formate). Tatsächliche Wachstumsfelder waren in den vergangenen Jahren interessanter Weise vor allem Formate, die traditionelle gedruckte Bücher 1:1 abbildeten, nämlich eBooks und Hörbücher (und hier vor allem die ungekürzten Fassungen vornehmlich von Audible). Ein Umstand, der die Entwicklung neuer Geschäftsfelder für Verlage und Händler nicht eben erleichtert. 

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Kommentare


Martin 18. Januar 2018 um 17:17

Zu ihren eBook Tipps habe ich mal eine Frage. Seit einiger Zeit fällt mir auf, dass sie den eBook-Vertreiber/Anbieter "Kobo" nicht mehr mehr bei ihren wöchentlichen eBook Tipps erwähnen.
Dies, obwohl Kobo eine Vielzahl ihrer eBook Tipps durchaus im Sortiment hat.
Es werden jetzt als Bezugsquelle ausschließlich Amazon, Thalia, Hugendubel, Weltbild, buecher.de, ebook.de, erwähnt. Warum sparen sie Kobo ggü. den erwähnten anderen eBook Anbietern aus? Bin selber Kunde bei Kobo bzw. Rakutenkobo und sehr zufrieden mit dem eBook-Reader bzw. mit der App auf meinem iPod Touch und dem Angebot an eBooks.
Würde mich über eine Antwort freuen.

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Johannes Haupt 19. Januar 2018 um 13:17

Siehe hier im zweiten Absatz.

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Werner Schmidt 18. Januar 2018 um 17:33

Schon mal darüber nachgedacht, dass die Qualität der angebotenen "Literatur" auch ständig schlechter wird?
Im Buchhandel liegt eine vollmundig angepriesene Schwarte neben der anderen, und die Buchhändler finden sich oft selbst nicht mehr zurecht in diesem Wust der von den Verlagen auf den Markt geschmissenen Worthülsen zwischen zwei Buchdeckeln. Ich habe manchmal den Eindruck, dass selbst Lektoren keine Lust mehr haben, das, was ihnen auf den Tisch kommt, ordentlich zu lektorieren. Dass ein so genannter Autor (Übersetzer inklusive) heute noch mit den Feinheiten der deutschen Sprache vertraut sind, scheint mir so selten wie ein Sechster im Lotto.

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flo 19. Januar 2018 um 15:16

als vielleser habe ich beobachtet, dass ich kaum noch aktuelle literatur kaufe sondern nur ‚ältere‘ buecher lese… das liegt wohl hauptsaechlich daran, dass ich weder auf romantacy noch auf hausfrauenpornos und schon garnicht auf selbstverlegten wortdurchfall stehe. etwas anderes wird ja kaum noch angeboten. hochkaraetige fremdsprachige autoren werden teilweise nicht einmal mehr uebersetzt, hierzulande schreiben nur noch hausfrauen in ihrer freizeit. die deviese der verlage: mit moeglichst wenig aufwand moeglichst schnell moeglichst viel kohle zu schaeffeln konnte ja nicht ewig gut gehen… aber natuerlich sind die (dummen, gestoerten) leser schuld und nicht die verleger, die den hals nicht voll bekommen… schoene neue welt…

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Leselurch 19. Januar 2018 um 17:54

Ich glaube nicht, dass es an der Qualität der Literatur liegt – da ist immer noch genug für alle Geschmacksrichtungen da. Die oben angeführten Punkte sind schon richtig – vor allem wurde die Lesefähigkeit und das Textverständnis von den Schulen seit mindestens einer Dekade systematisch nach unten gefahren, was sich jetzt natürlich bemerkbar macht (nur ein Beispiel: im modernen, 2-spaltigen Schulbuch entspricht die Zeichenzahl pro Zeile dem, was vor 15 Jahren noch für Dyslexie empfohlen wurde). Dazu kommt natürlich noch die hohe Ablenkung durch andere Medien und Freizeitangebote. Lesen ist immer noch etwas, das Zeit erfordert, die investiert werden will, dass ist natürlich für eine Gesellschaft, die alles will und das schnell immer weniger attraktiv. Abgesehen davon sind Buchhändler immer noch ziemlich elitär und viele Buchhandlungen bieten nicht den Service, den man heutzutage unter der Konkurrenz von Amazon und Co. erwarten würde. Statt auf Qualität (typografisch, herstellerisch) zu gehen, machen die Verlage in ihren Büchercamps lieber Experimente im digitalen Nonsensbereich (Stichwort: Enhanced Books) und diverse Leihangebote.

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Pesche Helfer 19. Januar 2018 um 19:07

Die Argumente kann ich jetzt nicht ganz nachvollziehen. Im Berufsalltag müssen weitaus kompliziertere (und langweiligere) Texte gelesen, verstanden und auseinandergenommen werden. Auch braucht es deutlich mehr Konzentration, einen solchen Text zu lesen (kompliziert, staubtrocken, Lärm im Büro). Wenn jemand nicht mal die nötige Konzentration aufbringen kann, um einen Roman zu verstehen, wie kommt er/sie dann im Berufsalltag zurecht?

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M.P. Anderfeldt 20. Januar 2018 um 09:02

> Im Berufsalltag müssen weitaus kompliziertere (und langweiligere) Texte gelesen, verstanden und auseinandergenommen werden.

Das trifft sicher nicht auf alle Berufe zu.
Und es geht nicht nur um die Frage, ob man die Konzentration "aufbringen kann", als vielmehr, ob man das möchte. Ein Buch lesen ist eben anstrengender als einen Film zu schauen – und in dem Bereich ist ja seit Netflix & Co. das Angebot deutlich gewachsen. Das Buch muss sich nicht mehr nur gegen Musikantenstadl oder Dschungel Camp behaupten, sondern gegen Serien wie Game of Thrones oder The Man in the High Castle.

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Lita Grey 20. Januar 2018 um 07:19

Die Qualität der Bücher ist wirklich gesunken. Was da so veröffentlicht wird ist irgendwie alles das Gleiche, mit praktisch identischen Covern und Titeln und Inhalt. Und immer alles in eine Richtung. Wird ein halbwegs erfolgreiches Buch veröffentlicht, springen alle auf den Zug und schreiben in die selbe Richtung. Ich habe mittlerweile Probleme die Dinger auseinanderzuhalten. In riesiger Schrift gehalten und somit künstlich auf 500 und mehr Seiten aufgebläht, bei normaler Schrift und Zeilenabstand wären es höchstens 150 Seiten. Da kann man dann natürlich keine 15 Zechinen verlangen. Die Preise sind allgemein zu hoch. Da werden Euro 14,99 für ein Taschenbuch verlangt, man rechne mal heimlich in DM um, hätte früher niemand gekauft. Von den Preisen für E-Books gar nicht zu reden. Gleicher oder nur unwesentlich niedrigerer Preis, ohne Logistik, Lagerhaltung, Papier, Druckkosten usw. und dann darf man das Buch noch nicht einmal weiterverkaufen, weil es einem praktisch nicht gehört. Da kommt viel zusammen, was die Verlage überdenken sollten.

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Neonblade 22. Januar 2018 um 02:20

Ich kann dem nur zustimmen. Seit etwa 3 Jahren kaufe ich jährlich immer weniger Bücher, weil mir die Preispolitik der Verlage mittlerweile gewaltig gegen den Strich geht.

Ich lese eigentlich nur noch eBooks, und während diese vor einigen Jahren noch im Schnitt 30% günstiger waren, als die gedruckte Variante, sind es heute oft 10-12%. Für eine Textdatei, ohne all die Kosten, die beim gedruckten Buch anfallen, ein hoher Preis.

Den Gipfel hat es dann vor knapp 3 Jahren erreicht, als ein neues Buch als Hardcover für 29,90 Euro in den Handel kam. Das eBook sollte 22,90 Euro kosten (nochmal: für eine Textdatei). Etwa 1 Jahr später wurde der Titel als Taschenbuch veröffentlicht, zum Preis von 12,90 Euro. Da wurde der Preis des eBooks dann auf 9,90 Euro gesenkt. Liebe Verlage, wen wollt ihr verarschen? Es ist dasselbe eBook, dieselbe Textdatei (nur mit einer Textänderung im Impressum).

Dazu kommt, wie schon von anderen geschrieben, tatsächlich eine mindere Qualität vieler Bücher. Zuletzt erlebt bei Stephen Kings Sleeping Beauties. Mal abgesehen davon, dass das Buch auch gerade noch als gut durchgeht (King war schon besser!), ist die deutsche Übersetzung eine Katastrophe. Nicht einmal den Unterschied zwischen als und wie kennt der Übersetzer (sehr oft die falsche Variante gewählt), dazu auch mal falsch übersetzt oder Sinn entfremdet.

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Haberkorn, Carola 22. Januar 2018 um 19:02

Ich bin immer wieder erstaunt das der Buchhandel jammert, der Anteil an ebooks stagniere , oder sei sogar rückläufig. Das ist doch Augenwischerei. Ein jedes Buch wird digitalisiert und anschließend entweder gedruckt oder als ebook verkauft. Dann werden aber Bücher ü er einen langen Zeitraum ausschließlich als Hardcover verkauft. Für viel Geld. Das ebook wird entsprechend ebenfalls teuer verkauft. Der Kunde ist doch nicht dumm. Der Autor bekommt von diesen hohen Preisen das Wenigste und auch det Übersetzer verdient keine goldenen Berge. Die ebook Gelder wandern 1:1 in den Profit. Selbst bei Taschenbüchern sehe ich in dieser Beziehung Handlungsbedarf. Denn bei der digitalen Ausführung eines Buches entsteht weder Ausschuss noch bleibt ein Berg gedruckter unverkaufter Bücher auf Halde, der dann am Ende eventuell in der Verbrennung endet.

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Mike 10. März 2018 um 22:48

Warum wundert man sich in keinem Verlag darüber, dass der Umsatz mit antiquarischen Büchern über die letzten 14 Jahre beinahe gleich geblieben ist? (14 Jahre, weil ich keine weiter reichende Statistik gefunden habe). Und dass, obwohl es einen Preisverfall in dieser Branche gibt, der unzählige kleine Antiquariate zum Aufgeben gezwungen hat.
Niedrigere Preise und gleicher Umsatz bedeutet: Es wurden immer MEHR Bücher antiquarisch verkauft.
Nun, auch ich kaufe immer mehr Bücher antiquarisch, in den letzten Jahren fast ausschließlich, oft sogar zu einem höheren Preis als der ursprüngliche VK. Warum?
Die anderen Kommentatoren haben es ja auch schon geschrieben, weil fast nur noch Schrott verlegt wird. Die Verlage sitzen auf den Rechten für Bücher wichtiger und großer Autoren, die Auflagen sind längst vergriffen, aber es wird nichts mehr davon gedruckt (aber laut geheult, wenn so ein Buch illegal als e-book auftaucht).
Viele Bücher sind so gesucht, dass sie in den Antiquariaten für ein Vielfaches des ursprünglichen Preises gehandelt werden. Keinem Verleger gibt das zu denken.
Gute Bücher haben kleine Zielgruppen. Das hat den Verlagen früher, wegen der kleinen Auflagen, Probleme bereitet. Aber da man wusste, dass jeder einzelne Kunde seinen Teil zum Gesamtgewinn beiträgt, wurden auch kleine Auflagen erstellt. Heute spielt die Auflagenhöhe technisch eine untergeordnete Rolle. Elektronischer Satz und Print-on-demand ermöglichen Stückkosten fast unabhängig von der Auflage. Trotzdem sind kleine Auflagen absolut tabu, denn man hat ja schließlich Betriebswirtschaft studiert.
So liegt die Ursache für die Probleme der Verlage weniger im geänderten Leseverhalten als an der bornierten und dummen Haltung, dass man für eine „Gewinnmaximierung“ gerne auf den Teil der Leser verzichtet, der sich nicht mit dem vordefinierten Mainstream zufrieden gibt.
Nun herrscht in den Verlagen große Verblüffung darüber, dass der anspruchsvolle (oder einfach nur individuelle) Leser ihren Mist einfach nicht kaufen will. Deren Hauptzielgruppe, der wahl- und kritiklos alles verschlingende Leser, ist aber genau der, der immer häufiger zu bequemerer und billigerer Unterhaltung greift.

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