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Buchpreisbindung unter Beschuss – wenig Relevanz für E-Reading-Kosmos

Ein unabhängiges Beratungsgremium der Bundesregierung empfiehlt in einem neuen Gutachten die Abschaffung der Buchpreisbindung, was Schockwellen innerhalb der Buchbranche auslöste. Wirklich gravierende Auswirkungen hätte ein Fall der Preisbindung allerdings tatsächlich nur für den stationären Buchhandel, während gerade im Digital-Bereich Autoren, Leser und Verlage schon heute höchst preisflexibel agieren.

Das an diesem Dienstag veröffentlichte Sondergutachten mit dem harmlosen Titel “Die Buchpreisbindung in einem sich ändernden Marktumfeld” wurde von der Monopolkommission auf eigenem Antrieb hin ausgearbeitet. Anlass war ein 2016 vom europäischen Gerichtshof gesprochenes Urteil, die deutsche Preisbindung für Medikamente sei nicht mit der europäischen Warenverkehrsfreiheit vereinbar.

Buchpreisbindung: Legitimität und Nutzen unklar

Auf 90 Seiten führen die Monopolkommissare den Status Quo zur Buchpreisbindung auf. Im Fazit heißt es, die Wirksamkeit der Buchpreisbindung sei fragwürdig, sie könne den strukturellen Wandel allenfalls verlangsamen. Die rechtliche Legitimität eines solchen gesetzgeberischen schweren Markteingriffs sei ohnehin unklar, und eine Abschaffung der Buchpreisbindung könne sogar positive Auswirkungen für den “Schutzgegenstand Buch” haben (Erschließung neuer Zielgruppen durch effizienteren Vertrieb). In Summe lautet die Empfehlung der Kommission, die Buchpreisbindung abzuschaffen.

Gefahren nur aus Brüssel

Die Reaktionen aus der Branche kamen so schnell wie erwartbar. Der Lobbyverband Börsenverein  verwies etwa darauf, “die Buchpreisbindung bewahrt und fördert das Kulturgut Buch”. Zur Untermauerung arbeitet der Börsenverein derzeit an einem eigenen Gutachten, dass allerdings erst 2019 publiziert wird.

Von nationaler Seite hat die deutsche Buchbranche ohnehin erst einmal wenig zu befürchten. Die Buchpreisbindung ist im Koalitionsvertrag der aktuellen Bundesregierung explizit als erhaltenswert aufgeführt, die Kulturstaatsministerin zeigte sich bereits “fassungslos” über die Empfehlung der Monopolkommission. Wenn der europäische Gerichtshof die Buchpreisbindung für unrechtmäßig erachtet, wird der deutsche Gesetzgeber allerdings handeln müssen.

E-Reading: Preisaktionen, Flatrates & Co. schon heute

Kein Problem trotz Buchpreisbindung: eBook Deals

Gleichwohl würde ein Fall der Buchpreisbindung – abseits des stationären Buchhandels – vermutlich gar nicht so viel ändern, vor allem im Digital-Bereich. Hier sind regelmäßige Preisaktionen schon heute ein gewohntes Bild in den eBook Stores, um die Verkäufe des Titels beziehungsweise der Buchreihe anzukurbeln. Nur dass diese Aktionspreise derzeit eben von Verlagen respektive von Autoren initiiert werden und nicht von den Händlern (es sei denn Händler und Verlag sind identisch, Stichwort Amazon Publishing).

Bei rabattierten Verlagstiteln handelt es sich derzeit zumeist um ältere Titel. Allerdings gewährleistet ein Fall der Preisbindung noch lange nicht, dass auf einmal aktuelle Bestseller bei Amazon.de & Co. zum Schnäppchenpreis gehandelt werden. In preisbindungsfreien Märkten wie Großbritannien und den USA werden viele Verlagstitel nach dem Agency-Modell verkauft, bei dem der Verlag den Preis bestimmt. Wie eben aktuell in Deutschland auch. Auch innovative Geschäftsmodelle wie eBook Flatrates und Bundles werden durch die Preisbindung zwar erschwert, haben sich aber trotzdem einen Weg gebahnt. Während im Offline-Buchmarkt ein Fall der Buchpreisbindung also tatsächlich gravierende Konsequenzen hätte, würde sie im Digital-Bereich kaum Spuren hinterlassen. Schon gar nicht bei der Handels-Vielfalt, wo es schon heute mit Kindle und Tolino de facto ein Duopol gibt.

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Kommentare


unknown 3. Juni 2018 um 23:44

Den Ausführungen der Monopol-Kommission könnte man folgen, wenn es eine funktionierende Konkurrenzsitutation gäbe. Dabei hat man aber wohl aber Amazon vergessen. Nach Aufhebung der Buchpreisbindung braucht Amazon nur für ein Jahr die Bestseller erheblich im Preis zu reduzieren (sagen wir mal für 25% des Originalpreises anzubieten), dann gibt es nach einem Jahr kein einziges Buchhandelsgeschäft mehr, auch nicht die heutigen Buchdiscounter Thalia oder Hugendubel. Amazon hat die Marktmacht, um das durchzuziehen. Die entstehenden Verluste hat man schnell wieder drin, wenn man das Monopol erobert hat und den Verlagen jegliche Konditionen vorschreiben kann.

Und ich finde es etwas kurzsichtig, keine Auswirkungen auf den eBook-Markt zu erkennen. Wenn die anderen Anbieter vom Markt verschwinden, dann gibt es auch im eBook-Markt nur noch das geschlossene Kindle-System und kein ePub-Format und keine DRM-freien eBooks bei alternativen Anbietern.

Zu pessimistisch? Ich lese gerne SF von Indie-Autoren. Da ist es schon heute so. Das eBook kostet bei Amazon 3,99 EUR (oder weniger) und die wenigen gedruckten Taschenbücher, soweit denn überhaupt welche erscheinen, liegen bei 12,99 EUR. Und werden so gut wie überhaupt nicht verkauft und daher im lokalen Buchhandel auch gar nicht erst im Regal zu finden (nur auf Bestellung zu erhalten).

Schon heute sind doch Buchhandlungen mit Kirchen zu vergleichen. Wirklich voll nur noch zu Weihnachten. (Weil man da noch schnell ein billiges Geschenk braucht.)

Daher meine Voraussage: Nach Aufhebung der Buchpreisbindung sind innerhalb eines Jahre alle örtlichen Buchhandlungen geschlossen und auch die großen Ketten wie Thalia oder Hugendubel haben einer agressiven Preissenkungs-Stategie und Querfinanzierung durch Amazon nicht stand gehalten. Die beliebtesten Taschenbücher gibt es als Ramschware bei den Lebensmittel-Discountern im Regal neben der Kasse und die Fachbücher, die es für Ausbildung oder Studium braucht, sind im Preis erheblich gestiegen. Und nach spätestens fünf Jahren stellt Amazon fest, dass man die Zustellproblematik nicht durch Drohnen oder selbstfahrende Lieferwagen löst. Sonst schlicht dadurch, dass man den Vertrieb von gedruckten Büchern einstellt und nur noch DRM-geschütze eBooks anbietet.

Antworten

unknown 3. Juni 2018 um 23:55

Ach ja, eines hatte ich vergessen. Das genannte Agency-Modell ist kein wirklicher Schutz. Auch wenn der Verlag den Preis vorschreibt, lässt sich das Ganze leicht durch innovative Rabattmodelle umgehen. Dann es eben eine virtuelle Form der Amazon-Guthaben-Karte, wo es dann entsprechende Prozente beim Kauf gibt. So wie bei den Itunes-Karten-Aktionen, deren Guthaben heute aber aufgrund der Preisbindung noch nicht für Bücher verwendet werden können.

Antworten

Lilith 6. Juni 2018 um 19:29

Meiner Meinung nach ein wenig übertrieben. Es hieß auch als die eBook auf den Markt kamen, dass es keine Papierbücher mehr geben wird; als die ersten Hörbücher auf den Markt kamen, sagte man Bücher zum lesen werden ganz verschwinden; als das Fernsehen erfunden wurde, hieß es ebenfalls das es keine Bücher geben wird… und so weiter und so fort.
Am werden die Veränderungen kaum spürbar sein.

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