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FAZ erklärt, warum selbstpublizierte Bücher schlecht sind

Hast du dich auch schon einmal gefragt, warum genau Indie-Titel eigentlich durchweg unlesbarer Ramsch sind? Die Frankfurter Allgemeine hat eine einleuchtende Erklärung dafür. Und führt im gleichen Atemzug auch noch aus, warum “Werbeleute und Vermarktungsprofis” die Verlage kaputtmachen und viele Lektoren ansich gute Bücher ruinieren.

Ein Satz

In der Serie “Wie erkläre ich’s meinem Kind?” publiziert das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Erklärtexte zu Themen vom TV-Duell bis zur Gefahr eines Atomkrieg. Die Artikel sind im Sendung-mit-der-Maus-Stil gehalten, richten sich aber tatsächlich natürlich an Erwachsene, wie schon die maximal verschachtelten und komplizierten Satzkonstruktionen verdeutlichen (Merke: Ein über zehn Zeilen gestreckter Satz wirkt besonders intelligent). 

Pünktlich zur Frankfurter Buchmesse hat die Frankfurter Allgemeine einen Erklärtext zum Thema “Wozu Autoren Verlage brauchen” schreiben lassen, und zwar von Feuilleton-Redakteur Dietmar Dath, der selbst seit vielen Jahren Romane publiziert (zuletzt bei Heyne, Suhrkamp, S. Fischer).

Herausgekommen ist ein bemerkenswerter Rundumschlag, in dem Dath keinen Hehl aus seiner Abneigung zum einen gegen selbstpublizierte Bücher und zum anderen gegen alle macht, die auch nur im weitesten Sinne auf der ökonomischen Seite der Buchbranche stehen. Auch mit (seinen) Lektoren hatte Dath offenbar noch eine Rechnung offen.

Indie-Autoren fehlt die Zeit für gute Bücher!

Dabei ließe sich die Erklärung auf die Artikelfrage, “wozu Autoren Verlage brauchen”, eigentlich auf einen Satz eindampfen. Ohne Verlage sind Bücher einfach schlecht, meint Dath. Denn:

“Die Autorin oder der Autor können sich zwar auch noch darum kümmern, den Umschlag zu gestalten, die Werbung zu organisieren, die Herstellung, den Vertrieb und den Verkauf zu beaufsichtigen. Aber dann wird die Zeit, die das kostet, von der Zeit fürs Bücherschreiben abgezogen, oder das Buch wird eiliger geschrieben und deshalb schlechter” 

Das “oder” im letzten Halbsatz ist eigentlich unangebracht, denn das Buch wird in der Denke von Dath natürlich auch dadurch schlechter, dass aufgrund des Vermarktungsaufwands weniger Zeit zum Bücherschreiben bleibe. An anderer Stelle führt der Autor das auch noch einmal explizit aus:

Diese Bücher sind nicht besonders gut, weil den Schriftstellerinnen und Schriftstellern die Zeit fehlt, sie ordentlich zu schreiben. 

Dietmar Dath (branchenübliches Porträt)

Die Qualität der Publikationen von Indie-Autoren leidet also gezwungenermaßen darunter, dass die Autoren eigentätig Lektorat, Coverdesign, Herstellung und Vermarktung übernehmen oder an entsprechende Dienstleister delegieren, was von der Schreibzeit abgeht? Mit exakt der gleichen Argumentation ließe sich auch behaupten, Bücher von nebenberuflichen Schriftstellern wie Dietmar Dath sind per se Mist, weil den Autoren neben ihrem 40-Stunden-Job die Zeit und Muße für das Schreiben vernünftiger Texte fehlt. Während viele professionelle Indie-Autoren übrigens längst Vollzeit als Schriftsteller tätig sind und damit über ein viel größeres Zeitbudget verfügen – wovon dann eben auch etwas für Tätigkeiten abseits des Schreibprozesses abgeht.

Warum viele Lektoren verkappte Schriftsteller sind…

Dass es auch bei Verlagstitel Spreu und Weizen gibt, bestreitet der Autor überhaupt nicht. Schuld daran sind dann allerdings nicht die Schriftsteller, sondern die, die die Bücher eigentlich besser machen sollen:  Die Lektoren. Das liegt nicht zuletzt daran, dass viele Lektoren verkappte Schriftsteller seien, die bloß zu feige seien, sich selbst als hauptberuflicher Autor zu versuchen (ganz anders also als der Angestellte und nebenberufliche Schriftsteller Dietmar Dath).

 Manche [Lektoren] wollen sich dabei dann als Schriftstellerin oder Schriftsteller fühlen, da sie nur Lektorin oder Lektor geworden sind, weil sie sich davor fürchten, nirgends angestellt zu sein und als Schriftstellerin und Schriftsteller zu wenig Geld für Essen, Miete und Kleidung zu verdienen.

An erster Stelle rechnet Dietmar Dath in seinem Text allerdings nicht mit Indie-Autoren oder Lektoren ab, sondern mit den Marketing- und Vertriebsmitarbeitern in Buchverlagen. Das hat zwar überhaupt nichts mit der Fragestellung zu tun (“Wozu Autoren Verlage brauchen”), aber musste wohl einfach mal raus.

…und dumme Vertriebler die Verlage kaputtmachen

“Werbeleute und Vermarktungsprofis” machten demnach Verlage, in denen ihr Wort bei der Stoff-Findung und -Ausgestaltung Gewicht hat, “gründlich kaputt, denn ihre neue Macht über alle anderen Abteilungen macht sie unvorsichtig und dumm.” Sie würden allen anderen Abteilungen diktieren, wie erfolgreiche Bücher auszusehen hätten – was allerdings der falsche Weg sei, denn Leser wollten nicht “more of the same”. Unter einer beeindruckenden Ignoranz der wirtschaftlichen Gegebenheiten – nebst Blick auf die Bestsellerlisten – behauptet Dath, dass ökonomisch orientierte Verlage bald “kein Geld mehr haben oder durch große Internet-Paketverkäufer ersetzt werden”, während Verlagen, die diese Gesetzmäßigkeiten ausblenden, eine glänzende Zukunft beschieden sei.

1980 hat anrufen und will sein Feuilleton zurück

Der Text von Dietmar Dath ist zweifelsohne als Meinungsstück einzustufen und hat in sofern seine Daseinsberechtigung, offenbart aber doch ein erschreckendes Bild, das im Jahr 2017 in der neben dem ZEIT-Feuilleton wohl wichtigsten hiesigen Kulturredaktion vorherrscht (die ehemalige FAZ-Literatur-Chefin Felicitas von Lovenberg, inzwischen Geschäftsführerin von Piper, wurde übrigens just am heutigen Montag in den Vorstand des Börsenverein berufen). Wer sich wundert, warum im Literaturteil der Tageszeitung praktisch keine Indie-Titel besprochen werden – hier ist eine der Antworten.

Eine fundamentale Ablehnung von allem, was das primäre Ziel hat, mehr Bücher zu verkaufen, wird jedenfalls kaum die Antwort auf die verlegerischen – und schriftstellerisch-ökonomischen – Fragen dieser Zeit sein. Zumal Verlage eben nicht einzig “dazu da sind, den Schriftstellerinnen und Schriftstellern zu helfen”, sondern daneben noch ihren Kunden – den Lesefreunden – unterhaltsame Stunden mit entsprechender Lektüre bescheren und am Ende des Monats auch noch ihre Mitarbeiter bezahlen wollen. 

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Kommentare


Richard Wolter 10. Oktober 2017 um 14:37

8. Oktober 2017
บทกวี no. 94
die meisten derjenigen
die eitel das prädikat autor
neben ihren namen setzen
sind dem informierten leser
sehr oft unbekannt
zumeist leidlich talentiert
tappen zentrovertierte schreiber
nicht selten in die falle
schwülstiger text aufladung
ja sogar schulmeisterei
als wäre das
was sie gehobene rede nennen
ausschlaggebend in der lyrik
und deshalb
auf deubel komm raus
den törichten versuch unternehmen
unsere alltagssprache zu überbieten
dabei ist gute literatur
eher „wortkarg“
ergo präzis
verständlich
aber vor allem
fantasie anregend
© RW

Antworten

Christine Kayser 12. Oktober 2017 um 18:41

Für mich zählt nicht,
anonymer Kommentar
ohne Gesicht.
Christine Kayser Leipzig

Antworten

Mel 12. Oktober 2017 um 20:31

Daß Indiebücher generell nicht gut sind, ist Blödsinn. Es ist bloß für jedermann möglich ein Indiebuch zu veröffentlichen, daher tun das dann auch Leute, die nicht reflektieren und sich mit dem Schreibhandwerk niemals auseinandergesetzt haben. Das stellt dann leider semiprofessionelle und professionelle Indieautoren in ein schlechtes Licht.
Gute Lektoren sind hingegen wirklich schwer zu finden (übrigens gerade auch für Indieautoren) und ich selbst kenne Fälle wo Texte von hauptberuflichen Lektoren einfach nur verschlimmbessert wurden, weil diese einfach kein Sprachgefühl und keine Empathie für fremde Texte besaßen. Aber zum Glück gibt es auch gute Lektoren genauso wie es gute Indieautoren und auch gute Verlagsautoren gibt.

Antworten

Inca Vogt 13. Oktober 2017 um 11:08

Oweh, da hatte aber jemand reichlich Frust.

Ich bin eine dieser unsäglichen Indie-Autorinnen. Ich kann davon leben und kümmere mich auch um den ganzen anderen Rest, und es bleibt immer noch genug Zeit fürs Bücherschreiben übrig, weil genug Geld fürs Leben bleibt. Ich muss mir keinen Nebenjob suchen, um über die Runden zu kommen.

Übrigens arbeite ich mit selbstgewählten Lektoren und Korrektoren zusammen. Ob diese Option für Verlagsautoren besteht, bezweifle ich ;-)

Ich lass mir sogar genug Zeit dafür. Fürs Schreiben und Überarbeiten. Für mich ist es eine Frage der Ehre und der Wertschätzung für meine Leser, dass ich nur Bücher veröffentliche, hinter denen ich stehe. Bücher, über die ich mich auch gerne direkt mit Lesern und Bloggern austausche.

Auch das macht nur eine Handvoll Verlagsautoren. Die erfolgreicheren tun es allerdings auch.

Was diese Gräben zwischen Indies und Verlagsautoren sollen, erschließt sich mir nicht.
Es gibt gute und schlechte Bücher, unabhängig davon ob sie von einem Verlag oder Indie kommen. Es gibt aber auch gute und schlechte Kollegen und Typen, die nicht gelernt haben, was gute und schlechte Pressearbeit ist.

Sich über andere zu erheben, kommt selten gut an.

(Die bewusst einfache Wortwahl dieses Kommentars ist auch den Lesegewohnheiten im Netz geschuldet. Keiner von uns hat Zeit, sich mit verschwurbelten Satzkonstruktionen zu plagen. Sprache ist ein Medium, kein Selbstzweck)

Antworten

Babett Jacobs 13. Oktober 2017 um 16:52

… auch ich gehöre zu den Indies.

Und wie meine Vor-Kommentar-Schreiberin, Frau Inca Voigt – arbeite ich mit einem von mir gewählten Team zusammen.
Professionelles Lektorat, professionelle Illustration, Layout …

WARUM ist das so?

WEIL – es einen weit größeren Bedarf, mündiger Leser nach Nischenthemen etc. gibt, als die üblichen, von den Verlagen vollkommen abgedeckten und mit Personal auf Jahre hinaus besetzten, Sparten.

Ich stimme zu, dass eben JEDER die Möglichkeit hat ein Buch zu veröffentlichen …

ABER – letztendlich entscheidet der Leser, was Bestand hat.

Selfpublisher zu sein, heißt – über alle "normalen" Arbeitsleistungen hinaus – tätig zu sein.

AUSSERDEM – unser "Schrott" hat schon mehrfach von hoch anerkannten öffentlichen Institutionen und Arbeitsgemeinschaften das Prädikat "Sehr Empfehlenswert" erhalten …

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Ruprecht Frieling 13. Oktober 2017 um 18:07

Ausgezeichnet argumentiert, Johannes!

Antworten

Annina Boger 13. Oktober 2017 um 22:11

Dieser Beitrag macht mich rat- und fassungslos. Als ebenfalls "vollamtliche freie Schriftstellerin" wende ich enorm viel Zeit auf, um meinen Lesern und Leserinnen möglichst professionell geschriebene Bücher (das Genre Liebesroman z.B. auf gehobenem Niveau) anzubieten. Dass diese Zeit mir für "Vielschreiberei" dann abgeht, stimmt tatsächlich. Doch wie der dadurch entstehende finanzielle Druck ausgeglichen wird, ist doch sehr individuell und kommt auf die persönlichen Ansprüche und Verhältnisse an.
Leider gab und gibt es immer wieder schwarze Schafe, doch sind die LeserInnen ja nicht hilflos ausgeliefert. Ein Blick in die Leseprobe offenbart meist sehr schnell den Stil und das Niveau des betreffenden Titels. Da habe ich schon öfter den Kopf geschüttelt, wenn gerade diese Werke Lobeshymnen als Rezensionen erhalten haben.
Meine Empfehlung: Einfach reinlesen und prüfen, wie Sie sich fühlen, welche Saiten bei Ihnen anklingen …
Bitte differenzierter vorgehen und niemals alle über einen Kamm scheren, danke.
Herzlich
Annina

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Nika Lubitsch 14. Oktober 2017 um 10:32

Yeah, wieder mal eine Blüte des deutschen Feuilletons. Aber was stört es eine deutsche Eiche, wenn ein Warzenschwein sich an ihr reibt? Ich habe lieber weniger Zeit zum Schreiben und bestimme selbst, wer meine Bücher lektoriert und korrigiert und mit 40 Jahren Marketingerfahrung muss ich mich auch nicht mehr in die Hände von Verlagsvolontären begeben. Auf eine Rezension im deutschen Feuilleton kann ich übrigens auch ganz gut verzichten. Worauf ich nicht verzichten kann, ist der direkte Kontakt zu meinen Lesern. Und die lesen lieber unsere Bücher als die FAZ-Kulturseite.

Antworten

Tina Tannwald 21. Oktober 2017 um 14:21

Verdammt noch eins, wie können es Indie-Autoren und Leser denn auch wagen, gegen die traditionelle Herrschaftsgewalt der Verlage anzurennen und die Verlagsautoren auch noch mit der Angst zu belasten, dass ihnen das Silbertabeltt, auf das sie sich so mühsam hochgebuckelt haben, unter dem Popo wegzuziehen??:-))
Ich musste echt herzhaft lachen – wie schön, dass Herr Dath mal im Feuilleton seinem Frust Luft machen durfte, wenn er dafür auf die vermeintlichen Underdogs, die "Indie-Autoren" einprügelt:-)
Ich bin auch so eine Indie-Autorin, die von ihren Büchern leben kann und wie viele Kolleginnen und Kollegen längst weiß, dass wir zur ernsthaften Konkurrenz auf dem Buchmarkt geworden sind:-)

Und eigentlich ist das nur der Beißreflex, der sich immer einstellt, wenn sich ein historisch gewachsenes autoritäres System bedroht fühlt. Wer sich emanzipiert, kriegt auf die Omme. Und das besorgt dann das Fußvolk der Hörigen, die sich um ihre Besitzstandwahrung sorgt.

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