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10 Gedanken zur Zukunft des Buches [Gastartikel]

Wie – und womit – werden wir in Zukunft lesen? Zur Beantwortung dieser Frage hat Journalist Martin Schmitz-Kuhl 12 Branchen-Macher von Sascha Lobo über Frankfurter-Buchmesse-Chef Juergen Boos und Nina Hugendubel bis hin zu Dotbooks-Verlegerin Beate Kuckertz zum Interview gebeten. Herausgekommen sind ein Buch und eine ganze Reihe spannender Thesen, von denen der Autor eine Auswahl im folgenden Gastartikel ausführt.

Die zahlreichen gut besuchten Lesungen, die Vielzahl von Neuerscheinungen und die rappelvollen Gänge der Leipziger Buchmesse zeigten gerade wieder: Um die Zukunft des Buches braucht man sich eigentlich keine Sorgen machen. Aber Gedanken! Denn das Buch findet schon lange nicht mehr nur zwischen zwei Buchdeckeln statt. Es ist im Wandel – und das hat Auswirkungen auf Texte und Inhalte, auf Leser und Käufer, auf die ganze Branche, vom Autoren über die Verlage bis hin zum Handel, und möglicherweise auch auf die ganze Gesellschaft.

Um solche Fragen geht in dem Buch Books & Bookster, für das ich mit einem knappen Dutzend Experten und Branchenkennern lange Gespräche geführt habe. Natürlich gab es nicht in allen Punkten Konsens, dennoch habe ich im Folgenden versucht, aus den Gesprächen zehn Gedanken zur Zukunft des Buches herauszuarbeiten. Zwangsläufig zu kurz und pointiert, um sie in allen Facetten darlegen zu können, aber lang genug, um zur Diskussion und möglicherweise Widerspruch anzuregen.

Juergen Boos

Juergen Boos

1. “Das Buch” oder “den Buchmarkt” gibt es nicht. In der Diskussion, ob und in wieweit digitale Medien das gedruckte Buch verdrängen werden, wird häufig übersehen, dass es nicht das Buch gibt. “Der Buchmarkt ist extrem heterogen”, sagt der Chef der Frankfurter Buchmesse, Juergen Boos. Das heißt die Zukunft des Buches ist nicht zuletzt abhängig von dessen Inhalt. Das zeigen auch jüngste Zahlen, nach denen im vergangenen Jahr 84 Prozent des eBook-Umsatzes innerhalb des Publikumssegments auf Belletristik entfielen, die verbleibenden 16 Prozent teilten sich in mehr oder minder gleichen Teilen Ratgeber, Sachbücher/Lexika und Kinder- und Jugendbuch. Aber auch die Belletristik müsste man eigentlich noch einmal unterteilen, in Unterhaltungsliteratur und anspruchsvolle Literatur – wie auch immer man da differenzieren wollte. Und bei Schul, Fach- und wissenschaftlicher Literatur sieht es ohnehin noch einmal ganz anders aus.

2. Der Medienwandel vollzieht sich nur langsam. Die Zukunft des Buches ist zwar zunehmend digital, diese Veränderung geht aber – gerade im Vergleich zur digitalen Revolution in der Musikindustrie – relativ langsam vonstatten. Der Umsatz mit eBooks legte 2014 im Publikumsmarkt gerade mal um 7,6 Prozent auf 4,3 Prozent zu. Das war sogar deutlich weniger als im Jahr zuvor, zunehmende Wachstumszahlen sind also keineswegs selbstverständlich. Als einer der ganz wenigen Experten, die ich für „Books & Bookster“ befragt habe, wagte Alexander Skipis vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels eine Prognose: “Wir werden auch in 20 Jahren noch das klassische Print-Buch in der Mehrheit nutzen. Insofern wird sich zwar einiges geändert haben, letztlich aber vielleicht weniger, als einige heute glauben.”

3. Print koexistiert weiter. Blicken wir noch weiter in die Zukunft: Auch da wird Print vermutlich niemals ganz aussterben, weil es gegenüber dem Digitalen eigene Vorteile und Vorzüge bietet. Einige von ihnen werden mit der gedruckten Fassung von “Books & Bookster” anschaulich demonstriert: das nummerierte und limitierte Buchobjekt als Gegenentwurf zur unendlich oft kopierbaren Buchdatei. Oder das haptisch, handwerklich und gestalterisch schöne Print-Buch versus dem seelenlosen, visuell eher unattraktivem Digital-Buch (wenngleich letzteres sich langfristig mit Sicherheit auch verbessern wird). Auf etwas anderes weist ausgerechnet Jens Klingelhöfer vom Digitalvertrieb Bookwire im Interview hin: “Das Buch ist ein richtig tolles Hightech-Produkt. Es funktioniert ohne Abspielgerät, ohne Batterie, ohne Licht.“

Beate Kuckertz

Beate Kuckertz

4. Für das Taschenbuch wird es eng. Welche Arten von Büchern angenommen werden beziehungsweise sich zukünftig durchsetzen werden, ist auch davon abhängig, was der Leser mit dem Buch anstellt. Beim Sachbuch werden weiterhin viele Menschen die Vorzüge des Printbuchs zu schätzen wissen – zum Beispiel die einfachere Möglichkeit, den Text “durchblättern” oder querlesen zu können. Und auch gerade in seiner hochwertigen, schön gestalteten Variante hat das gedruckte Buch eine Zukunft, nicht zuletzt weil sie nach dem Lesen die Regale der Leser zieren. “Dagegen wird das Taschenbuch als preiswerte Leseform, die man als Vielleser konsumiert, langsam aber sicher durch das eBook verdrängt”, sagt Beate Kuckertz vom Digitalverlag dotbooks, die mit ihrer digitalen Unterhaltungsliteratur bereits heute sehr erfolgreich ist.

5. Inhalte tauchen da auf, wo sie wichtig sind. (Buch-)Inhalte werden künftig auf unterschiedlichsten Wegen den Leser erreichen. Denn: “In einer vernetzten Welt wird Content überall dort erscheinen, wo er das Alltagsleben erleichtert”, so Professor Okke Schlüter von der Hochschule für Medien in Stuttgart. Die Reparaturanleitung für das Auto werde man dann vielleicht auf der Innenseite der Kühlerhaube lesen können, um nicht mit ölverschmierten Händen im Buch blättern zu müssen. Stichwort: Internet der Dinge. Aber kann man dann noch von Büchern reden?

Harald Henzler

Harald Henzler

6. Die semantische Zukunft des Buches ist umstritten. Während zum Beispiel der Börsenverein des Deutschen Buchhandels an dem Begriff festhält und deshalb mit Hilfskonstruktionen wie “Prinzip Buch” oder “Betriebssystem Buch” hantiert, glauben andere, dass die Branche um eine neue Begrifflichkeit – auch beim Börsenverein selbst – nicht herum kämen. “Denn eigentlich geht es den Verlagen und ihren Institutionen ja nicht um das Buch als solches”, so der Berater Dr. Harald Henzler. „Die wesentliche Wertschöpfung liegt darin, wichtige Inhalte vom Autor A zum Leser B zu bringen.“

7. Enhanced eBooks bleiben Erwartungen noch schuldig. In Bezug auf Enhanced eBooks – also multimedial angereicherten Bücher – haben sich viele Experten geirrt. Zwar meint Till Weitendorf von Oetinger auch noch im Gespräch für “Books & Bookster”: „Die Grenzen werden immer mehr verschwimmen, die Gamifizierung der Buchwelt nimmt zu.“ Aber dieser Trend ist allenfalls im Kinder- und Jugendbuch auszumachen, darüber hinaus floppten solche Bücher bislang in aller Regel. Die Gründe: Es fehlt an Standards und einer gemeinsamen Markterschließung, gegebenenfalls aber auch einfach am Bedarf und der Nachfrage. Denn die meisten Leser wollen offenbar vor allem eines: Lesen. Und kein Schnickschnack.

Matthias Matting

Matthias Matting

8. Die Zukunft des eBook Reader ist ungewiss. Die meisten Experten sehen im eBook Reader lediglich ein Übergangsgerät, da der Trend zum “All-In-One” geht, also zum “Alles-Könner-Gerät”. Produkttester und „Selfpublisher-Papst“ Matthias Matting glaubt hingegen an eine langfristige Zukunft des Readers und bringt ein überzeugendes Argument: “Alle Geräte, die nur eine Funktion ausführen, setzen sich bei den Leuten durch, die genau diese Funktion besonders oft benötigen.” Man denke nur an den wachsenden Markt hochwertiger Fotoapparate – trotz immer besser werdender Kameras am Handy. “Vielleser schätzen nun einmal die Vorzüge ihres Gerätes, zum Beispiel in Bezug auf Kontrast und Akkulaufzeit. Da kann ein Smartphone oder Tablet auch in Zukunft nicht mithalten.”

Sascha Lobo

Sascha Lobo

9. Anderes lesen führt zu anderem schreiben. Digitales Lesen und die Möglichkeiten des digitalen Publizierens – inklusive Selfpublishing – verändert auch das Schreiben beziehungsweise den Inhalt. Das bietet Chancen und Vorteile, so werden zum Beispiel laut Sascha Lobo viele Texte kürzer, knackiger und pointierter („man gerät nicht so ins Labern“). Und Matthias Matting weist darauf hin, dass künftig Autoren und Verlage viel genauer wüssten, was Leser lesen wollten, so dass sie deren Bedürfnisse besser befriedigen könnten. Offen ist dagegen, was dies beispielsweise für die Literatur bedeutet. Hätte Thomas Mann, der Meister der Bandwurmsätze, im digitalen Zeitalter noch eine Chance?

10. Die Preise von eBooks fallen. eBooks werden immer billiger, und das hat Auswirkungen auf den ganzen Buchmarkt. Das meinten (mit Ausnahme von Buchmessenchef Juergen Boos) alle Gesprächspartner. Schuld ist zum Beispiel die Konkurrenz durch Selfpublisher, die ihre Werke sehr günstig anbieten. Schuld ist auch die Konkurrenz durch andere billige oder kostenlose digitale Produkte, zum Beispiel Spiele-Apps. Schuld sind aber vielleicht auch bald neue Flatrate-Modelle. Und dann gibt es natürlich auch noch günstigere Produktionsbedingungen, die andere Preise rechtfertigen. Nichtsdestotrotz wird dieser Trend nicht folgenlos bleiben – für die, die den Content erstellen und damit auch für den Content selbst.

Werte-Bewusstsein schaffen

Bildschirmfoto 2015-03-24 um 15.20.56Den letzten Punkt meinte ich übrigens, als ich eingangs schrieb, der Wandel des Buches könnte auch gesellschaftliche Auswirkungen haben. Prof. Okke Schüter von der Hochschule für Medien in Stuttgart sagte dazu im Gespräch: „Wir müssen die Käufer und Leser von Büchern zum Nachdenken darüber bewegen, was ihnen der Konsum wert ist. Denn abnehmende Preise führen zwangsläufig zu einer abnehmenden Qualität von Content und die wiederum zu einer intellektuellen Verflachung einer Gesellschaft.“

Das ganze Gespräch – wie auch die elf anderen – lesen Sie in “Books & Bookster. Die Zukunft des Buches und der Buchbranche“, erschienen im Bramann Verlag. Das Werk gibt es als eBook, Social Book (auf sobooks.de) oder als gedrucktes Buch, in einer auf 1.000 Exemplare limitierten und nummerierten Fassung.

Books & Bookster

14,99 Euro 28 Euro (Print), Martin Schmitz-Kuhl, 151 Seiten (Bramann)

Amazon Kobo Thalia Weltbild ebook.de

<Bildnachweis: Tablet-Bücher von Shutterstock>

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Kommentare


Spaziergang durch Venedig :: EWTC Reiseblog 27. August 2015 um 17:33

[…] Gedanken zur Zukunft des Buches auf […]

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Wie wir in Zukunft lesen – und was nach dem E-Book kommt 13. Oktober 2015 um 15:11

[…] das Internet-Zeitalter auch die Art und Weise, Bücher zu schreiben? Sascha Lobo, Blogger, Buchautor und Journalist meint, Texte würden auf jeden Fall kürzer und pointierter […]

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Werner Gutjahr 11. Juli 2017 um 12:14

Ich bin Autor (85) und habe mehrere Print-Bücher sowie zwei E-books veröffentlicht. Qualitätsunterschiede bei den Manuskripten gibt es für mich nicht. Auf meinen Reader befinden sich gegenwärtig 170 Bücher. Von meinen ca. 50 Print-Büchern bnutze ich fast nur noch den "Duden" und ein paar Synonymbücher.

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Nichiyo Sonntagsgedanken 30.07.2017 – wortsonate 30. Juli 2017 um 11:39

[…] https://www.lesen.net/diskurse/10-gedanken-zur-zukunft-des-buches-gastartikel-19147/ […]

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