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Fanfiction: Aus dem Netz in die Bestseller-Listen

Fanfiction, früher ein reines Netz-Phänomen, ist im Buchmarkt und in der breiten Öffentlichkeit angekommen. Diese Entwicklung sorgt nicht überall für Begeisterung und bringt, nicht nur in rechtlicher Hinsicht, Probleme mit sich.

50 Shades of Grey zerrt Fanfiction in die Öffentlichkeit

“Fanfiction ist so, wie die Literatur aussehen könnte, wenn sie, nach der atomaren Apokalypse von einer Gruppe brillianter Pop-Kultur-Junkies, eingeschlossen in einem Bunker, von Grund auf neu erfunden werden würde”,schrieb Autor Lev Grossman im Juli 2011 – knapp ein Jahr bevor 50 Shades of Grey die Bücherregale eroberte. Zu der Zeit handelte es sich bei Fanfiction noch um ein Internet-Phänomen, das der breiten Öffentlichkeit weitgehend unbekannt war. Seit “50 Shades” plötzlich auf der Bildfläche erschien, hat sich das grundlegend geändert.

Schon bald nach Erscheinen kam heraus, dass die Protagonisten des Bestseller ursprünglich Bella Swan und Edward Cullen hießen, und dass die Grundgeschichte unter dem Titel “Master of the Universe” zuerst als Fanfiction zur Twighlight-Saga entstanden war. Dass einzelne solcher Geschichten sich innerhalb der geschlossenen Fan-Gemeinschaften schnell verbreiteten und großer Beliebtheit erfreuten, kam bis dahin häufiger vor. Dass so eine Geschichte aber von einem Verlag entdeckt und zu einer eigenen Marketing-Maschine umfunktioniert wird, ist vorher noch nicht passiert.

Auswirkungen auf die Community

Aus Anna Todds Fanfiction ist ein internationaler Bucherfolg geworden.

Aus Anna Todds Fanfiction ist ein internationaler Bucherfolg geworden.

Der Erfolg von E. L. James’ Roman ist für die Fan-Fiktion-Gemeinde ein zweischneidiges Schwert. Plötzlich steht diese Szene, die vorher eher im Verborgenen, beziehungsweise unter sich, geblieben ist, im Rampenlicht. Nicht allen gefällt das. Die einen Fanfiction-Autoren freuen sich über die neue Öffentlichkeit und hoffenauf den eigenen Erfolg. Den anderen aber, die daran gewöhnt sind ihr Hobby eher im Geheimen zu betreiben, scheuen die plötzliche Aufmerksamkeit oder kommen gar in die Verlegenheit, ihre geliebte Freizeitgestaltung gegen Spötter verteidigen zu müssen.

Immerhin ist der Ruf der Fanfiction, was ihre Qualität angeht, denkbar schlecht. Aber es gibt sie trotzdem, die gute, oder zumindest erfolgreiche Fanfiction. Quasi als erste Nachfolgerin von E. L. James ist hier Anna Todd zu nennen, deren auf Wattpad veröffentliche Fanfiction um One-Direction-Sänger Harry Styles ihr einen Verlags-Deal über sechs Romane eingebracht hat. Ihre draus entstandene After-Reihe wurde ein großer Erfolg, die Filmrechte sind ebenfalls schon verkauft.

Rechtliche Grundlage ist ungeklärt

Das größte Problem der von Fans geschriebenen Geschichten, ist nach wie vor die ungeklärte rechtliche Situation. Während Fanfiction in den USA unter das Gesetz zum “Fair Use” fällt und damit unter Auflagen erlaubt ist, bewegen sich deutsche Fan-Schreiber weiterhin in einer rechtlichen Grauzone. Die Einordnung gestaltet sich um so schwieriger, weil der Bereich der Fanfiction so vielfältig ist. Eine grundlegende Unterscheidung ist, ob die Geschichte sich in fiktiven Welten abspielt, oder, wie im Beispiel von Anna Todd, reale Personen betrifft. Dann gibt des die sogenannten “AU”s (steht für alternate universe) für die “50 Shades of Grey” ein Beispiel wäre. Das heißt hier wurden vorhandene Charaktere (Bella Swan und Edward Cullen) in signifikant andere Lebensumstände versetzt und mit ihnen eine neue Geschichte erzählt.

Trotzdem sind und bleiben Anna Steele und Christian Grey grundsätzlich die gleichen Personen wie Bella Swan und Edward Cullen und damit die Erfindung Stephenie Meyers, mit der Frau James gerade Geld verdient. Die meisten Autoren und Verlage ignorieren Fan-Fiktionen, solange sie nur im Internet zu finden sind und nicht kommerziell genutzt wird. Deshalb könnte die neu gewonnene öffentliche Aufmerksamkeit hier schnell zum Problem werden. Es würden sich mit Sicherheit nicht alle mit einer bloßen Namensänderung zufrieden geben. Und auch für die nicht-kommerziell genutzten Geschichten im Internet gilt: Jedem der Rechteinhaber steht es frei, seine Meinung zu ändern und entsprechende Inhalte löschen zu lassen.

(Nicht vorhandene) Rechte der Fanfiction-Autoren

Ebenfalls problematisch ist die Rechtslage, was die Erfindungen der Fanfiction-Schreiber angeht. So gibt es beispielsweise Geschichten, in denen neben bekannten Personen auch eigene Figuren (original characters) auftreten oder ganze Crossover-Geschichten, die verschiedene Buch-Universen miteinander verbinden. Hinter den neuen Figuren und auch den Geschichten an sich stehen schließlich ebenfalls originelle Ideen, die jedoch nicht geschützt sind. Da selbst originale Charaktere nicht außerhalb der übernommenen Welt existieren würden, gehören die prinzipiell dem Rechteinhaber dieser Welt. Während innerhalb der Community praktisch alle Figuren und Plots ebenfalls einfach übernommen und plagiiert werden können.

Kindle Worlds und die anderen Plattformen

Die einzige wirklich legale Art Fan-Fiktion zu produzieren und sogar zu verkaufen bietet zur Zeit Amazons Kindle Worlds, allerdings nur mit mäßigem Erfolg. Mittlerweile 26 von den Rechteinhabern freigegebene Buch- oder Serien-Welten stehen den Schreibenden hier zur Verfügung. Das ist praktisch nichts, verglichen mit allen Buch- und Serien-Welten, die es gibt. Dazu kommen individuelle Einschränkungen, wie ein Verbot von Crossovers und generell Erotik.

Da ist es kein Wunder, dass die Plattform für viele unattraktiv ist, macht doch gerade die totale Freiheit die Fan-Fiktion besonders spannend. Es wird kein Zufall sein, dass es sich bei beiden aus der Fanfiction hervorgegangenen Bucherfolgen um erotische Romane handelt. Deshalb bleiben die meisten Autoren lieber in den ursprünglichen Communities wie FanFiktion.de oder wenden sich den anderen freien Schreibplattformen Wattpad und Kindle WriteOn zu, auf denen es mittlerweile auch eine entsprechende Kategorie gibt.

Reaktionen von Autoren: Ablehnung

Was Fanfiction nicht nur für die Buchbranche, sondern eigentlich für die gesamte Unterhaltungsindustrie interessant macht, ist, dass sie ein Spiegel aktueller Trends ist. Was “In” ist, wird heutzutage nicht mehr nur gesehen oder gekauft, es wird darüber geschrieben. Anstatt nur passiv zu konsumieren, wollen die Fanssich die geliebten Figuren und Welten aktiv aneignen oder auch den Lauf ihrer Geschichten ändern.

Nicht allen Autoren gefällt es die Kontrolle über ihrer Figuren und Geschichten zu verlieren, schließlich sind Fanfictions nicht immer im Sinne des Original-Autors. Autoren wie Geroge R. R. Martin, Anne Rice und Diana Gabaldon haben beispielsweise ihre Fans direkt aufgefordert, vom Schreiben eigener Geschichten abzusehen. Auf einer Convention in Brisbane kritisierte George R. R. Martin, dass es faul sei, sich zum Schreiben an schon vorhandenen Charakteren zu bedienen. Er sähe zwar ein, dass Fanfiction eine Form der Wertschätzung wäre, hätte es aber lieber, wenn die Leute ihre eigenen Geschichten schrieben. Martin betont, dass ihn seine Charaktere seit Jahrzehnten begleiten und sie ein Teil von ihm sind. Deshalb ertrage er es nicht, wenn andere sich ihnen bemächtigen.

Reaktionen von Autoren: Befürwortung

Auf FanFiktion.de gibt es über 37.000 Harry-Potter-Geschichten

Auf FanFiktion.de gibt es über 37.000 Harry-Potter-Geschichten

Andere Autoren wiederum fühlen sich geschmeichelt durch die Aufmerksamkeit. Joan K. Rowling beispielsweise freut sich, dass ihre  Fans ihre Freizeit investieren, um neue Geschichten zu schreiben. Für Rowling sind die Fanfictions in Ordnung, so lange sie im Internet bleiben. Weil ihre Bücher an Kinder gerichtet sind, fürchtet sie einzig eine veröffentlichte, nicht jugendfreie Geschichte mit Harry Potter in der Hauptrolle. Twighlight-Autorin Stephenie Meyer hat ebenfalls nichts gegen Fanfiction, hält das Schreiben dieser Geschichten allerdings für Zeitverschwendung. Angehende Autoren sollten sich doch lieber mit originellem Stoff befassen. Einige ihrer Kollegen sind da anderer Meinung und haben sogar selbst schon einmal Fan-Fiktionen geschrieben. Meg Cabot zum Beispiel, die Autorin von Plötzlich Prinzessin, hält Fanfictions für eine gute Art Schreiben zu lernen, weil man sich dabei in den Welten Anderer ausprobieren kann.

S. E. Hinton (The Outsiders), hat nicht nur Fan-Fiktionen zu seiner Lieblingsserie “Supernatural” geschrieben, sondern sogar zu seinem eigenen Buch – natürlich unter einem Pseudonym. Einen besonderen Reiz machen für ihn die enge Community und die damit zusammenhängenden direkten Reaktionen aus. Außerdem sagt er:”Zwei der besten Geschichten, die ich je gelesen habe, waren Fan-Fiktion. Eine davon war sogar eine Outsiders-Geschichte.”

Plagiate sind nichts Neues

Befürworter der Fanfiction argumentieren außerdem, dass in der Kunst schon immer imitiert und kopiert wurde und nur unser modernes Originalitäts-Denken die diskutierten Probleme hervorruft. Das mag zum Teil stimmen, ist jedoch ein eher hinkender Vergleich. Das Übernehmen und Überarbeiten eines Künstlers von Stoffen eines anderen Künstlers ist etwas anderes als das hundert- bis tausendfache Bearbeiten, durch jeden, der Lust dazu hat. Mal ganz davon abgesehen, dass auch früher nicht jeder Autor Plagiate seiner Werke einfach akzeptiert hat und nicht jeder reale Mensch erfreut war, als Figur in einem Roman aufzutauchen. Fest steht, dass aus einem stillen Hobby für Super-Fans mittlerweile ein Massenphänomen geworden ist, mit dem umzugehen Autoren, Buchmarkt und selbst Fanfiction-Autoren noch lernen müssen.

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