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Bezos: eBook-Piraterie dank Kindle kein Thema

In einem seiner seltenen Interviews hat sich Amazon-Chef Jeff Bezos zum Status Quo des eBooks geäußert. Aus seiner Sicht erlebt die Buchbranche goldene Zeiten, woran Amazon einen maßgeblichen Anteil habe. Amazon sei auch verantwortlich dafür, dass es kaum Piraterie gebe – eine in doppelter Hinsicht gewagte These.

Im Gespräch mit Henry Blodget vom Fachblatt Business Insider (an dem Bezos privat beteilgit ist) gab der Amazon-Chef tiefe und ungewohnte Einblicke sowohl in die Historie seines Unternehmen als auch in sein Privatleben. So erfährt der Leser, dass der gerade 50 Jahre alt gewordene Bezos, dessen Privatvermögen auf 28 Milliarden US-Dollar geschätzt wird, jeden Abend das Geschirr seiner sechsköpfigen Familie spült.

Auch das gefloppte Fire Phone war Thema. Wie schon vor einigen Wochen im Rahmen einer Konferenz unterstrich Bezos auch im Interview, das Smartphone sei eine der zahlreichen kostspieligen Wetten des Unternehmen, bei der man einen langen Atem haben werde. Ob das Experiment glückt, werde man erst in einigen Jahren beurteilen können.

„Goldene Zeiten für Buchindustrie“

Jeff Bezos

Jeff Bezos

Zu den Vorwürfen, Amazon sei der Totengräber der Buchkultur, hat Bezos eine klare Meinung. Zitat:“ Verlage sind derzeit einzigartig profitabel, und der Buchindustrie geht es besser als jemals zuvor.“ Maßgeblich verantwortlich dafür sei Amazon mit seiner Kindle-Plattform.

Mit dem Kindle habe man frühzeitig ein Lesegerät angeboten, das ablenkungsfreies Lesen langer Texte ermöglicht. Die von Amazon angestrebten niedrigeren eBook-Preise seien nötig, um eBooks in Konkurrenz zu Apps konkurrenzfähig zu halten – niedrigere Preise würden für Autoren hier nicht weniger, sondern mehr Profitablität bedeuten. Und: Dank dem Kindle gebe es nur sehr wenig piraterierte eBooks, gerade im Vergleich zu anderen Medienformen.

An diesem Punkt werden sich die Geister scheiden, und zwar gleich in doppelter Hinsicht. Zwar negieren auch einige (Fach-)Verlage wie Springer SPM und wie O’Reilly sowie Autoren wie Paulo Coelho Umsatzeinbußen durch Piraterie oder sprechen ihr gar einen positiven (Marketing-)Effekt zu. Von anderer Seite wird aber ein großer wirtschaftlicher Schaden durch Tauschbörsen und Webwarez-Angebote angenommen. In der Vergangenheit haben zu dieser Einschätzung durchaus auch die Piraten selbst beigetragen, die mit gewaltigen monatlichen Download-Zahlen prahlten.

Zwangs-DRM von Amazon treibt Leser in Illegalität

Außerdem kann man Amazon durchaus den Vorwurf machen, eine gewisse Mitschuld an der bestehenden Piraterie zu haben. Bekanntlich setzt Amazon auf ein eigenes Dateiformat nebst eigenem Kopierschutz, der selbst über Verlagstitel gestüpt wird, die kopierschutzfrei angeliefert werden (etwa von Bastei Lübbe, Hanser, HoCo). Und wer nur bei Amazon erhältliche Exklusiv-Titel, etwa von Indie-Autoren oder aus den Amazon-Verlagen, auf einem Tolino Vision oder einem anderen Dritt-Lesegerät schmökern mag, hat dazu nur zwei Möglichkeiten, die beide illegal sind. Er kann das eBook bei Amazon kaufen und den Kopierschutz entfernen – oder es gleich auf einer Piratenseite herunterladen.

Jeff Bezos unterstreicht im Interview mit Business Insider seine Vision, jedes Buch in jeder Sprache innerhalb von 60 Sekunden auf dem Kindle verfügbar zu machen. Dass dieses eBook dann auch nur auf dem Kindle lesbar ist, mag aus wirtschaftlicher Sicht sinnig sein (subventionierte Hardware, geschlossenes Ökosystem). Oberster Bekämpfer der Internet-Unterwelt wird man so aber nicht.

<Bildnachweis: Piraterie von Shutterstock>

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