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Drei ältere Herren und das Payback des Todes

Kommentar von Steffen Meier zum SWR 2 Forum „Ist unser Gehirn zukunftsfähig?“ mit Torsten Casimir (Chefredakteur Börsenblatt) und Frank Schirrmacher (Herausgeber FAZ), hier nachzuhören.

kaminzimmerNachdem ich darum gebeten wurde, mal in den SWR-Podcast reinzuhören, in dem der gute Herr Schirrmacher und Torsten Casimir, Chefredakteur des Branchenvereinsorgans „Börsenblatt“ (natürlich) über „Payback“ diskutieren, standen mir knapp 45 Minuten entspannte Langeweile bevor.

Kein Zweifel, da war hochkarätige verbale Altherren-Eloquenz versammelt, bei der man mitunter gerne mal zum Fremdwörterlexikon gegriffen – nein, Entschuldigung, gegoogelt, hätte.

Im Kern aber reduzierte sich das Ganze auf eine Wiederholung der Schirrmacherschen Thesen zum Thema Informationsüberflutung, Unfähigkeit zum Multitasking und Ersatz des Denkens durch Algorithmen. Garniert mit kleinen verbalen Highlights wie der Bemerkung „Wer nicht in Facebook ist, gilt als sozial auffällig“. Echt jetzt? Gefordert wird eine gesellschaftliche Diskussion (schon wieder?) und mehr Bildung. Aha…

Ein richtiges Streitgespräch allein wurde jetzt daraus nicht (man tut sich ja nicht mehr weh in bestimmten Sphären), Torsten Casimirs einziges Argument lief auf „Man muss ja nicht mitmachen“ hinaus. Das hatte vor kurzem schon Google-Chef Schmidt in einem anderen Zusammenhang viel brachialer der versammelten Verlegergemeinde entgegengehalten.

Wenn man mal den Moderator des Gesprächs, den zum Glück recht unauffälligen und unwissenden Burkhard Müller-Ullrich, beiseite läßt, hat einen eher die Altherrenweisheit verblüfft, die einen fahl umweht. Und in Details zusammenzucken läßt, etwa wenn es um das Thema E-Book und E-Reader geht, von beiden nicht sauber voneinander getrennt und als Hype abgetan (ab 15:50min). Da spricht dann doch das Bild vom gemütlichen Kaminfeuer nebst Ohrensessel, dem Glas Rotwein auf dem Beistelltisch und dem bedruckten Stück toten Holz in der Hand zu uns.

Vielleicht aber auch die gar nicht so selbstlose Absicht eines Autoren, wieder einmal (nach der Methusalemisierung der Gesellschaft) ein offenes Thema gefunden zu haben, das sich medial zelebrieren und in gedruckter Form wunderschön abverkaufen läßt. Ein böser Gedanke, der einem unwillkürlich kommt – zahlt die FAZ seinen Herausgebern so schlecht? Entschuldigung, das war gemein. Gut, nicht gemeiner als der Verlust von 45 Minuten Lebenszeit.

Welche Freude wäre es gewesen, hier wirklich Diskursives zu erleben – vielleicht, in dem man diejenigen, die das alles in Zukunft viel mehr betreffen wird, mit einbezieht, die Nicht-Methusalems, die Jungen…aber die hören wohl auch nicht SWR2.

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Kommentare


Jette LaRosh 16. Februar 2010 um 17:05

Steffen:Ich stimme Ohnen in ALLEN Punkten zu. Nur eines erlaube ich mir im Hinblick auf den -zurecht-gerügten Sprachduktus: bei „lesen.net. bekomme auch ich zuweilen eine Art Schnappatmung. Diese veramerikanisierte „Fachsprache“ geht mir manchmal durchaus auf die Nerven. Ws gäbe für vieles ja die possibillity, es einzudeutschen. Oder ist ein ‚devise‘ kein ‚Gerät‘?

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Johannes 16. Februar 2010 um 17:20

@Jette Weil ich hier ja auch teilweise angesprochen bin, mal meine Antwort: Bin durchaus ein Freund der deutschen Sprache, darum ja auch „lesen.net“ und z.B. die häufige Umschreibung von eBooks als „digitale Literatur“.

Aber die Endgeräte (um nicht zu sagen Hardware) sind halt genauso international wie ihre Namen und Spezifikationen, viele Wörter sind schon in unseren Sprachschatz eingeflossen und praktisch alternativlos…wenn wir hier von Tafeln sprechen (aber Tablets meinen) würden, könnte das eher zu Verständigungsschwierigkeiten führen als bei aktueller Handhabung.

Sollte aber definitiv im Rahmen bleiben, hier volle Zustimmung.

Ciao
Johannes

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Steffen Meier 16. Februar 2010 um 17:28

@Jette Nun ja, im Radiofeature wurde doch auch mal recht ausführlich gedenglisht. Besonders amüsant, wenn der Moderator das Wort „Nerds“ misstrauisch über die Zunge rollen läßt und nicht weiss, ob es (das Wort) ihn gleich beißt. Da muss man sich dann schon das Lachen verkneifen. Und zumindest Herrn Schirrmacher Respekt zollen, der diesen Begriff dann doch etwas despektierlich fand.
Im übrigens ist es nun mal so, seit vor etwa 100 Jahren die deutsche Sprache etwa im Wissenschaftsbereich seine Spitzenposition verloren hat – die Welt ist in der Hauptsache eben global angloamerikanisiert.

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Xanathon 16. Februar 2010 um 17:40

Pfff. Sprache entwickelt sich und ist ganz offensichtlich ebenso nicht mehr in der Lage, mit der Entwicklung durch Zwischennetz-Technologien mitzuhalten wie die oben besprochenen Herren Netzseitenausdrucker. Ich finde das zwanghafte Vermeiden englischer korrekter Fachbegriffe aufgrund eines offensichtlichen Sprachchauvinismus albern. Unsere Sprache ist durchsetzt von Fremdworten, die wir schon gar nicht mehr als solche wahrnehmen und es gibt welche, die sich über Denglisch echauffieren? Suuuper…, oder um es netzkonformer zu formulieren: WTF?

Dieselben, die sich über Denglisch aufregen formulieren oft Sätze, die mit überflüssigen Angeber-Fremdworten geradezu durchsetzt sind. Seltsam, oder?

Wenn die aktuelle technische und gesellschaftliche Entwicklung an den vergreisten Obermuftis vorbei geht, ist das Pech für die – könnte man meinen. Dumm nur, dass sie mit ihrer konservativen Haltung in ihrer Ausdrucker- und Baumfäller-Provinz Schaden anrichten können…

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Steffen Meier 16. Februar 2010 um 18:00

@Xanathon Korrekt, Sprache lebt. Vor kurzem erst ein Buch über den islamischen Einfluß auf die abendländische Kultur und romanische Sprachen gelesen.
Bevor dies hier aber ein Exkurs über Linguistik wird sollten wir wohl die Bremse anziehen ;-)

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Jette LaRosh 16. Februar 2010 um 19:01

Bremse anziehen-einverstanden. Von meiner Seite aber bitte eine letzte Bemerkung. Während ich über Steffens Erwiderung herzlich lachen konnte(zustimmend!), musste ich beim weiterlesen doch schlucken. Warum denn gleich so angiftend,pauschal verurteilend,Personen abwertend? Das muss doch nun wirklich nicht sein!

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Micro M 17. Februar 2010 um 09:55

Köstlich, köstlich…

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Monty 17. Februar 2010 um 14:00

@Jette…

„Oder ist ein ‘devise’ kein ‘Gerät’?“

Nein, eine Devise ist kein Gerät, sondern eine prägnante Formulierung von Zielen oder Ansprüchen.
Oder Devisen, das sind allerdings auf fremde Währung lautende ausländische Zahlungsmittel…
:-)

Aber der Sinn ist schon klar – manchmal nervt mich so eine Verenglischung auch – aber besonder schlimm ist es, wenn die Verwender dessen, den originalen Sinn nicht mal kennen…

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Marvin 17. Februar 2010 um 18:38

Steffen ich versteh dich bzw. deinen Beitrag nicht ganz. Wird Herr Schirrmacher wirklich noch von irgendjemanden (außer den ARD/ZDF schauenden GEZ-Zahlern vielleicht) ernst genommen? Wozu sich noch darüber aufregen, wie Herr Schirrmacher aus dem Totengesang seines Mediums Geld zu schlagen versucht?

Auch ein Herr Casimir ist doch wohl in einer weltweit vernetzten Welt kein Protagonist, der die bevorstehende Umwälzung (damit ist die digitalisierung der Printmedien gemeint) auch nur graduell beeinflussen könnte.

Meiner Meinung nach, sollte man als Reaktion auf heiße Luft nicht ebenfalls heiße Luft produzieren. Klar, wir alle brennen auf eine differenzierte Diskussion (vielleicht sogar mit „Meister Schirrmacher“ höchstselbst), aber so wird man sie wohl nicht bekommen.

Entschuldigung, wenn das etwas hart klingt, aber ich bin in letzter Zeit sehr von dem Trend genervt, dass Medien über Medien berichten (die über Medien berichten usw.) ohne einen nennenswerten Mehrwert zu liefern. Deine bisherigen Analysen und Kommentare haben mir immer sehr gut gefallen.

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Steffen Meier 17. Februar 2010 um 20:37

@Marvin Nein, klingt nicht „hart“. Das war ja genau das, was ich beim SWR vermisst hatte – eine offene, aber „richtige“ Diskussion. Und keine GEZ-finanzierte Werbeshow. Insofern habe ich mir hier verbal Luft verschafft.
Werde mich aber bemühen, wieder zu meinen „faktischen“ Analysen zurückzukommen. Auch wenn diese ebenfalls oft subjektiv/emotional gefärbt sind – kann eben nicht anders, die Themen beschäftigen mich einfach zu sehr ;-)

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Kirke 9. März 2010 um 18:32

Das Buch wurde von H. Schirmacher an unterschiedlichsten Stellen vorgestellt und ich bin im WDR5 im philsophischen Radio darauf aufmerksam geworden. Ich fand es witzig, dass er den Digital Natives darin aufzeigt, dass die F r e i h e i t im Netz, die z. B. die Piratenpartei so vehement fordert, etwas sehr Ambivalentes hat und längst von den großen Medienkonzernen wie Google und Microsoft auf perfice und wenig einsehbare Art und Weise unterlaufen wird. Er hat schön herausgearbeitet wie aller User-Content, im Mitmach-Web für Businesszwecke in unglaublichem Maße mit neuester Mathematik auswertet und für prognostische Zwecke verwendet wird. Er zeigt die Gefahren eines Denkens auf, das nicht mehr nach Ursachen, sondern nur noch nach Korrelationen fragt und welches im positivsten Fall aus der massenweisen Untersuchung von Röntgenbildern den Ausbruch von Epidemien vorhersagen kann, aber auch durch die Cluster Exploration (wie es IBM jetzt schon macht) sehr fragwürdige Aussagen über die Entwicklungsfähigkeit von Mitarbeitern ableitet.
Dabei ist es j e t z t schon so, dass Preise und Auszeichnung überproportional an die immer wieder gleiche Personengruppe geht. Dieses Vorgehen wird jetzt auch noch Mathematik gegossen. Grrr.

Dann leitet er über zum Thema „Aufmerksamkeit“. Information kostet Aufmerksamkeit! Aufmerksamkeit ist ein rares Gut! Lesen ist ein Bauauftrag ans Gehirn, mit dem es sich Distanz (also Zeit nimmt) Gedanken zu haben, die tiefer sind, als die Gedanken, die
n der direkten Kommunikation gekommen wären. .. so in diesem Sinne.
Wenn wir also nicht mehr lesen, verlieren wir das Fliegen, d. h. die Fähigkeit aus der Vogelperspektive den Überblick zu behalten. Ja, das konnte ich schon nachvollziehen

In der Folge verknüpft der dann die Argumentationsstränge und fragt:
„Gibt es ein „Moore´sches Gesetz“ das berechnet, um wieviel langsamer das menschliche Auffassungs- und Denkvermögen mit jeder weiteren technischen Revolution l a n g s a m e r wird, weil wir an den vermeintlichen „Knecht“ Computer immer mehr (z. B. unsere Merk- und Navigerfähigkeit) delegieren und auch durch die Mulitasking-Anforderungen der arbeitsteiligen Computerwelt immer z e r s t r e u t e r werden?“
Auch hier werden wieder bemerkenswerte Argumente aufgezeigt.
Schon zu Beginn des Buches hat er das kafkareske Bild von Gregor Samsa, dem sich in einen Käfer verwandelnden Menschen eingeführt, der „duftgesteuert“ durch die Welt irrt. Er ist nur noch „sinnlich“ unterwegs und damit ausgeliefert.

Es sind also nicht nur die Digital Natives, die hier an der Nase herum geführt werden, es ist jeder, der eine Suchmaschine gebraucht und wer ist das nicht?
Dieser Abschnitt gipfelt zum Schluss in der These, dass es sein könnte, dass die Menschen mit dem Compuer eine brilliante Technologie entwickelt haben, die genau die Art von Intellekt bedroht, die sie zu Menschen macht. Ganz von der Hand zu weisen ist das nicht.

Im letzten Abschnitt fragt H. Schirmacher nach Auswegen, nach Lösungen für die meines Erachtens ziemlich klar aufgezeigte Problematik und in diesem Abschnitt fängt er an mich zu ärgern und ich habe auch den Eindruck, dass er nur mal wieder (wie Journalisten das halt tun) ein Thema aufs Tablett gehoben hat.

Denn nachfolgend fragt es sich, wie wir uns aus der impliziten Steuerung durch diese „Duft-Ansprache im Netz“ lösen können und führt genau dieses „Gespür“, die Intuition als Lösungsmöglichkeit an. ( Wir suchen beim Surfen nicht nur nach Neuigkeiten, wir suchen auch immer auch nach Erlösung von dem was uns da lenkt.)
Und hier macht er es sich recht einfach. Er propagiert die Höherbewertung einer menschlichen Intelligenz, die in U n s i c h e r h e i t begründet ist, wie z. B. die Intuition, die ja auch Lösungswege findet, die nicht logisch begründet werden können.
Aber w i e soll das gehen, wie soll das ein Ausweg sein. Wir leben in einer Welt, die wir nicht mehr verstehen ( wie die Wirtschaftskrise zeigt, die ohne die grotesken Risikoabschätzungen der Derviate und das menschliche Vertrauen darauf, es so nicht gegeben hätte) und meint einfach bildungsbürgerlich auf Perspektivenwechsel setzen zu können. Das ist doch alles ziemlich kurzgeschossen.

Bei diesem Thema geht es um die Antriebskräfte dieser Gesellschaft (gar der westlichen Welt). Jeder der sich dem neuen Denken ernsthaft widmet muss sich mit der Konsequenz auseinandersetzen in dieser Gesellschaft zu s c h e i t e r n, denn a l l e gesellschaftlichen Trends (Bologna-Prozess, Verschulung der Universitäten, Abbau des Sozialstaates, Effizienzdruck in den Firmen usw) laufen in die entgegengesetzte Richtung.
Und da drängt sich mir auch der Eindruck auf, dass dieses anfangs doch gut recherierte Buch einfach den Zeitgeschmack bedient, sich an den Konsequenzen vorbeimogelt und so nur wie oben schon jemand meinte, ein weiteres offenes Thema ist, das sich medial zelebrieren und in gedruckter Form wunderschön abverkaufen läßt
Schade!

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Drei ältere Herren und das Payback des Todes | Meier-meint.de 5. Februar 2014 um 11:52

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