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Geltungssüchtige Indie-Autoren: Gegeneinander statt miteinander [Kolumne]

Der Ton wird rauer, stellte Indie-Autorin Poppy J. Anderson schon vor sechs Wochen fest. In ihrer neuen Kolumne konstatiert sie: Besonders in Foren und sozialen Netzwerken wird vornehmlich herumgemäkelt. Viele Plattformen sind längst ein Sammelbecken für Profilneurotiker.

Eigentlich wollte ich in der heutigen Kolumne über Stress im Vorfeld einer Buchmesse schreiben, doch anstatt über die Organisation von Veranstaltungen, die Notwendigkeit von Give-aways oder die Freude über den persönlichen Leserkontakt zu lamentieren, denke ich gerade über die Frage nach, wozu Selfpublishing-Foren eigentlich gut sind und warum es gerade dort zu etlichen Anfeindungen kommt.

Höhnische Abkanzlung von Neulingen

Mittlerweile habe ich den Eindruck, dass solche Foren – etwa die KDP-Foren von Amazon oder Facebook-Gruppen für Indie-Autoren – lediglich diversen Profilneurotikern zugute kommen, die endlich eine Plattform haben, auf der sie sich ihren Frust von der Seele schreiben und auf dicke Hose machen können. Der eigentliche Sinn von Selfpublishing-Foren, der darin bestand, sich untereinander zu vernetzen und Erfahrungen auszutauschen, ist längst verschwunden und einer deutlich erkennbaren Spannung gewichen, in der viele Mitglieder zu beweisen versuchen, was für allwissende, erfahrene, sozialkritische und erfolgreiche Autoren sie doch sind.

Mitglieder werden angegangen, unsichere Fragesteller werden mit dem Hinweis auf ihre absolute Unwissenheit des Platzes verwiesen und sinnvolle Beiträge werden höhnisch abgekanzelt. Beispielsweise kann es vorkommen, dass ein erfolgreicher Autor einen Beitrag verfasst, in dem er aufzeigt, wie er einen innovativen Blog ins Leben gerufen hat und dadurch seinen Leserkreis vergrößern konnte. Eigentlich sollte man denken, dass die Kollegen dankbar für diese Mitteilung wären und sich Tipps holen würden, doch anstelle von sinnvollen Antworten hagelt es abfällige Kommentare. Diese reichen von „In der dritten Zeile deines vierten Absatzes fehlt ein Komma, so kann ich deinen Beitrag nicht ernstnehmen“ über „Hat der Blog überhaupt ein Impressum?“ bis zu „Da ich keine Blogs kenne, wüsste ich nicht, wie mir dein Beitrag helfen könnte“.

Der Indie-Autor als Einzelkämpfer

Selbstbild vieler Indie-Autoren

Selbstbild vieler Indie-Autoren

Das ist nicht nur nervig und frustrierend, sondern ein Beweis dafür, dass es immer schwieriger wird, eine kollegiale Zusammenarbeit im Selfpublishing aufzustellen. *

Ähnlich wie Rambo sehen sich anscheinend viele Forenmitglieder als Einzelkämpfer an, die sich im Gegensatz zum eingeölten Silvester Stallone nicht einen Patronengurt umschnallen, sondern sich mit einer Tasse Kaffee an den PC setzen – immer auf der Suche nach einem Post, zu dem sie ihren Senf geben können. Selbst wenn es nur eine Bemerkung über das Fehlen eines Kommas ist. Eigene Unzulänglichkeiten oder der Ärger über eingebrochene Verkaufszahlen werden dadurch kompensiert, anderen Autoren einen reinzuwürgen – gerne auch über Pseudo-Accounts.

Diese Konkurrenz ist doch zum Kotzen.

Sammelbecken für Profilneurotiker

Ist es ein Phänomen des Internets, des Selfpublishings oder ein Beweis dafür, dass das Klischee der deutschen Neidgesellschaft gar keines ist? Oder warum tummeln sich derart viele Profilneurotiker in allen möglichen Foren und beteiligen sich dort an Diskussionen, die sie angeblich nicht interessieren, die unter ihrem Niveau sind (wie sie nicht müde werden zu betonen) und die keinen sinnvollen Mehrwert haben als den, die bereits erwähnten Foren zu meiden?

Missgunst statt Austausch

Von Anerkennung ist in den seltensten Fällen etwas zu spüren. Besonders schlimm geht es zu, wenn positive Pressemeldungen zu vereinzelten Autoren erscheinen, die augenblicklich relativiert und regelrecht zerpflückt werden, indem eingefügt wird, dass die hohen Verkaufszahlen sowieso nur auf einer Vielzahl veröffentlichter Bücher beruhen oder dass die erwähnten Bücher eh niemals die Chance auf einen Literaturnobelpreis hätten.

Leider muss an diesem Punkt die Frage gestellt werden, ob man sich über sein eigenes Werk oder seinen eigenen Erfolg mehr freuen kann, wenn andere herabgewürdigt werden. Ist doch schon traurig, oder?

Mal abgesehen von all diesen Punkten kommt man nicht umhin, darüber nachzugrübeln, wie all diese Anwärter auf den nächsten Literaturnobelpreis überhaupt noch die Zeit finden, eigene Bücher zu verfassen, wenn sie sich stundenlang damit beschäftigen, auf Komma- bzw. Impressumssuche bei anderen Autoren zu gehen.

* Wie eine erfolgreiche Zusammenarbeit unter Selfpublishern aussehen kann, stelle ich in der nächsten Woche vor.

B_000006Über die Autorin: Poppy J. Anderson (Homepage, Wikipedia, Amazon) ist das Pseudonym einer deutschen Autorin, die seit Ende 2012 als Selfpublisherin Romane veröffentlicht, welche mittlerweile auch über Rowohlt verlegt werden. Die meisten ihrer Bücher schafften es auf Platz 1 der Bestsellerliste und haben sich insgesamt über 800.000 Mal verkauft. [Alle Kolumnen von Poppy J. Anderson auf lesen.net]

<Bildnachweis: Rambo, „Dickköpfiger Mann, der alles besser weiß, erklärt seine Meinung“ (originaler Bildtitel) von Shutterstock>

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Kommentare


Vom Glück, Bücher zu schreiben [Kolumne] » lesen.net 27. März 2015 um 10:54

[…] äußern würde. Auch hier in diesem Forum wurde mir das Wort im Mund verdreht, als ich davon sprach, dass das Konkurrenzverhalten einiger (!) Selfpublisher “zum Kotzen” […]

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