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„Kulturgut in Gefahr“: Österreich streitet über eBooks an Schulen

Europaweit wird mit digitalen Schulbüchern experimentiert. In den Niederlanden gibt es bereits mehr als 20 Schulen, wo ausschließlich auf iPads gelesen und gelernt wird. Jetzt plant die österreichische Regierung, zum Schuljahr 2016/2017 großflächig auf digitale Schulbücher umzusteigen. Die Opposition ist entsetzt.

Ziel: „Dialogorientierteres Arbeiten“

106 Millionen Euro gibt Österreich derzeit jährlich für gedruckte Schulbücher aus. Die regierende große Koalition aus ÖVP (ähnlich CDU) und SPÖ (ähnlich SPD) plant vom übernächsten Schuljahr an einen schrittweisen Umstieg auf digitale Lehrmittel, berichtet die Wiener Zeitung.

Österreichs Familienministerin Sophie Karmasin (ÖVP) habe sich vergangene Woche Modellschulen in Schweden und den Niederlanden angesehen, wo ausschließlich digital gelernt werde, und zeigte sich äußerst angetan. Reine „iPad-Schulen“ will sie zwar nicht, wohl aber eine deutlichere Ausweitung der technischen Mittel. eBooks ermöglichten „viel dialogorientierteres Arbeiten“, vernetztes Denken sowie eine individuelle Förderung der Kinder, zitiert die Wiener Zeitung Karmasin. In den nächsten Monaten soll ein Zeitplan für eine Ausweitung der digitalen Lehrmittel ausgearbeitet werden. Es gibt bereits eine gemeinsame Arbeitsgruppe des Familienministerium mit dem Bildungsressort, dessen Ministerin vom Koalitionspartner SPÖ dem Thema bislang eher abwartend gegenüberstehen soll.

Konservative Parteien in Aufruhr

Teile der Opposition – diejenigen „rechts der Mitte“ – zeigten sich alles andere begeistert von diesen Planungen, konstatierte die Tageszeitung „Die Presse“ am gestrigen Montag. Walter Rosenkranz, bildungspolitischer Sprecher der rechtspopulistischen FPÖ, klagt: „Mit dieser Maßnahme wird bloß das wichtige Kulturgut Buch weiter verdrängt“. Pädagogisch sei der Vorschlag völlig falsch, und überhaupt: „Die Hirnforschung sagt hier eindeutig, dass digitale Schulbücher schlecht für die Entwicklung sind“. Zumindest das „eindeutig“ hat Rosenkranz hier exklusiv, viele Studien bescheinigen interaktiven digitalen Lehrmitteln sehr wohl bessere Lernerfolge.

Auch Robert Lugar vom eurokritischen, liberal-konservativen „Team Stornach“ monierte, hier würden koalitionsinterne Konflikte auf dem Rücken der Kinder ausgetragen. Dass Kinder „während des gesamten Unterrichts vor dem Computer sitzen sollen“, sei „unverständlich“.

FPÖ-Bildungssprecher Rosenkranz fürchtete daneben „noch stärkere Verluste“ für „die Buchindustrie“. Das lässt sich so nicht generalisieren: Die großen Bildungsverlage arbeiten seit langem an digitalen Lösungen und sind vorbereitet. Großer Verlierer einer Umstellung wären hingegen stationäre Buchhandlungen, für die das alljährliche Schulbuchgeschäft in vielen Fällen überlebenswichtig ist.

Umsetzung entscheidet

Unter dem Strich stehen hinter der Initiative noch viele Fragezeichen, auch für die Koalition selbst. Dass auf höchster Ebene eine Umstellung befürwortet und infolge dessen auch angeschoben wird, ist aber schon einmal zu begrüßen. Ob die Schüler damit besser lernen als mit bedrucktem Papier, wird von der Konzeption und dem Engagement der Lehrer abhängen. Einem Schulkind ein iPad in die Hand zu drücken oder es stundenlang vor einem Desktop-PC zu parken ist genauso wenig zielführend wie monotoner Frontalunterricht oder stumpfe Arbeit mit Printmaterial.

<Bildnachweis: Schüler von Shutterstock>

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Kommentare


Studien: Studenten lernen lieber gedruckt » lesen.net 26. Februar 2015 um 16:38

[…] technisch auf, Fachverlage digitalisieren ihre Kataloge und lancieren neue Bildungs-Portale, Gesetzgeber schmieden Pläne – der digitale Zug rollt. Aber ausgerechnet die technisch affine Zielgruppe […]

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NEWS! Österreich streitet über digitale Lehrmittel | OnleiheVerbundHessen 7. März 2015 um 17:02

[…] Die Niederlande machen es vor, nun soll auch Österreich nachrücken: gedruckte Schulbücher sollen durch digitale Lehrmittel ersetzt werden. Die Meinungen innerhalb der Politik könnten jedoch unterschiedlicher nicht sein. Welche Veränderungen eine solche Revolution in Klassenzimmern mit sich bringt, erfahren Sie hier. […]

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