Skip to main content

[Meinung] iPad: Jesus oder Judas?

Ein Kommentar von Steffen Meier

ipadManchmal kommt einem die aufgeheizte Debatte um Google und die messianische Hysterie um das iPad [links ein Symbolbild /jh] im wahrsten Sinne des Wortes „kindisch“ vor. Wie bei unseren lieben Kleinen scheint es zwischen „Will ich nicht, ist doof“ (Google) und „Papa, kauf mir das, bittebitte“ * (iPad) keine Nuancierung zu geben.

So wundert einen einerseits die Verteufelung der „Datenkrake“ Google. Man möge bitte nicht vergessen, daß bei den Datenskandalen der letzten Jahre Namen aus der Privatwirtschaft, auch aus der Medienbranche, fielen – nie aber der Name des Unternehmen aus Mountain View.
app_storeUnd man möge bitte auch nicht vergessen, welch sensible Daten das hippe Unternehmen Apple mithilfe seines Itunes- und App-Stores über uns gesammelt hat – und noch mehr mit seinen Endgeräten, die da kommen, zukünftig sammeln wird. Von Amazon ganz zu schweigen.

Neben der Privatsphärenproblematik waren Verlegern aber noch mehr die Umsätze ein Dorn im Auge, die Google mithilfe des eigenen Contents aggregierte (und deren weitere Kommentierung ich mir hier erspare). Nachgerade Diebstahl!** Da teile man sich das Lager doch lieber mit seriösen Unternehmen wie Apple und Amazon!

Während Google aber weitgehend die Strategie fährt, schlicht Plattformen anzubieten, die jedem zur Verfügung stehen, also als meist kostenfreier Mittler auftritt (und seine Erlöse über die Vermarktung seiner Werbeplätze auf diesen Plattformen erzielt), sind Apple und Amazon direkte Geschäftspartner, die an den generierten Umsätzen partizipieren. Und damit deutlich mehr Interesse an Einfluß auf das Geschäftsmodell und die Preisgestaltung ihrer Geschäftspartner haben, zumal sie ja auch an der Attraktivität ihrer Endgeräte durch günstig bepreiste Produkte arbeiten, siehe E-Book-Preise bei Amazon. Aber auch die Preispolitik Apples bei Einzeldownloads von Musiktracks, über die die Musikindustrie bis heute noch unglücklich ist, sollte nicht unter den Tisch gekehrt werden.

Dies alles sollte man bei allem Hype nicht aus den Augen verlieren – zumal in den letzten Tagen zwei Vorfälle siginifikant waren:

  1. Harold McGraw, Verleger des gleichnamigen Medienunternehmens, plauderte zu viel und zu früh über das iPad. Zumindest in der Jobs’schen Präsentation der Medienpartner fehlte daraufhin McGraw- Hill. Ein kleines, aber feines Signal und Muskelspielen. Zum Thema Preisgestaltung lässt man aber (noch?) den Medienunternehmen freie Hand, ebenso sollen diese 70% der Erlöse erhalten.
  2. Dies wiederum war für Amazon problematisch, die niedrige, einheitliche E-Book-Preise ebenso wie eine genau andersherum gestaffelte Aufteilung (30% für Verlage) als bisheriger Platzhirsch vertreten hatte. Darin soll nun Bewegung kommen, zugunsten der Medienunternehmen. Aber auch hier ein kleines Signal: als der CEO von Macmillan, John Sargent, wohl deutlich mehr forderte, schloss Amazon alle Bücher des Verlages aus seinem E-Book-Programm aus.

Daß beide Unternehmen in der jetzigen Phase des Marktes prinzipielle Gesprächsbereitschaft signalisieren, muss nicht verwundern. Aber dass diese recht schnell enge Grenzen hat, ebenso nicht.

Wer aus dieser Situation letzten Endes als Sieger hervorgeht, bleibt abzuwarten. Vielleicht der Endkunde. Vielleicht aber auch durch ein Agreement Apple und Amazon, die dann gemeinsam Bedingungen festlegen, die immer in ihrem Interesse, vielleicht im Endkunden-Interesse, aber mit Sicherheit nicht im Produzenteninteresse sein werden – und dies sind genau die Medienunternehmen, die als gemeinsamen Feind Google deklamieren und einen Veitstanz um das iPad aufführen, als sei dies die erhoffte Lösung der oft genug hausgemachten Probleme.

[Update zur Wiederaufnahme von Macmillian auf Amazon.com; siehe Update hier] Das ging noch einmal gut für Macmillan. Aber letzten Endes war es wohl eher Apple als neuer Konkurrent im Hintergrund, der Amazon zum überraschend offenen Zurückweichen bewog. Die Marktmacht Amazons im Nichtvirtuellen ist unbestritten, das Auslisten seiner Bücher wäre für viele Verlage nicht unbedingt der Tod, aber doch extrem fatal.

Macmillan – und damit alle Verlage – können sich dato als lachende Dritte fühlen. Ob das immer so bleibt? Anzuzweifeln. Und dann könnte es für Verlage sehr schnell sehr eng werden.


* Als Vater spreche ich hier aus leidvoller Erfahrung!

** Bevor jetzt wieder die Rufe „Aber, Google…!“ erschallen – natürlich ist „Don’t be evil“ im marktwirtschaftlichen Umfeld schlicht Unfug, so etwas wie „gut“ oder „böse“ gibt es hier nicht. Google muss sein Geld und seinen Shareholder Value erbringen. Aber sie nehmen durch ihr Geschäftsmodell eine weit neutralere Stellung ein als die Heilsbringer der letzten Tage, die sich durchaus für das eine oder andere Medienunternehmen als „evil“ erweisen könnten.

Ähnliche Beiträge


Kommentare


andrea delumeau 1. Februar 2010 um 09:57

naiv, wie ich bin,habe ich die marktwirtschaftlichen ueberlegungen gar nicht bedacht! vielen dank fuer sdiesen denkanstoss!

Antworten

Thomas Knip 1. Februar 2010 um 11:34

Netter, zutreffender Kommentar. Nur passt der Titel m.E. nicht dazu.

Antworten

Wolfgang Lehner 1. Februar 2010 um 18:06

Meine Rede, lieber Steffen Meier. Der globale Groß- und Einheitshändler Amazon verursacht mehr wirtschaftliche Verwerfungen als Google mit eingescannten und kostenlos veröffentlichten Büchern es je könnte. Jeder weiß es: Allein die Zahl der Filialen gibt Aldi inzwischen die Möglichkeit, jeden Einzelhändler nebenan zu unterbieten. Genauso müssen Hersteller Aldi etwas bieten, wenn sie ins Regal wollen: in der Regel einen aldigemäßen Preis. Amazon hat das Maximum an Filialen: An jedem Internetanschluss findet sich eine. Was die Buchproduzenten gerade erfahren, werden Spielwaren-, Textil- und Elektrohersteller bald ebenfalls zu spüren bekommen: Die Möglichkeit, einen Platz im weltgrößten Regal zu bekommen, erkauft man sich mit einem Verzicht auf freie Preisgestaltung. Nebenbei: Die Kenntnis über die Verkaufszahlen bestimmter Produkte animiert Amazon dazu, diese Produkte gelegentlich selbst herzustellen. Für mich war Googles Buchsuche und das zugehörige Partnerprogramm immer ein Angebot sowohl Buchmarketing weltweit zu betreiben als auch Käufer per Klick in den eigenen Shop zu locken. Im E-Book-Bereich macht es eigentlich überhaupt keinen Sinn, das Geschäft Amazon oder Apple zu überlassen – die machen ja null Werbung für einem Buchtitel. Das muss man weiterhin selbst machen. Natürlich hat jeder Angst, dass er übersehen wird, wenn er bei den Großen nicht im Angebot ist. Aber ein kluger Einsatz der modernen Möglichkeiten im Internet und eine sinnvolle Kooperation mit Google hätte dem Moloch Amazon die Grenzen aufgezeigt – und eine Alternative ermöglicht. Jetzt findet sich natürlich keiner mehr, der sich nach Mountain View begibt und reumütig eine neue Partnerschaft anbietet. Schade. Jetzt bleibt eigentlich nur noch, Libreka! schleunigst aufzuhübschen und irgendwie zur Marke zu machen.
Weil’s so schön passt: Der kanadische Kulturminister hat Anfang 2009 im Parlament bei der Diskussion über ein neues Urheberrecht eindrucksvoll angemerkt, dass die meisten Abgeordneten, die über dieses Gesetz entscheiden sollen, auf Grund ihres Alters weder die modernen Techniken nützen – sie also auch nicht verstehen -, noch erkennen können, welche Anforderungen an ein Urheberrecht in den nächsten Jahren gestellt werden (siehe YouTube). Soll heißen, in diesen Tagen und Zeiten müssen Entscheidungen gefällt werden, von Leuten die nicht in der Materie drin stecken und sich auch nicht mehr reinfinden können/wollen. Keine Ahnung, wie das zu ändern ist.

Antworten

Matt 1. Februar 2010 um 21:51

@ Wolfgang Lehner:

(okay, geht ein bisl ins offtopic aber:)

„Soll heißen, in diesen Tagen und Zeiten müssen Entscheidungen gefällt werden, von Leuten die nicht in der Materie drin stecken und sich auch nicht mehr reinfinden können/wollen. Keine Ahnung, wie das zu ändern ist.“

Das war schon immer so, wird immer so sein, und kann sich gar nicht ändern:

Menschen aus Nazideutschland sollten eine neue Demokratie für die BRD aufbauen.
Menschen die keine Schreibmaschine kannten sollten eine erfinden bzw. durchsetzen.
Menschen die mit Erdöl im Überfluss aufwachsen (unsere Eltern/Wir?) sollen dafür sorgen das es ohne Erdöl klappt.

Das ist ganz einfach nicht zu ändern, das wird immer so sein. Man kann sich nur des steten Wandels bewusst sein, und offen und tolerant sein.
Aber sind wir ehrlich, wie viele Menschen sind das? Können sie das von sich behaupten? Ich kann es jedenfalls nicht, selbst ich mit meinen 21 Jahren komme nicht mehr bei Facebook und Twitter hinterher (will ich vllt auch gar nicht?). :O

Antworten

Apple iPad: Vor- und Nachteile im Vergleich – OM all 1. Februar 2010 um 23:27

[…] [Meinung] iPad: Jesus oder Judas? […]

Antworten

Daniel und Marco 2. Februar 2010 um 12:06

Tja, die Medienunternehmen sind selbst schuld. Jeder Unternehmer mit einer Nase im Gesicht merkt, wie sich ganz langsam die eBook-Brise in ein laues Windchen umgewandelt… und die Zeichen stehen auf Sturm. Was also macht Amazon? Es bedient den Markt indem es seine Funktionalität um die eBook-Fähigkeit erweitert und sogar passend dazu ein kleines, fast revolutionäres eInk-ImmerOnlineZumShop-Gerätchen international vertreibt. Apple denkt sich: da machen wir mit… den Apple macht immer mit. Bringt ein völlig hirnloses (wer braucht schon Multitasking), aber enorm schickes Gerät auf den Markt, kooperiert mit Amazon (wir erinnern uns, der andere Schlaue) und diktiert dann die Preise. LOGISCH… so würde ICH das auch machen. Jetzt jammern die Verlage. SELBER SCHULD. Was haben denn die Verlage geschafft? Die „Branche“ bastelt seit 2007 an einer eBook-Plattform herum welche gerade das jetzt Geschehene hätte unterbinden soll. Da isses: das MegaProjekt des Börsenvereins: libreka!. Sie lesen hier gerade libreka! und fragen sich, was das ist? Das macht nichts, da sind sie mit fast allen Buchhändlern gleich schlau, die kennen es nämlich auch nicht.
Liebe Verleger, vor allem lieber Börsenverein und zuletzt lieber inkompetenter Haufen der MVB (der zu doof ist genügend Bandbreite an halbwegs gut vermarkteten DownloadDays zur Verfügung zu stellen und die Infrastruktur überlastet), es tut mir leid das zu sagen, aber ihr habt auf der ganzen Linie versagt. Wenn libreka!, was ein grottiges Geschäftsmodell, eine technisch gruselige Umsetzung mit unzureichenden Suchalgorhythmen, verwirrendem Bestellservice und einem Unternehmen hinter sich über die sich die DDR als Propaganda-Büro gefreut hätte, das einzige ist was ihr gegen Google, Amazon und jetzt Apple ins Feld führt, dann habt ihr Gewinneinbrüche verdient.
Meiner Meinung nach wäre da eine kleine Chance gewesen, hätte der Börsenverein sich die Zwischenbuchhändler an einen Tisch geschnappt und mit diesen eine Alternative geschaffen, in welcher Verlage Ihre Daten, wie gedruckte Bücher, über Ihre Verlagsauslieferung oder Barsortimenter, vertreiben und alle Geschäftsmodelle von alternativen Anbietern, sprich digitalen Sortimentern, wie auch Amazon einer ist, hätten auf diese Daten zugreifen müssen. Und wäre es dem Börsenverein, mit einem anständigen Unternehmen und den Mitteln der Zwischenbuchhändler gelungen, sogar noch eine deutsche eBookplattform mit eigenem Reader oder Tablet (wenn schon nicht selbst entwickelt (warum übrigens nicht?) dann zumindest gelabelt und eingekauft) dann hätten vielleicht Amazon und Apple an eurer Tür gekloppft… oder zumindest hätte der Endkunde mit dem Begriff „libreka!“ etwas verbunden… Tja. Ich freue mich als Endkunde auf meinen QI-Display-Mini-Windows-Taplet-Pad-Gedöns mit dem ich dann jederzeit über Amazon meine Bücher laden kann… Und der Zwischenhandel hätte jedes Mal daran verdient… hätte… Und an die lieben Buchhändler: macht euch nix draus… die Leute mussten bisher zu euch in den Laden kommen um Bücher zu kaufen, dann müssen sie eben zukünftig auf eure Webseite aktiv kommen um eBooks zu kaufen. Daran ist nichts verkehrt(anders als die Logik die hinter libreka! steckt, daran ist so ziemlich alles verkehrt). Müsst ihr halt noch lernen, wie man gescheites Marketing macht und Neukunden gewinnt (lasst euch mal was anderes als Lesungen und bunte Grabbeltische einfallen, da gibts ne Menge) und sich doch nicht auf Papa Börsenverein verlassen. Papa Börsenverein ist nämlich ähnlich alt (und dementsprechend wirr im Kopf ab und an) und antiquiert wie so mancher Buchhändler. Außerdem… keine Angst, das gedruckte Buch wird noch lange nicht aussterben. Noch sehr lange nicht… Daniel und Marco, zwei VVler

Antworten

iPad: Verleger im Rausch » Debatte » lesen.net 3. Februar 2010 um 14:45

[…] Google aufgerieben zu werden.” Zum Irrglauben des “guten Apple” hat Steffen Meier an dieser Stelle schon alles […]

Antworten

Steffen Meier 27. Februar 2010 um 15:19

Kleiner Nachtrag meinerseits:
„Zensur in Apples App-Store? Wolfgang Fürstner, Geschäftsführer des Zeitschriftenverbandes VDZ, wählte gegenüber Spiegel Online starke Worte: „Wir können und werden als Verlage unsere Seele nicht verkaufen, nur um ein paar Kröten von Apple zu bekommen“.
Mehr hier:
http://meedia.de/nc/details/article/zensur-verleger-suchen-linie-gegen-apple_100026455.html

Antworten

Erste iBooks-Preise publik (?) » eBooks » lesen.net 25. März 2010 um 16:28

[…] Amazon wie bei Apple gleich gute (bzw. schlechte) Karten haben und sich hier die Rollen von “Jesus und Judas” längst nicht so klar verteilt sind wie in der […]

Antworten

iPad – Jesus oder Judas? | Meier-meint.de 5. Februar 2014 um 11:51

[…] Zugegebenermassen – ein etwas sehr plakativer Titel. Aber auf der einen Seite Google-Bashing, auf der anderen blinde Hingabe an Apple und die Hysterie um das iPad – da sollten Verleger doch lieber mit wachem Geist herangehen. Zu diesem Thema ein kleiner Kommentar von mir auf lesen.net: https://www.lesen.net/diskurse/meinung-ipad-jesus-oder-judas-2223/ […]

Antworten

Du hast eine Frage oder eine Meinung zum Artikel? Teile sie mit uns!

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*
*