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Self Publishing: Der Ton wird rauer [Kolumne]

In Zeiten einer nur noch langsam wachsenden Nachfrage bei einem schnell größer werdenden Titelangebot fahren immer mehr Autoren ihre Ellenbogen aus. Dabei wird tief in die Schmutzkiste gegriffen, vom Abwerten positiver Rezensionen bis hin zur anonymen Publikation von Schmähkritik. Eine Kolumne von Indie-Autorin Poppy J. Anderson, aktuell mit zwei Titeln in den Top 10 der Kindle Charts vertreten und damit fast zwangsläufig „in der Schusslinie“.

Wenn aus anspornendem Neid Missgunst wird

Ich denke, dass Neid menschlich ist und dass sich kaum irgendjemand davon freisprechen kann, nicht ab und zu ein wenig neidisch zu sein.

Neid gehört zum Leben

Neid gehört zum Leben

Welche Frau war nicht schon einmal auf eine Geschlechtsgenossin eifersüchtig, die von ihren Abnehmerfolgen berichtet hat, während man selbst jeglichen Kontakt zu einer Waage zu vermeiden versuchte? Und welcher Mann kann schon von sich selbst sagen, dass er nicht einen Hauch von Neid verspürt hat, weil sein bester Kumpel ein Ticket für das Fußballderby schlechthin ergattert hat, während man selbst das Spiel bei schalem Bier in einer Kneipe verfolgen musste?

Maßvoller Neid hat nichts mit einer potenziellen Charakterschwäche zu tun, sondern gehört zum Leben dazu. Außerdem kann Neid in gewisser Weise sogar zum Vorteil gereichen, da er es schafft, Ehrgeiz in den Menschen zu wecken und sie anzuspornen. Hat der Arbeitskollege eine beneidenswerte Gehaltserhöhung bekommen, weil sein letztes Projekt von besonders viel Erfolg gekrönt war, strengt man sich umso mehr an, beim eigenen Projekt ebenso erfolgreich zu sein. Wird der Klassenkamerad von der Lehrerin für seinen fehlerfreien Aufsatz gelobt, möchte man es ihm gleichtun und bemüht sich bei der nächsten Klassenarbeit um ein noch besseres Ergebnis.

Um es ganz pathetisch zu sagen: Neid kann eine Antriebsfeder sein. Doch wann entwickelt sich aus gesundem Neid ungesunde Missgunst?

Um eins vorwegzunehmen: Die Mehrheit der Autorinnen und Autoren, die sich in der Literaturszene und insbesondere im Selfpublisher-Universum tummeln, sind schätzenswerte Kolleginnen und Kollegen, die einander Hilfestellungen geben, sich für den Erfolg der anderen freuen und absolut fair miteinander umgehen. Dort hat man begriffen, dass es sehr viel leichter und erstrebenswerter ist, sich mit anderen Autoren auszutauschen und sie als Arbeitskollegen zu betrachten, als allein auf weiter Flur zu stehen. Das Credo sollte sein, mit ihnen und nicht gegen sie zu arbeiten. Leider bestätigen jedoch Ausnahmen auch hier die Regel.

Self Publishing wird zum Kriegsschauplatz

Vor allem in letzter Zeit habe ich den Eindruck gewonnen, dass sich das Selfpublisher-Universum zu einem Kriegsschauplatz entwickelt. Bei manchen scheint das Konkurrenzgefühl dadurch zu wachsen, dass immer neue Autoren dazukommen, dass immer mehr Veröffentlichungen herausgebracht werden und dass man sich selbst unter Druck setzt, um Leser für sich zu gewinnen und ein gutes Ranking zu erzielen. Der Ton wird rauer und die Frage mag im Raum stehen, wie man mit der zunehmenden Konkurrenz umgeht. Dabei schießen einige über das Ziel hinaus und glauben anscheinend, nur dann gewinnen zu können, wenn sie andere Autoren in Diskredit bringen. Vom allseits bekannten Hinunterklicken guter Rezensionen bis zum inszenierten Shitstorm ist im Grunde alles dabei, was man sich vorstellen kann.

Anonyme Plagiats-Vorwürfe, infame Unterstellungen

Während das ständige Hoch- und Hinunter-Geklicke leicht peinliche Züge annimmt und keinen erzürnten Autor mehr hervorlockt, sondern den meisten lediglich ein müdes Lächeln abringt, gibt es mittlerweile Personen, die sehr viel perfider vorgehen. Unter anonymen Amazon-Accounts werden Rezensionen geschrieben, in denen man dem Urheber des Buches ein Plagiat vorwirft, einen Ghostwriter dazu dichtet oder den Autor persönlich angreift. Das kann so weit gehen, dass von Autorinnen, die im Gay-Romance-Genre angesiedelt sind, behauptet wird, sie müssten in „psychiatrische Behandlung“, oder dass man deren Romane mit folgenden Worten beschreibt: „Dort tun sich Abgründe der Menschheit auf.“ All diese entzückenden Worte stammen von einer Autorenkollegin wohlbemerkt.

Ebenfalls von Kollegen der eigenen Zunft, die glauben, durch ihren anonymen Account getarnt zu sein, liest man vor allem zu Autoren, die relativ viele Bücher in kurzer Zeit veröffentlichen, dass die Qualität unter der Quantität leide, dass der betreffende Autor gierig nach Ruhm und Geld sei oder dass der Roman gar nicht aus der Feder des Autors stamme, sondern von einem Ghostwriter geschrieben wurde. Komischerweise stehen gerade diese Rezensenten Gewehr bei Fuß und stürzen sich wie die Schakale sofort nach Veröffentlichung auf das neueste Werk des Autors. Um der ganzen Sache einen glaubwürdigen Anstrich zu verleihen, bezeichnet sich der Inkognito-Rezensent stets als Fan der ersten Stunde. Nur komisch, dass dieser angebliche Fan noch nie ein gutes Haar an dem betreffenden Autor gelassen hat.

Öffentliches Lob, versteckte Schmähkritik

Ich selbst wurde schon mehrere Male mit einer Dame konfrontiert, die ihrer Missgunst Ausdruck verliehen hat, indem sie unter anderem schrieb: „Ich muss ganz ehrlich sagen, dass Poppy J. Anderson vermutlich sogar fünfzig Seiten darüber lamentieren könnte, wie die Konsistenz ihres morgendlichen Stuhlgangs aussieht, ihre Fangirls würden ihr auch diese „Geschichte“ irre geifernd aus den Händen reißen und sie hoch loben.“ Mein Erstaunen, dass es sich bei dieser Rezensentin um eine „Kollegin“ handelte, die auf meiner Autorenseite stets kundtat, wie gut ihr meine Bücher gefielen, verwunderte mich sehr.

Mangel an Empathie

Überrascht hat es mich dagegen nicht. Diese desaströse Rezensionspolitik hat momentan Konjunktur. Leider geht sie zudem unter die Gürtellinie und lässt den Schluss zu, dass die Urheber solcher Rezensionen zu vergessen scheinen, dass hinter den Monitoren und hinter den zu rezensierenden Büchern Menschen stecken, die sehr damit zu kämpfen haben, beleidigende Rezensionen zu ertragen, in welchen sie beispielsweise psychisch krank genannt werden. Dass es sich bei diesen Rezensionen auch noch um Bewertungen von „Kollegen“ handelt, die eigentlich wissen sollten, wie es ist, der Öffentlichkeit sein Werk zu präsentieren und dabei mit diversen Ängsten zu kämpfen, ist wie ein Schlag ins Gesicht.

Natürlich kann und will ich nicht behaupten, dass alle schlechten Rezensionen auf Neid anderer Autoren basieren, immerhin muss nicht jedem Leser jedes Buch gefallen. Glücklicherweise sind die Geschmäcker verschieden – auch was Bücher betrifft. Sicherlich ist die Verlockung groß, jede annähernd negative Bewertung als Neidrezension zu deklarieren, doch dies wäre absolut falsch und albern und brächte uns dazu, uns selbst in die Tasche zu lügen. Konstruktive Kritik ist stets willkommen, destruktive Rezensionen dagegen, die nur darauf abzielen, einen anderen Autor ins schlechte Licht zu rücken, gehören sich nicht.

Kooperation und Fokus statt Auskeilerei

Ganz pragmatisch gedacht: Wenn betreffende Autorenkollegen damit aufhören würden, ihre Energien und ihre Zeit in gefälschte Rezensionen, niederschmetternde Kommentare oder das permanente Klick-Spiel zu investieren, und sich stattdessen auf ihre Manuskripte konzentrieren würden, wäre es vermutlich gar nicht nötig, neidisch auf irgendetwas oder irgendjemanden zu sein.

B_000006Über die Autorin: Poppy J. Anderson (Homepage, Wikipedia, Amazon) ist das Pseudonym einer deutschen Autorin, die seit Ende 2012 als Selfpublisherin Romane veröffentlicht, welche mittlerweile auch über Rowohlt verlegt werden. Die meisten ihrer Bücher schafften es auf Platz 1 der Bestsellerliste und haben sich über 800.000 Mal verkauft.

<Bildnachweis: Frau, Neid von Shutterstock>

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Kommentare


Die lieben Kollegen… | MyStory Verlagsservice Chris Kurbjuhn 9. Januar 2015 um 15:45

[…] lesen.net hat Erfolgsautorin Poppy J. Anderson eine sehr lesenswerte Kolumne über Kollegenneid in Selfpublisher-Kreisen  geschrieben. Offenbar versuchen einige gefrustete Self-Publisher, erfolgreicheren Kollegen mit […]

Antworten

Geltungssüchtige Indie-Autoren: Gegeneinander statt miteinander [Kolumne] » lesen.net 27. Februar 2015 um 13:07

[…] Der Ton wird rauer, stellte Indie-Autorin Poppy J. Anderson schon vor sechs Wochen fest. In ihrer neuen Kolumne konstatiert sie: Besonders in Foren und sozialen Netzwerken wird vornehmlich herumgemäkelt. Viele Plattformen sind längst ein Sammelbecken für Profilneurotiker. […]

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Christoph Rohn 17. April 2017 um 20:31

Fehler sind wirklich ein kollektiver Schmerz. Drama hat bereits geübt. Eigentlich gibt es dies garnicht, falsch geschriebene Worte, man kann nur für alles Beweise finden. Ich habe eine Rückmeldung aus einem Lektorat erhalten, ein Angebot, vernichtet zu sein. Es ist schlimm nicht freundlich zu sein, das ist alles. Marketing ist einfach spannend, oder wird nicht wirklich erfahren. Publishing ist jedenfalls enorm schlau, oder eine Eigenart zu üben, wirklich, an der Macht der Worte kann nicht gezweifelt werden und das alles sexy sein muss, ist nicht zu verbessern. Es ist wohl besser, den Schmerz nicht schwierig zu erfahren, sondern einfach wie ein nettes Geschenk und es ist möglich, das es gewitzten und klügeren Personen gelingt, mit Weisheit und Spass zu unterhalten. Ich finde, schreiben und unterhalten darf positive Eigenschaften nicht besiegeln. Eines ist einfach immer wichtiger. Qualitäten, Immunität und Essenz ist wichtiger zu erfahren und Schutz zu kennen, als verrückte Beziehung. Es ist wunderbar, zu üben und zu lernen, dies zu kommunizieren. Die Geschichte ist möglich, einfach ohne lose Enden und gehört vor den Punkt geschrieben.
Christoph Rohn
.marketing-derbe.com

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