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Verlagsbranche: Do or die

buchladenDie Buchbranche stellt sich teilweise als eine Branche der Vergangenheit dar, die Angst vor der Zukunft und Themen wie eBooks hat. Dies zeigte sich deutlich während der Buchtage in Berlin, die Mitte des Monats vom Börsenverein des deutschen Buchhandels organisiert wurden.

Es interessierten einmal mehr vor allem Fragestellungen wie „Werden sich eBooks als Kostenfalle für den Buchmarkt entwickeln?“ und der Schutz des geistigen Eigentums.

Wie schwer sich Verlage mit Innovationen tun, zeigt deutlich das Beispiel iPhone / iPod Touch mit dem angeschlossenen App Store. Obwohl es beides seit Jahren auch in Deutschland gibt, das Gerät eine hohe Reichweite hat und sich gut als eBook-Reader eignet, finden sich hier erst wenige Verlage. Man ist somit nicht dort präsent, wo der Kunde bereits angekommen ist und verschenkt wertvolle Vertriebschancen.

Die ewig Gestrigen

In Deutschland fehlen aktuell kreative Visionen zum digitalen Lesen. Wo bleiben die Fähigkeiten und Energie, um diese zu entwickeln und umzusetzen? Wann wird man beginnen, in dem Bereich der Zukunft besser werden zu wollen als andere Anbieter? Es stellt sich die Frage, inwiefern der Buchhandel in der Lage sein wird, zu der Lösung der Branchenprobleme einen wesentlichen Beitrag zu leisten. Werden die (globalen) Herausforderungen in Angriff genommen, wird ein Zukunftskonzept entwickelt?

Wird die Branche ihre Mitarbeiter in Bewegung setzen können und der Branche neue Impulse geben? Das ist, was Stärke ausmacht und der Hintergrund jeden Erfolges ist. Sollten deutsche Player dazu nicht in der Lage sein, werden es andere sein. Kümmert man sich vorwiegend um Verbote, wird man kaum die Kreativität entwickeln, das beste Angebot für die eigenen Kunden zu entwickeln.

Die Innovatoren

iphone3gSeit einer Woche steht global das neue Betriebssystem für das iPhone zum Download bereit. Hier gibt es einen ganz neuen Video-Bereich, dem ein spannendes Geschäftsmodell zu Grunde liegt:

  • Man kann eine gute Auswahl an aktuellen Filmen kaufen oder gegen einen deutlichen geringeren Endpreis leihen. Die Funktion sich nur ausleihbare Titel anzeigen zu lassen, ist sehr kundenfreundlich.
  • Gleichzeitig ist iTunes zu einer anspruchsvollen eLearning-Plattform geworden. Viele amerikanische Universitäten, aber auch erste deutsche wie die Universität Aachen, stellen Interessierten Videos von ihren Vorlesungen zur Verfügung – und zwar gratis. Gerade die amerikanischen Universitäten nutzen damit das iPhone, um sich den ca. 40 Mill. Benutzern zu präsentieren.
    Dabei kann man sich selber sehr leicht einen Eindruck von den Inhalten machen, die dort gelehrt werden und natürlich auch von deren Qualität. Die Inhalte sind aber auch sehr gut dazu geeignet, dass Menschen auf ihre eigenen Bedürfnisse abgestimmt, wann und wo sie möchten, gratis lernen können. Die Universitäten werden dadurch lebendig und hinterlassen einen bleibenden Eindruck.

Hier wurde ein attraktives und innovatives Video-on-Demand-Angebot gelauncht, das hochwertige kostenlose und kostenpflichtige Inhalte mischt. Es erscheint sehr wahrscheinlich, dass es iTunes gelingen wird, auf diese Weise seinen Umsatz pro Kunde weiter zu steigern und dass der Kampf um die Aufmerksamkeit des Kunden (und dessen Zeitbudget) noch intensiver werden wird. Die Frage, die sich hier stellt ist: Warum sollte sich Apple auf Musik, Hörbücher und Videos beschränken? Als nächstes könnte das Unternehmen sein eBook-Angebot weiter ausbauen und deutsche Händler hinter sich lassen.

Ausblick

buchhandlung_Während die Buchbranche noch in Jahren rechnet, erscheint eine Zeitrechnung in Monaten angemessener. Apple, Google oder Amazon werden vermutlich in der Lage sein, innerhalb der nächsten 12 Monate innovative Lösungen umsetzen. Den Unternehmen kann man nicht nachsagen, dass sie Angst vor Veränderungen haben. Im Gegenteil – sie sind es gewohnt, diese aktiv mitzugestalten.

Dank der Buchpreisbindung fühlt sich die deutsche Buchbranche sicher. Zu sicher? Deutsche Verlage orientieren sich vorwiegend an amerikanischen Bestsellern. Wird man hierfür auch in Zukunft deutsche Verlage brauchen? Was spricht dagegen, dass Apple, Amazon oder Google sich in Zukunft die Nutzungsrechte an amerikanischen Bestsellern für das Ausland sichern?

Mit Übersetzern und Lektoren können auch diese Player zusammen arbeiten. Und die eBooks z.B. über digitale Plattformen effizient vertreiben. In diesem Fall können sie auch die Preise bestimmen. So bleibt abzuwarten, zu welchem Preis Amazon seine im August in den USA startende Buchreihe vertreiben wird. Der Preis könnte deutlich unter den durchschnittlichen Buchpreisen liegen, um die Nachfrage anzuheizen.

Wer die neue Konkurrenz unterschätzt, könnte schon bald das Nachsehen haben. Die Veränderungen werden kommen – mit oder ohne deutsche Beteiligung.

/Olivera Wahl <Pix>

In diesem Zusammenhang hörenswert: Börsenblatt-Podcast „Drogenbarone der Onlinewelt

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Kommentare


Johannes 25. Juni 2009 um 20:55

Man muss da sicherlich auch ein stückweit differenzieren. Die Jungs von textunes haben ja gerade ein sehr innovatives iPhone-App rausgehauen (zeitnah hier im Test), und mit zB txtr & Xinxii haben wir auch einige vielversprechende Web 2.0 Geschichten im Lande.

Was aber wirklich fehlt, ist eine Bewegung bei den großen Verlagen bzw. die grundsätzliche Bereitschaft zur Wandlung des Geschäftsmodells. Das Trägermedium sollte nicht im Focus stehen, sondern die Selektion von wie auch immer aufbereiteten Inhalten.

Ciao
Johannes

Antworten

Steve Jones 25. Juni 2009 um 23:06

Eine Frage: Haben Sie jemals ein 300 Seiten Buch auf dem iPhone gelesen? Ich schreibe diesen Beitrag gerade mit einem und es geht unheimlich schwer auf dieser Seite. Aber zum Thema: Wenn sie nach 2 Stunden lesen immer noch der Meonung sind das es komfortabel ist, dann Hut ab. Ihnen wird dann aber auch die Batterie ausgegangen sein, also freien sie sich in der Nahe einer Steckdose Zu Sein. wird das Buch Medienfrei? Ganz klar ja! Aber das iPhone ist nicht mein bevorzugtes Endgerät.

Antworten

Olivera 25. Juni 2009 um 23:42

Ich habe bisher ca. 15 eBooks auf meinem iPhone gelesen, das dickste hatte 500 DinA4 Seiten.

Ich lese auf diesem Endgerät genauso gerne eBooks wie auf meinem Sony Reader, wobei es für den Sony meiner Meinung nach zur Zeit viel mehr gute eBooks gibt, so dass ich ihn mehr nutze. Auf meinem Sony-Reader habe ich seit Ostern 2008 ungefähr 70 eBooks gelesen.

Was ich mir für Deutschland wünsche ist folgendes:
– Jedes Buch ist auch als eBook erhältlich
– Die Preise sollten fair sein und sich maximal an der günstigsten Print-Version orientieren

Amazon bietet in den USA 200.000 eBooks an, in Deutschland ist die Auswahl noch sehr überschaubar. Ich lese seit 3 Jahren gerne eBooks und bin immer in einer gewissen Warteposition. Erst das Warten auf Reader und jetzt wartet man auf viele eBooks, die es nur als gedrucktes Buch gibt.

Ich wünsche mir einfach nur, dass das ewige Warten ein Ende hat und jeder Leser sich frei aussuchen kann, ob er ein gedrucktes Buch, auf einem Reader oder Handy lesen möchte.

Und ich finde, dass die Buchbranche nicht in ein paar Jahren jammern kann, wenn Apple, Amazon, Google oder wer auch immer den eBook-Markt in Deutschland eventuell an sich gerissen hat. Zeit genug hatten sie, aber dafür muss man die Zeit auch nutzen.

Das Beispiel Apple habe ich in meinem Artikel aus einem Grund gewählt: Apple ist innovativ, kreativ und gestaltet die mediale Zukunft. Die neue Video-Plattform beweist das wieder mal. Davon könnten sich deutsche Unternehmer eine Scheibe abschneiden und sich fragen, was sie von solchen Beispielen lernen können.

Von Xinxii bin ich kein großer Freund, weil mir die Qualitätssicherung fehlt. Meiner Erfahrung nach ist es recht mühselig, dort ein gutes eBook zu finden. Unter den bestbewerteten Dokumenten befindet sich z.B. auf dem zweiten Platz ein eBook, wo man für lediglich 9 Seiten 10€ bezahlen soll. Die Bewertungen sind reine Lobeshymnen, was soll ich davon halten?

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Hans-Jörg 26. Juni 2009 um 00:26

Die Meldung klingt ein bisschen so, als würde die Katastrophe (für die Verlage) regelrecht herbeigesehnt. (Oder ich fasse es so auf, damit ich hier entsprechend antworten kann. Auf jeden Fall vielen Dank für solche durchdachten und für einen Blog untypisch langen Beiträge.)

Ich habe drei Tarzanromane und etlichen anderen Kram auf einem Stupidphone mit 2-Zoll-Bildschirm gelesen. Ich werde in Kürze eine eInk-Reader anschaffen, trotzdem kaufe ich viele Papierbücher und werde das auch weiter tun – fast ausschließlich Gebrauchware weit unter dem Preis des großzügisten eBook-Angebots. Der eReader ist dann für jene Sachen, die es gedruckt nicht (mehr) gibt.

Wenn ich mir die Welt um mich herum betrachte, dann gibt es noch immer Einzeller (gut – ich sehe sie nicht, aber ich weiß, dass sie da sind), obwohl sich inzwischen doch etliche Mehrzeller erfolgreich auf der Erde etabliert haben. Es gibt noch wechselwarme Kreaturen, obwohl die echten Erfolgsmodelle die Warmblüter sind. Es gibt trotz der Erfindung des Autos noch Radfahrer, und dass es überhaupt noch Bücher gibt, ist seit der massenhaften Verbreitung des Fernsehens eigentlich auch unerklärlich.

Sicherlich werden einige ewig gestrige Verlage unter einem Boom der eBooks zu leiden haben, womöglich verpufft der eine oder andere auch ganz. Allerdings denke ich auch nicht, dass nun jeder Verlag um seine Existenz bangen muss, wenn er nicht sofort innovativ wird und ein Heer von Programmierern einstellt. Ein Verlag, der es versteht, zusammen mit seinen Autoren erstklassige Bücher zu erstellen, der wird auf lange Zeit auch ohne eBooks zurecht kommen. Problematisch wird es für die Verlage, die sich auf Druck und Distribution beschränken und einem eBook-Autoren kaum etwas bieten können, was er nicht für ein paar Euro im Monat bei 1und1 kriegt.

Xinxii, Smashwords und entsprechende Angebote passen doch gut in dieses Schema. Die Qualität der Texte unterkriecht nicht selten meine Vorstellungskraft. Einmal abgesehen davon, dass sich solche Online-Plattformen auch weiterentwickeln können: Ich würde das ganze nicht als Ersatz für die klassischen Verlage betrachten, sondern als Ergänzung. Hier kann jeder seinen Mist publizieren. Das ist natürlich blöd, wenn ich nicht die Zeit habe, nach den wenigen Perlen zu suchen. Andererseits hat hier auch kein Herr im Anzug zuvor für mich entschieden, was mich interessiert und was nicht. Je nach Tagesform kotzt mich dieser Haufen Mist an, oder mich reizt die Vielfalt.

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Olivera 26. Juni 2009 um 10:11

Ich sehne mich danach, jedes Buch als eBook kaufen zu können. Und ich sehe, wie lange es dauert, bis die Branche in Bewegung kommt. Ich verstehe meinen Artikel an deutsche Unternehmen, von internationalen Playern zu lernen und die Zukunft noch aktiver mitzugestalten.

Ich sehe die Entwicklung nicht als Katastrophe, sondern als Chance und einen normalen Prozess. Ich finde es eher verwunderlich, dass der eBook-Markt nicht analog z.B. zur Musik-Branche viel weiter ist. Ich sehne mich jedenfalls nicht nach der Zeit zurück, als man Schreibmaschinen statt PC’s benutzt hat.

Was ich so im Sony Forum mitkriege, schreiben einige, dass sie eigentlich weiter Bücher kaufen wollten, aber es wider Erwarten doch nicht tun, seit sie einen Reader besitzen. Ich bin gespannt, wie es bei dir sein wird :0) Ich will niemandem sein Buch abspenstig machen, ich möchte nur die freie Wahl. Soll der Leser doch entscheiden, ob er lieber auf Papier oder digital liest. Ich mache da niemandem Vorschriften, nehme mir aber für mich auch das Recht heraus, frei wählen zu wollen.

Was die Buchbranche angeht, sehe ich folgende Entwicklung:
– Laut einer Studie können sich 30% der Deutschen vorstellen, ein eBook zu nutzen.
– Ich vermute, dass es jährlich 1-3% weniger Buchleser geben wird, weil diese zu eBook-Lesern werden. In 5-10 Jahren könnte sich ein eBook-Marktanteil entwickeln, der den Verlagen weh tun könnte. In der Musikbranche haben sich die Umsätze in ca. 5 Jahren halbiert (soweit ich weiß).

Es ist also nur eine Frage der Zeit, bis es Bücher gibt, die die Fixkosten nicht mehr einfahren. Dies ist übrigens eine Entwicklung, die man aktuell in den Staaten schon beobachten kann. Dort nehmen die Verlagsinsolvenzen gerade zu.

Und wenn ich lese, dass die Verlage in Deutschland überlegen, die Buchpreise zu erhöhen, wird mir ganz anders. Da ich nur noch eBooks lese, betrifft mich das nicht, weil hier die Auswahl an günstigen und guten eBooks groß genug ist. Ich kann dazu nur sagen: Do more with less und zur effizienten Ressourcennutzung gehört für mich auch das eBook.

Ich freue mich über jeden Verlag, der auch in Zukunft gut aufgestellt sein wird. Mir ist die Qualitätssicherung durch die Verlage auch sehr wichtig.

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Lotrees Journal » links for 2009-06-26 26. Juni 2009 um 15:02

[…] Verlagsbranche: Do or die » Diskurse » lesen.net Die Buchbranche stellt sich teilweise als eine Branche der Vergangenheit dar, die Angst vor der Zukunft und Themen wie eBooks hat. […]

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Wilhelm Ruprecht Frieling 27. Juni 2009 um 18:21

Als Autor wie als Verleger halte ich es für selbstverständlich, jedes meiner Bücher sowohl als Printprodukt als auch als E-Book lieferbar zu halten.

Die deutschen Verlage in ihrer Gesamtheit waren hingegen noch nie sonderlich innovativ. Sie ruhen sich gern auf historisch gewachsenen Pfründen wie der Buchpreisbindung aus. Die Entwicklung wird sie bald eines besseren Belehren. Das kann für manche ein böses Erwachen werden!

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