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Warum ein eBook Reader Exitus fatal für die Buchbranche wäre

Von verschiedenen Seiten wird in diesen Tagen mal wieder der Tod dedizierter Lesegeräte herbei geschrieben, teils offenbar sogar herbeigesehnt. Auch Buchindustriellen scheint es nicht schnell genug gehen zu können, bis wir alle auf Tablets und Smartphones lesen – dabei wäre das fatal für die Branche.

Ein Mashable-Artikel mit dem Titel “Warum E-Reader die nächsten iPods sind” feuerte die Debatte um das vermeintliche nahe Ende der Geräteklasse eBook Reader neu an. Anlass für den Text waren die vergangene Woche bekannt gewordenen Pläne von Barnes & Noble, seine defizitäre Nook-Sparte abzuspalten. In diesem Zusammenhang verweist der Mashable-Artikel auf Prognosen, nach denen die E-Reader-Verkäufe in den USA ihr Hoch bereits erreicht haben und sukzessive zurückgehen – von 25 Millionen verkauften Lesegeräten im Jahr 2012 zu 7 Millionen Geräten im Jahr 2017.

Der Text weist weiter auf Analystenzahlen hin, nach denen auch das Tablet-Wachstum bereits abflacht. Vor allem Smartphones mit ihren immer größeren Displays würden dem eBook Reader den Garaus machen – anlog zu MP3-Abspielgeräten würden sich eBook Reader schon bald in der Nische wiederfinden.

So weit, so bekannt: Lange wurde dedizierten Lesegeräten eine glorreiche Zukunft bescheinigt, doch spätestens im Dezember 2012 kippte die Stimmung. Binnen kurzer Zeit schwenkten zahlreiche Marktbeobachter auf die Prognose, das E-Reader-Zeitalter sei vorbei. Mitte 2013 korrigierte dann auch der IT-Branchenverband Bitkom seine Prognosen für den deutschen Markt nach unten.

“Zu viel E-Book” vs. “Zu wenig Multimedia”

Bemerkenswert ist, wie sehr große Teile der Buchbranche das Aus der eBook Reader als eigenständige Gerätegattung herbeisehnen. Dabei hat sich eine kunterbunte Einheitsfront gebildet, deren Motive höchst unterschiedlich sind. Auf der einen Seite gibt es da die Papierliebhaber, häufig  Buchhändler, die digitales Lesen an sich ablehnen und teilweise immer noch darauf warten, dass die Leute endlich vernünftig werden und diesem neumodischen E-Reading-Trend wieder den Rücken kehren (wobei sie vom Börsenverein bestärkt werden).

Aber auch viele, die dem Medienwandel durchaus aufgeschlossen gegenüber stehen oder sogar beruflich involviert sind (und das freiwillig), stören sich an dedizierten Lesegeräten, genauer gesagt an deren technischer Limitiertheit. Die darauf dargestellten E-Books seien bloß schlechte Kopien von Print-Büchern (anders als diese aber nicht verkaufbar), sie würden die Möglichkeiten des Mediums in keiner Weise nutzen, zudem sei die Formatierung mies. Diese Gruppe kann es kaum erwarten, bis wir alle multimediale Kompositionen auf Smartphones und Tablets lesen erleben.

Keine Zahlungsbereitschaft, viel Konkurrenz

App Store auf dem iPad

App Store auf dem iPad

Dazu wird es aber leider (!) auf absehbare Zeit nicht kommen. Hauptgrund: Aufwändig produzierte Enhanced E-Books rechnen sich schlicht nicht. Die Zahlungsbereitschaft bei Android-Nutzern ist nach wie vor nahe Null, und auch in den iOS-App-Charts kosten selbst hochwertige Anwendungen selten mehr als 4 bis 5 Euro. Dazu wollen die Verlage schon normale E-Books nicht anbieten, von Titeln mit Enhancements ganz zu schweigen.

Das im Games-Bereich sehr populäre Free-to-Play-Modell lässt sich kaum auf E-Books adaptieren, schon weil es keine “Heavy User” gibt, die auch schonmal ein paar Hundert Euro monatlich in virtuelle Güter investieren. Auch ist der Verkauf von Enhanced E-Books in den seltensten Fällen ein Massengeschäft, zumindest für App-Store-Verhältnisse, wo bei erfolgreichen Apps in “Millionen Downloads” gerechnet wird.

Hinzu kommt: E-Books, ob angereichert oder nicht, haben sich auf Tablets und Smartphones gegen eine Vielzahl anderer Formate durchzusetzen, die um die begrenzte Aufmerksamkeit des Nutzers buhlen und viel mehr von buntem Display und schnellem Prozessor profitieren als Text. Konsequenz: E-Reader-Nutzer kaufen wesentlich mehr E-Books als Tablet-Nutzer, auch wenn letztere ebenfalls angeben, auf den Geräten zu lesen.

iPod-Moment steht noch aus

iPod Touch

iPod Touch

Letztlich hinkt der iPod-Vergleich von Mashable aber auch. Denn während der iPod von einem iPhone abgelöst wurde, das die volle iPod-Funktionalität plus Zusatznutzen (Surfen, Telefonieren) im gleichen Gehäuse vereinte, können Tablets und Smartphones eben noch kein solches E-Reading-Erlebnis gewährleisten wie E-Ink-Lesegeräte. Solange Tablets nicht leichter und augenfreundlicher sind (oder andersherum Smartphones nicht größer und augenfreundlicher), stellen sie eben keinen gleichwertigen – im Sinne von: nicht mit Kompromissen verbundenen – Ersatz für dedizierte Lesegeräte dar.

E-Books in ihrer jetzigen Form sind für Verlage hoch lukrativ, auch für Händler lohnt sich das Geschäft – die Geschwister Hugendubel sprachen gar davon, die Tolino-Plattform habe ihr Unternehmen gerettet. Einstweilen sind neue Erzählformen auf Tablets und Smartphones also eine schöne Vision, das Brotgeschäft wird aber mit dedizierten Lesegeräten gemacht. Verantwortlich dafür sind zuvorderst Leser, die mit ihrem Geldbeutel abstimmen und derzeit eben lieber zu vermeintlich “dummen” E-Books greifen als zu teuren Multimedia-Experimenten.

<Bildnachweis: Exitus von Shutterstock>

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Kommentare


E-Card: Winz-Reader wirft Schatten voraus [Video] » lesen.net 3. Juli 2014 um 12:53

[…] Anfang dieses Jahres, auf der Messe CES in Las Vegas, wurden gleich mehrere Ideen für ein sinnvolles Zusammenspiel von Smartphones und E-Ink-Panels gezeigt. Der Hintergrund ist klar: Immer mehr Menschen sind mit leistungsfähigen Mobiltelefonen unterwegs, deren Displays fürs Lesen längerer Texte aber nur bedingt geeignet sind (Japaner würden hier widersprechen). Reine eBook Reader werden umgekehrt als aussterbende Spezis betrachtet. […]

Antworten

Mobile Publishing: Update Juni 2014 | smart digits 15. Juli 2014 um 02:05

[…] The Digital Reader zu Recht, dass es in diesem Bereich noch zu früh für Grabgesänge ist. Auch Johannes Haupt auf lesen.net können wir nur zustimmen: eReader als Geschäftsmodell jetzt schon zu beerdigen wäre fatal und […]

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