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Wie sich Amazon im Konditionenstreit als Anwalt des Kunden verkauft

Niedrigere Preise für E-Books und Alleinkämpfer gegen einen gestrigen und korrupten Buchmarkt: Amazons PR-Maschine läuft. Im Konditionenstreit mit Hachette versucht der Riese sich als freundlicher Anwalt der Leser zu inszenieren. Doch der Streit gerät zusehends zur Schlammschlacht um den größten Teil des Kuchens.

Was im Frühjahr als einfache Verhandlung über Verkaufskonditionen von E-Books begann, spitzt sich immer mehr zu einer PR-Schlacht zu. Am Sonntag erschien in der New York Times ein offener Brief an den Amazon-Gründer Jeff Bezos.  Mehr als 900 Autoren, darunter Größen wie Stephen King, John Grisham und Paul Auster, unterschrieben den Brief.  Die Autoren sehen von Amazons Boykott der Hachette-Publikationen ihre Lebensgrundlage bedroht. In dem Brief betonen die Autoren, sie wollten sich in dem Streit nicht auf eine Seite schlagen – fühlen sich aber von Amazon unfair behandelt und für wirtschaftliche Interessen missbraucht.  Initiiert war die Kampagne vom Besteller-Autor Douglas Preston, die Gruppe nennt sich selbst  „Authors United“.

Autoren als „menschliche Schutzschilde“

Amazon konterte unter dem Titel „Readers United“ mit einem eigenen offenen Brief. Darin inszeniert sich der Online-Händler als Neuerer des Buchmarktes und Anwalt der Leser. Genau wie die Verbreitung günstiger Taschenbücher den Buchmarkt nicht kaputt gemacht sondern gestärkt hätte, argumentiert der Brief, würden günstigere E-Books weder „Bücher entwerten“ noch zu Umsatzeinbußen der Verlage und der Autoren führen. Im gleichen Atemzug wirft Amazon Hachette illegale Preisabsprachen bei E-Books vor. Schon vor zwei Wochen hieß es seitens Amazon, Hachette würde seine Autoren als „menschliche Schutzschilde“ missbrauchten – Kriegsvokabular.

Streit zur Schlammschlacht

Medienreaktionen auf den letzten Amazon-Brief: Die PR-Maschine zeigt Wirkung

Medienreaktionen auf den letzten Amazon-Brief: Die PR-Maschine zeigt Wirkung

Beide Briefe enthalten am Ende die Aufforderung an die Leser, mit E-Mails Druck auf die jeweiligen Vorstandschefs Jeff Bezos beziehungsweise Michael Pietsch auszuüben. Damit gerät der Konditionenstreit zwischen Hachette und Amazon zusehends zur PR-Schlammschlacht mit dem Ziel, Leser für die jeweiligen eigenen Zwecke zu instrumentalisieren.  Dafür zirkulieren Pressemitteilungen und Gegenpressemitteilungen, Unterschriften werden gesammelt und Petitionen werden aufgesetzt. Beide Seiten lassen ihre Muskeln spielen. Während Amazon mit Lieferverzögerungen und bewusster Platzierung von Konurrenztiteln bei Hachette-Büchern seine Marktmacht demonstrierte, um höhere Rabatte beim Einkauf von E-Books zu bekommen,  inszeniert Hachette sich als als Wächter über Qualität und Vielfalt auf dem Buchmarkt.

Der größte Teil des Kuchens

Damit ist klar, dass es längst nicht mehr um die Frage geht, ob Amazon beim Einkauf von E-Books jetzt 30 oder 50 Prozent Rabatt bekommt, ob Amazons Forderung nach E-Books für 9,99 Dollar stat 14,99 Dollar gerechtfertigt ist oder ob Autoren von einer der beiden Seiten unfair behandelt und bezahlt werden. Amazon greift gerade traditionelle Verteilungsmodelle des Buchmarktes an und möchte sie in seinem Sinn gestalten. Hachette versucht, das zu verhindern, so gut es geht. Beiden Seiten geht es um die Frage, wie ein zukünftiger Markt für E-Books aussehen soll und wer den größten Teil des Kuchens bekommt, analysierte der Autor David Graugham schon im Mai. Und ein Ende ist nicht in Sicht: „Wir sind nicht optimistisch, dass das Problem bald gelöst sein wird“, gab man bei Amazon zu Protokoll.

<Bildnachweis: Hahnenkampf von Shutterstock>

 

 

 

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Kommentare


Offener Brief: Auch deutsche Autoren rebellieren gegen Amazon » lesen.net 14. August 2014 um 16:55

[…] endlose Streit zwischen Bonnier/Hachette und Amazon geht in die nächste Runde. Nun wollen sich am Sonntag auch deutsche Autoren mit einem […]

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Weiterer Großverlag legt sich mit Amazon an » lesen.net 6. April 2015 um 14:36

[…] der Buchbranche ein weiterer heißer Sommer bevor? Nachdem Amazon im Jahr 2014 im Konditionenpoker mit unter anderem Hachette und hierzulande Bonnier (Ullstein, Carlsen, Piper) mit harten Bandagen […]

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