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806 Euro für illegale Sarrazin-eBooks

„Deutschland schafft sich ab“ von Thilo Sarazzin ist nicht nur das wohl meistdiskutierte und einflussreichste Buch des ausgehenden Jahres, sondern bescherte seinem Autor und dem Verlag DVA (Random House) auch hervorragende Umsätze – 1,2 Millionen Exemplare wurden bereits gedruckt, Sarazzin soll schon über drei Millionen Euro ausgezahlt bekommen haben. Auch das eBook bricht Verkaufsrekorde und sorgt für eine echte Neuerung hierzulande: Die erste Abmahnwelle bei digitaler Literatur.

Das eBook von „Deutschland schafft sich ab“ erschien praktisch zeitlich zur Printausgabe und setzte sich vom Start weg an die Spitze aller relevanten eBook-Charts – auf die Gründe dafür (günstig, verfügbar, ‚unverfänglich‘) gingen wir schon im September ausführlich ein. Inzwischen sollen sich die Verkäufe auf eine Zahl „im mittleren fünfstelligen Bereich“ summieren, so DVA-Pressechef Markus Desaga im Gespräch mit lesen.net. Bei einem Verkaufspreis von 19 Euro bedeutet das (Brutto-)Umsätze von rund einer Million Euro für einen einzelnen Digitaltitel, was in der deutschen (E-)Buchbranche bislang natürlich seinesgleichen sucht.

google-schafftsichabAngesichts des relativ hohen Preises (obgleich vier Euro unter Hardcover), dem restriktiven harten Adobe DRM Kopierschutz, der eBook-typisch kleinen Dateigröße sowie einer großen (und neugierig machenden) medialen Aufmerksamkeit rund um das Buch erfreute sich „Deutschland schafft sich ab“ von Beginn an auch in den dunklen Ecken des Internets einiger Beliebtheit. Eine Google-Suche nach dem Buchnamen (Screenshot rechts) offenbart, dass die häufigsten Recherchen nicht unbedingt mit rechtschaffenden Motiven ausgeführt wurden.

Schon im Spätsommer beauftragte der Sarrazin-Verlag DVA die quasi auf Massenabmahnungen spezialisierte Münchner Kanzlei Waldorf Frommer (vgl. auch Wikipedia) mit der Durchsetzung seiner Interessen. Die Anwälte blieben seitdem nicht untätig und verschickten eine große Zahl Abmahnungen an Nutzer von Filesharing-Netzwerken, die „Deutschland schafft sich ab“ downloadeten und dabei technikbedingt gleichzeitig auch als Anbieter (und damit Verbreiter) des Titels fungierten.

806 Euro fordert die Kanzlei im Verbund mit der Unterzeichnung einer standardisierten strafbewehrten Unterlassungserklärung von via IP-Adresse überführten Filesharern. Der Betrag setzt sich aus einem pauschalisierten Schadensersatz von 300 Euro sowie Rechtsanwaltsgebühren von 506 Euro zusammen, die sich wiederum an einem Streitwert von 10.000 Euro orientieren.

Weil Waldorf Frommer offenbar mal wieder nach dem Gießkannenprinzip abmahnt, häufen sich dieser Tage einerseits die Hilferufe betroffener Nutzer, andererseits erste Analysen von auf die Verteidigung von Filesharern spezialisierten Anwälte; Lars Rieck etwa hält in seiner lesenswerten Betrachtung den fiktiven Schadensersatzwert von 300 Euro für strittig, Dr. Stephan Schmelzer offeriert eine Checkliste mit Verteidigungsmöglichkeiten, die Kanzlei just law liefert zudem umfassende Hintergrundinformationen zur Rechtslage bei Contentabmahnungen.

Alle Anwälte raten Betroffene zur Konsultation von Rechtsbeistand – nicht ganz uneigennützig natürlich, die Rechtshilfe für belangte Filesharer ist ebenso lukrativ (und zugleich weniger imageschädigend) wie das Abmahnen selbst. Anwaltliche Beratung kann allerdings auch schnell mit Gebühren verbunden sein, welche die Kosten für die Abmahnung selbst übersteigen, die Erfolgsaussichten dürften dabei eher mäßig sein.

7ae2ac7a35Die Abmahnungen von Filesharern sind medienwirksam (und somit abschreckend) sowie auch für sich genommen ein gutes Geschäft, weil eine große Zahl von Übeltätern mit relativ wenig Aufwand angegangen werden kann. Dass die Contentindustrie Piracy auf diesem Weg tatsächlich Herr wird, ist allerdings zu bezweifeln. Ein großer Teil der illegalen Datenströme verläuft längst über 1-Click-Hoster, deren Benutzer anonym bleiben; entsprechende Inhalte sind bei einer Google-Suche nach dem Sarrazin-Buch sogar vor legalen Angeboten gelistet.

Dabei verteilen sich die Daten auf eine Vielzahl von Hostern, der von der Buchindustrie massiv angegangene einstmalige Platzhirsch Rapidshare ist hier nur „einer von vielen“ und absolut verzichtbar. Die Warez-Seiten beziehungsweise ihre Betreiber sind ‚dank‘ mehrfach verschleierter Whois-Einträgen und Servern in Übersee kaum greifbar.

Nach wie vor sind die Contentprovider damit gut beraten, als erste Maßnahme gegen Piracy für ein attraktives legales Angebot zu sorgen; neben einer guten Datenqualität und fairen Preisen sollte hier ein Verzicht auf  hartes DRM ganz oben auf der Agenda stehen. Nicht zuletzt das Beispiel „Deutschland schafft sich ab“ zeigt, dass mit der gängelnden Adobe Verschlüsselung lediglich die ehrlichen Kunden bestraft werden.

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Kommentare


Jazznrhythm 21. Dezember 2010 um 08:59

„Ein großer Teil der illegalen Datenströme verläuft längst über 1-Click-Hoster, deren Benutzer anonym bleiben“

Das ist nicht ganz richtig. Die Abmahnungen treffen in der Regel den unautorisierten Verteiler urheberrechtlich-geschützter Dateien, also den Uploader. Während der Uploader den meisten 1-Click-Hostern z.b. allein schon deswegen bekannt ist, weil er oftmals einen gebührenpflichtigen Account dort hat, handelt es sich beim Downloader meistens um einen scheinbar anonymen Nutzer, der die Dienste des Hosters sporadisch nutzt.

Vom verzichtbaren Rapidshare gibt es zum Beispiel die Aussage, das sie aus abrechnungstechnischen (o.ä.) Gründen die IP- des Accountinhabers länger speichern als die IP des Nicht-Kunden bzw. Downloaders. Letztere würden sie nur eine halbe Stunde vorhalten. Die Meinung, das man hier also tatsächlich in irgendeiner Weise anonym agiert, ist also – spätestens mit einem Bezahlaccount sowieso – nicht ganz richtig. Theoretisch sind die Bewegungen auf den Servern der Filehoster sehr wohl nachvollziehbar, praktisch könnte man das sogar über Proxies und ähnlich zwischengeschaltete Server herausbekommen.

Aber abgesehen davon: 1-Click-Hoster und ähnliche Dienste verdienen ihre Brötchen über Werbung und Paydienste. Mag die Suche nach einem Server sich unter Umständen noch etwas schwierig gestalten (weil er eventuell in einem anderen Rechtsraum steht und Betreiber hat, die ebenfalls andernorts ihren Briefkasten haben), so ist der Weg des Geldes, das sie damit verdienen wollen durchaus verfolg- und stoppbar (siehe aktuelle Ideen bei Visa).

Im Grunde gibt es kein anonymes Piracyprojekt, es gibt nur Aufwand-Nutzen-Rechnungen, die es manchmal verbieten mehr in die Jagd zu stecken als man am Schluss wieder rausholen kann, aber im Grunde gibt es mannigfaltige Möglichkeiten den Verursachern habhaft zu werden. Es kommt nur darauf an, wie sehr man sich darauf konzentriert. Google soll dazu angehalten werden Downloadlinks nicht mehr zu führen oder bevorzugt zu präsentieren (auch nicht durch Autovervollständigen), die Blogs mit entsprechenden Inhalten werden sehr schnell von Google (einem der größsten Bloghoster bei diesem Thema) gelöscht und die Zahlungen an 1-Click-Hoster werden illegalisiert (so das unter anderem auch Werbefirmen von Strafen betroffen sein könnten). Damit wird es schon zunehmend enger. Sollten dann noch Server beschlagnahmt werden, dann werden Uploader automatisch geoutet.

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Johannes 21. Dezember 2010 um 09:48

@Jazznrhythm Danke für deine Ausführungen; von den 1-Click-Hostern darfst du hier aber keine wirkliche Kooperation gerade im Bezug aufs Outing von Uploadern/Downloadern erwarten; das läuft in den meisten Fällen ihrem Geschäftsmodell entgegen, gerade die Premiumaccounts werden wohl in den allermeisten Fällen von Menschen genutzt, die sich damit eher nicht neue Linux-Distris ziehen wollen. Sprich: Auch wenn IPs länger gespeichert & Zahlungsdaten erhoben werden, so sollten die Identität hier doch „sicher“ sein.

Ciao
Johannes

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Thomas Knip 21. Dezember 2010 um 14:20

Vor allem sitzen viele 1-Click-Hoster im Ausland, und damit scheren sie sich um deutsche Rechtsanfragen wenig.

Da müssen dann schon massive Geschütze der richtig großen Verbände und manchmal sogar Gespräche auf politischer Ebene aufgefahren werden, damit einer mal einknickt.

Sprich: Sobald die Hoster Einnahmeeinbußen befürchten müssen. Es geht halt auf beiden Seiten (auf allen dreien, nimmt man die User hinzu) vor allem wie so meist um eines – das liebe Geld.

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Jazznrhythm 21. Dezember 2010 um 17:26

Ich sags mal so: Jemanden zu vertrauen, den man kennt, das ist eine Sache. Jemanden zu vertrauen, den man nicht kennt, eine ganz andere. Jemanden zu vertrauen, dem es eigentlich nur ums Geld geht – naja. Auch wenn man meint, das sich 1-Click-Hoster im Ausland befinden (z.b. Honkong-Megaupload), dann ist es doch nur eine Frage der Zeit, bis wann es Leuten, denen wirklich etwas daran liegt, gelingt, den sicheren Hafen und die Einnahmequellen trocken zu legen. Und: Nehmen wir nur mal an, sie bekommen einen diesen Hoster in die Finger – wie auch immer, wo auch immer, wann auch immer – was glaubt man den, wie schnell der bereit ist, für irgend einen Deal alle angesammelten Daten herauszugeben? Wie gesagt: Wir haben es weder mit Wikileaks, noch mit einer anderen altruistischen Idealistengeschichte zu tun. Es geht nur und ausschließlich ums Geld. Solchen Leuten zu vertrauen, das ihre Datenbanken auf alle Zeiten vertrauenswürdig, sicher, ungehackt und offensichtlich zurückhaltend behandelt werden und bleiben, finde ich schon mehr als mutig.

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Timo 21. Dezember 2010 um 17:32

Es wäre doch eh ein Kampf gegen Windmühlen, selbst wenn man diese Filehoster schließen könnte. Dann würde halt FTP, P2P oder Sonstiges genutzt, mal davon abgesehen dass es Raubkopien auch schon vor dem Internet gab. Komisch dass immer noch der Glaube kursiert man könne Raubkopien auf rechtlichem Wege beikommen. Es hat nicht geklappt bei Software, nicht bei Musik, nicht bei Filmen. Aber gut, versuchen wir es doch auch noch bei Ebooks … macht Sinn :-)

Dabei haben es iTunes, Apple AppStore und Kindle doch mittlerweile schon vorgemacht, wo der Weg hingehen muss. Content günstig und einfach, so dass der Aufwand mit Raubkopien nicht der Mühe wert ist, zumindest für die Mehrheit.

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Jazznrhythm 21. Dezember 2010 um 19:47

@Timo, es geht eigentlich nicht darum, ob es einen logischen Sieger gibt oder ob der Kampf (für welche Seite auch immer) sinnlos oder sinnvoll ist. Es geht eher darum, das der Einzelne weiß, wann er im Geschehen Schaden nehmen kann und wie sicher oder unsicher seine Handlungen tatsächlich sind. Ansonsten sehe ich die Situation eben als eine solche, die momentan herrscht und weitgehend wertfrei, bestenfalls interessiert.

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A. Buck 22. Dezember 2010 um 12:17

„Es geht eher darum, das der Einzelne weiß, wann er im Geschehen Schaden nehmen kann und wie sicher oder unsicher seine Handlungen tatsächlich sind.“

Gut und richtig gesagt.

@Johannes: Danke für den Artikel. Nachdem zuletzt ja offenbar vor allem die Hörbücher-mp3 Konjunktur hatten, kommen nun also schließlich die ebooks. Na dann.

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fragestellung 22. Dezember 2010 um 15:55

Wieso ist es nicht rechtschaffen, das kritische Rezipieren eines solchen Pamphlets nicht auch noch zur Geldspende für Verlag und Autor geraten zu lassen?

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RealLesen 22. Dezember 2010 um 19:08

„Google soll dazu angehalten werden Downloadlinks nicht mehr zu führen oder bevorzugt zu präsentieren (auch nicht durch Autovervollständigen), die Blogs mit entsprechenden Inhalten werden sehr schnell von Google (einem der größsten Bloghoster bei diesem Thema) gelöscht“
Naja, wer illegales sucht, benutzt doch (meist) eh nicht Google, sondern z.B. Yahoo. Gerade die „unbekannteren“ Suchmaschinen nützen doch hier diese Marktlücke, um sich beliebt zu machen. Das kann der geneigte Leser gerne mal ausprobieren, wie unterschiedlich Erfolgreich die Suchtreffer sind. Auch hier wollen „Suchmaschinen“ Geld verdienen.

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resel 22. Dezember 2010 um 20:07

@fragestellung:

Weil der Autor dieses Pamphlets Arbeit, Wissen, Zeit und Mühe hineingesteckt hat für die er – wie jeder Autor – entlohnt werden sollte.

Dass Sarrazin geistig in *sehr* flachem Gewässer fischt ist ein anderes Thema. Wenn man sich für etwas interessiert, aber nicht dafür bezahlen will (völlig verständlich) kann man auch in öffentlichen Bücherschränken nachsehen oder sich das betreffende „Werk“ ausleihen.

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otomo 23. Dezember 2010 um 14:05

Das dieses fremdenfeindliche Pamphlet 1,2 Millionen gedruckt wurde ist traurig genug. Das Herr Zahnziehn auch noch 3 Millionen an seinen Schreibtischtäterrechnungen verdient läßt mich an meinen Mitmenschen verzweifeln.

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Jazznrhythm 23. Dezember 2010 um 16:23

@reallesen: Yahoo ist alles andere als eine unbekannte Suchmaschine. Dort wird „Bing“ genutzt.

Meines Wissens nutzt ein Großteil der „unbekannten“ Suchmaschinen im Hintergrund dann doch Google. Aber es ging hier eigentlich nicht um die kenntnisreichen Internetnutzer, sondern eher darum, das man quasi von Google durch das Autovervollständigen auf die entsprechenden „illegalen“ Links geführt wird, ohne ursprünglich die Absicht zu diesem Handeln gehabt zu haben. Einfach aufgrund der wachsenden Popularität eines solchen Links. Das es andere, findigere oder sonstwie zielgerichtete Möglichkeiten gibt, etwas im Internet zu finden, ist ja nicht das Thema. Aber auch diese Adressen, Hinweise etc. findet man erstmal durch wen?

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Arno Nym 27. Dezember 2010 um 09:06

Für manche Leute scheint das Recht der freien Meinungsäusserung nur dann zu gelten, wenn sie der geäusserten Meinung zustimmen können. Dabei ist Freiheit stets auch die Freiheit der Andersdenkenden (Rosa Luxemburg).

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André 27. Dezember 2010 um 14:38

@Arno Nym

Thema verfehlt.

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eBooks kaufen/laden: Quellen und Tipps » Fundgrube, Kaufen, Topnews, eBooks » lesen.net 27. Dezember 2010 um 15:52

[…] sowie zahlreiche ältere Titel vor allem aus dem SciFi-, Thriller- und Ratgeberbereich. Buchverlage und der Lobbyverband Börsenverein betätigen sich an der Verfolgung von Filesharern und versuchen […]

Antworten

Arno Nym 27. Dezember 2010 um 20:49

@Andre: Thema verstanden?

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Die populärsten piraterierten E-Books: Ratgeber vorne, Bestseller kaum gefragt » Debatte, eBooks, Topnews » lesen.net 18. Februar 2013 um 18:16

[…] gedruckt extrem erfolgreiche Sarrazin-Buch „Deutschland schafft sich ab” dürfte bis heute der am meisten piraterierte deutschsprachige Titel sein) ist der illegale eBook-Download-Markt grundlegend anders beschaffen als der Kaufmarkt, schon […]

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Gebrauchte E-Books: Random House mahnt deutsche Verkäufer ab » Debatte, eBooks » lesen.net 5. April 2013 um 12:58

[…] Waldorf Frommer geht schon seit längerer Zeit für Random House auf Piratenjagd in Tauschbörsen (wir berichteten schon vor zweieinhalb Jahren über die damaligen „Sarrazin-Abmahnungen”). Jetzt verschicken die Münchner auch Abmahnungen an Personen, die ihre rechtmäßig erworbenen […]

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Schlusspunkt: Auch Random House/Bertelsmann (Heyne, Blanvalet, …) kehrt Adobe-DRM den Rücken » lesen.net 18. August 2015 um 13:58

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