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Amazon.de erneut unter Beschuss [+Umfrage]

Zehn Monate nach der viel diskutierten Dokumentation über Leiharbeiter bei Amazon.de steht das Unternehmen wieder im Kreuzfeuer der Kritik. Die Akkordarbeit in den Warenlagern soll psychisch krank machen, die Gewerkschaft beklagt miserable Löhne und ruft zum Streik auf, bei der Eröffnung einer Buchmesse wird von Amazon als „widerlichem Klub“ gesprochen – man wolle „den Tod dieser verhassten Firma noch erleben“. Das Unternehmen reagiert nicht immer glücklich auf die Tiraden.

Am Wochenende veröffentlichte die „Welt“ eine bemerkenswerte Reportage über die Arbeit im Amazon.de-Warenlager in Bad Hersfeld. Während Angestellte die gute Bezahlung lobten, gab es Kritik an „Leistungsdruck, starren Vorgaben und als Schikanen empfundenen Äußerungen mancher Führungskräfte“. Die Standardisierung gehe soweit, dass Büroarbeiter ihre Maus nach Feierabend in einem Rechteck auf dem Tisch zu platzieren hätten.

Amazon wird porträtiert als analytischer, zahlengetriebener Konzern ohne Seele und Moral. Andererseits wird mit Blick auf ver.di-Kritik an zu weit entfernten Pausenräumen eingeschränkt: „Richtige Skandale klingen anders“. Im Nachgang der Diskussionen rund um die Leiharbeiter-Reportage gebe sich Amazon Mühe, Misstände gar nicht mehr entstehen zu lassen. Es gebe gute Löhne und Gehälter sowie Goodies wie kostenlose Getränke. Amazon sei außerdem in strukturschwachen Regionen eine Chance für Langzeitarbeitslose, die durch das „Störfeuer“ von ver.di ihre gerade erst gewonnenen Arbeitsplätze gefährdet sehen.

Buchmesse-Eröffnung mit Hasstiraden

Deutlich weniger differenziert fällt die Bewerbung von Amazon durch die Autorin Sibylle Lewitscharoff aus. Die Rede, mit der sie vergangene Woche die internationale Buchmesse Buch Wien eröffnete und die Welt Online am gestrigen Montag veröffentlichte, ist eine Aneinanderreihung von Klagen und Vorwürfen deftiger Natur. Amazon sei „ein widerlicher Klub, der „bezahlt seine Angestellten empörend schlecht, ruiniert die Buchhändler und zunehmend auch die Verlage.“ Kurz: „Wenn ich eine Firma hasse, dann diese!“

„Sollte es mir vergönnt sein, den Tod dieser verhassten Firma noch zu erleben – was leider nicht sehr wahrscheinlich ist –, werde ich mit einem Jubelruf auf den Lippen ins Grab sinken“, führt Lewitscharoff weiter aus. Abgesehen davon pries die diesjährige Georg-Büchner-Preis-Gewinnerin in vielen Worten die Vorzüge gedruckter Bücher – „ein elektronisch aufgerufener Text, dem die Haptik der Bucherfahrung fehlt, rauscht ziemlich rasch durch das Gedächtnis und verschwindet auf Nimmerwiedersehen.“ An dieser und vielen anderen Stellen werden persönliche Eindrücke und Erfahrungen der Autorin zu allgemeingültigen Aussagen, man kennt das. Das Publikum soll übrigens begeistert gewesen sein.

BBC: Arbeit bei Amazon macht psychisch krank

In Großbritannien wurde am gestrigen Abend eine TV-Reportage ausgestrahlt, der auch Amazon Deutschland noch Kopfschmerzen bescheren könnte. Die BBC schleuste einen Reporter als Lagerarbeiter in ein Amazon-Warenhaus. Die undercover gemachten Bilder legte man dann einem Stressforscher vor, der kommentierte, ein solcher Job führe zu einer deutlich erhöhten Gefahr psychischer Erkrankungen. Der verdeckte Reporter gab außerdem an, in einer Nacht fast 11 Meilen (knapp 18km) zu Fuß zurückgelegt zu haben. Kommentar von Amazon: Manche Mitarbeiter würden die „aktive Natur dieser Arbeit“ genießen.

Überhaupt präsentiert sich das Unternehmen nicht immer glücklich, wenn es um Konfliktmanagement geht. So fragte im Zuge der aktuellen Ver.di-Streiks der Amazon-Deutschland-Vertriebschef rhetorisch: „Warum sollten wir uns von jemandem zur Zusammenarbeit erpressen lassen, der damit droht, das Weihnachtsfest für Kinder zu ruinieren?“ Der Vorwurf an die Gegenseite, Kindertränen als Drohszenario zu nutzen, das wirkt natürlich alles andere als souverän.

Was bleibt hängen?

Wie die Vorgänge zu bewerten und was für Konsequenzen daraus zu ziehen sind, muss jeder für sich entscheiden. Das wird erschwert durch die Vielstimmigkeit der Kritik. Neben unfundierten Pöbeleien wie der Rede von Lewitscharoff (an der in der mittlerweile über 140 Beiträge starken Kommentarspalte von Welt.de zurecht kaum ein gutes Wort gelassen wird) gibt es Berichte zu unerträglich heißen Amazon-Arbeitsplätzen wie in dieser Reportage von Le Monte diplomatique, die selbst unsere hart gesottenen Foristen erschrecken.

Zweifellos wird 2013 als das Jahr in Erinnerung bleiben, in dem Amazon auch außerhalb der Buchbranche sein Image als Vorzeige-Unternehmen nachhaltig verloren hat. Andererseits leugnen auch Amazon-Kritiker nicht, dass es in den Warenlagern und Ladengeschäften der Konkurrenz kaum anders zugeht. So oder so: Im Weihnachtsgeschäft können die Konsumenten nun mit ihrem Geldbeutel entscheiden, wie sie die Vorwürfe bewerten.

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