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Amazon kauft Goodreads – wirklich eine „schlimme Bescherung“?

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Der Online-Händler Amazon hat die Buchbranche mit dem Kauf der weltgrößten Buchcommunity Goodreads in einen österlichen Schockzustand versetzt. Doch gerade digitale Lesefreunde werden von der Akquisation profitieren – vorerst zumindest.

Am Donnerstag gab Goodreads bekannt, von Amazon gekauft worden zu sein. Die 2007 von einem US-amerikanischen Ehepaar gegründete Plattform ist mit 16 Millionen Mitgliedern und 23 Millionen Rezensionen die größte Leser-Community weltweit.

Zum Kaufpreis bewahren Amazon und Goodreads Stillschweigen, das gewöhnlich gut informierte Wallstreet Journal spricht von 150 Millionen US-Dollar. Es ist nicht das erste mal, dass Amazon ein Leser-Netzwerk kauft: 2008 verleibte sich das Unternehmen Shelfari ein (für „unter 10 Millionen US-Dollar“), im gleichen Jahr ging der Buch-Marktplatz Abebooks an Amazon. Das größte Content-Netzwerk von Amazon ist allerdings im Filmbereich angesiedelt: Die International Movie Database (IMDb).

Goodreads bald auch auf Kindle

Seit Bekanntgabe der Übernahme wird über Motive und Konsequenzen diskutiert. Goodreads selbst stellt seinen Mitgliedern in Aussicht, die Plattform werde weiterhin unabhängig betrieben – und demnächst auch auf den Kindle erweitert. Damit wird das Leseerlebnis auf dem Kindle wohl noch deutlich sozialer und vernetzter, als es ohnehin schon ist (Stichwort „popular Highlights“). Weiterhin wird Amazon sehr interessiert am lernenden Buchempfehlungs-Algorithmus von Goodreads gewesen sein, der deutlich bessere individuelle Buchvorschläge macht als der gegenwärtige Algorithmus auf amazon.com/.de.

Auf der anderen Seite büßte Goodreads durch die Übernahme viel Ansehen ein. Kollege Nate berichtet von zahlreichen Unmutsbekundungen bis hin zu Accountlöschungen seitens der Nutzerschaft. Zudem verliere Goodreads seinen Status als neutraler, weil unabhängiger Branchendienst

Übernahme ein „zerstörerischer Akt“

Die US-amerikanische Autorenvereinigung „Author’s Guild“ nennt die Übernahme ein „Beispiel aus dem Lehrbuch dafür, wie Internetmonopole errichtet werden“ und einen“zerstörischen Akt von vertikaler Integration“. Bemängelt wird insbesondere die Konzentration von Rezensionen an einem einzigen Ort. In die gleiche Kerbe schlägt die FAZ. Sie spricht von einer „schlimmen Bescherung“, zumal die Bewertungen bei Goodreads „als unabhängiger [gelten als bei Amazon], weil sie aus Leidenschaft für Bücher entstehen“. Aus was für einer Motivation heraus demgegenüber Rezensionen bei Amazon entstehen, führt Kolumnist Andreas Platthaus leider nicht aus.

Amazon: Unabhängige Bewertungen im eigenen Interesse

Im Endeffekt hat ein Online-Händler wie Amazon am wenigsten Grund, Bewertungen zu manipulieren. Während von Verlagen betriebene Leser-Plattformen wie Bookish in den USA oder Lovelybooks in Deutschland durchaus ein Interesse daran haben könnten, bestimmte (eigene) Bücher in einem besonders guten Licht dastehen zu lassen (wenngleich sie im Interesse ihrer Reputation die Finger davon lassen werden), verdient Amazon an jedem Verkauf. Zwar tritt das Unternehemen zunehmend auch selbst als Verleger auf – die Erfahrungen mit Amazon-Produkten wie dem Kindle belegen aber, wie gelassen Amazon hier selbst bei wüsten Abwertungen nebst Empfehlungen der Konkurrenz reagiert. Um Meinungsfreiheit muss man sich also keine Sorgen machen, wohl aber um Konzentration.

Amazon- und insbesondere Kindle-Nutzer werden durch verbesserte Algorithmen mit Sicherheit von der Goodreads-Übernahme profitieren. Für die Konkurrenz wird die Luft hingegen noch ein wenig dünner – ob automatische Empfehlungen oder social reading features, Amazon ist schon heute Marktführer und wird seinen Vorsprung weiter ausbauen. Ein Gegengewicht zu Amazon wäre wünschenswert, ist aber weit und breit nicht in Sicht – die Tolino-Allianz will diese Rolle im deutschen E-Reading-Bereich einnehmen, muss dazu aber noch einige Aufbauarbeit an ihrer Plattform leisten.

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Kommentare


Tobias Auth 31. März 2013 um 22:01

Danke für deine Analyse, Johannes! :)

Zwei Anmerkungen von mir:

1) Ich hoffe doch, dass niemand in der Buchbranche von dem Kauf überrascht ist. Es war doch nur eine Frage der Zeit. Goodreads hat schon Ende 2009 VC-Geld genommen und hatte damit nur noch einen möglichst großen Exit als Ziel. Und wer, wenn nicht Amazon, soll die Community kaufen?

2) LovelyBooks hebt doch schon seit geraumer Zeit manuell die Bücher der großen Verlage heraus, um ihnen eine höhere Aufmerksamkeit und damit mehr Verkäufe zu sichern. Das ist doch auch schon Manipulation, oder?

Meine gesamte Meinung gibt’s auf dem Buchblog: http://buchblog.de/amazon-kauft-goodreads

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Samy 31. März 2013 um 22:11

Nur eine kleine Anmerkung zum vorherigen Beitrag

VC-Geld ist ein geschimmelter Kater.. Venutere-Capital-Geld.. Was ist denn bitteschön Kapital-Geld? Gibts auch nicht Kapital-Geld?

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Tobias Auth 1. April 2013 um 09:15

Wenn du VC als Abkürzung für Venutre Capitalist siehst, macht’s wieder Sinn ;) Aber du hast Recht, das Wort ist eher hässlich…

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Johannes 1. April 2013 um 14:20

@Tobias Lovelybooks verkauft Premium-Listings, das hat nix mit der Bevorzugung großer Verlage oder gar „Manipulation“ zu tun. Außerdem: Die Aufnahme von VC hat nichts mit dem Ziel zu tun, gekauft zu werden. Praktisch alle großen US-Internetkonzerne sind so finanziert, inklusive Amazon. Der Online-Händler hat im siebten Unternehmensjahr erstmals schwarze Zahlen geschrieben, wo hätte das Geld bis dahin herkommen sollen?

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Sarina 1. April 2013 um 16:42

Und wo liegt jetzt noch mal gleich der Profit für die „digitalen Lesefreunde“?
Ach so, hier wird mal wieder elektronisches Lesen mit „Kindle“ gleichgesetzt …
(Ich halte mich übrigens immer noch für ziemlich analog, nur mein Lesegerät ist es nicht mehr.)

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Tobias Auth 1. April 2013 um 22:59

@Johannes
Weißt du, wie man bei Lovelybooks die gekauften oder manuell angepassten Listings von den algorithmisch Erzeugten (falls es die noch gibt) unterscheiden kann? Ich blick da ehrlich gesagt überhaupt nicht mehr durch und das würde mich wirklich mal interessieren.

Klar lassen sich auch VC-finanzierte Startups zu großen Unternehmen aufbauen. Allerdings nicht, wenn es sich dabei um nur $2,75M für einen Zeitraum von über 6 Jahren und eine Community ohne klares Geschäftsmodell handelt (so wie bei Goodreads).

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