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Amazon Verlagssparte: Startup-Modus statt Großverlag

Der Chef der Verlagsaktivitäten von Amazon nimmt seinen Hut, die Erfolgsbilanz der Amtszeit fällt eher bescheiden aus. Der Online-Händler tut sich offenbar schwer damit, in diesem Geschäftsfeld auf traditionelle Weise Boden unter die Füße zu bekommen. Jetzt könnte ein Umschalten in den Startup-Modus erfolgen.

Als Larry Kirshbaum im Mai 2011 die Leitung der Amazon-Publishing-Sparte übernahm, befand sich die Branche in Aufruhr. Immerhin führte der heute 68-Jährige in der Vergangenheit bereits Time Warner Books (heute Hachette), einen der sogenannten “big 6 publisher”, also der sechs größten US-amerikanischen Verlagshäuser. Auf Augenhöhe zu diesen Großverlagen sollte Kirshbaum auch Amazon führen.

Zweieinhalb Jahre später ist davon wenig zu sehen, weder in den USA noch in Deutschland. Abgesehen von einigen wenigen Leuchtturm-Titeln ist Amazon vor allem preisgagressiv (2-Euro-eBooks von AmazonCrossing) und in Nischen unterwegs. Im Printbereich hat Amazon in den USA damit zu kämpfen, dass die führende Buchhandelskette Barnes & Noble sowie viele Indie-Buchhändler die Titel der Amazon-Verlage schlichtweg boykottieren. Hier wird Amazon quasi mit seinen eigenen Waffen geschlagen, denn viele von Amazon publizierte eBooks sind exklusiv über die Kindle-Plattform erhältlich.

Die Nachricht, dass Kirshbaum Anfang 2014 bei Amazon seinen Hut nehmen wird und sich als Literaturagent selbständig macht, lässt sich in sofern durchaus als Eingeständnis des vorläufigen Scheiterns von Amazon’s Verlagsambitionen deuten. Dazu passt, dass das berichtende Branchenmagazin Shelf Awareness von zahlreichen ebenfalls ausscheidenden oder schon ausgeschiedenen Verlagsprofis bei Amazon gehört hat. Der Online-Händler wolle seine Verlagsaktivitäten zurückfahren und sich auf seine Imprints in den Genres Mystery, Thriller und Romance konzentrieren.

Strategiewechsel statt Rückzug

Kein Zweifel: Amazon hat bislang weder den nächsten Harry Potter entdeckt noch spektakuläre Neuerscheinungen bekannter Autoren publiziert (von wenigen Ausnahmen und Digital-Only-Projekten abgesehen). Für ein Unternehmen mit den Ambitionen und einem Standing, wie es Amazon in der Buchindustrie bereits hat, ist das zweifellos überraschend, aber auch nicht mehr als eine Momentaufnahme.

Kollege Nate analyiert auf The Digital Reader treffend die Konsequenzen der Personalentscheidung, die Amazon-Frau Daphne Durham (seit 14 Jahren im Konzern) zur Nachfolgerin von Kirshbaum zu machen. Statt es den etablierten Großverlagen gleichtun zu wollen und auf einschlägige Scripte zu bieten, könnte sich Amazon auf seine ureigenen Stärken besinnen und neue Wege begehen wollen. Das Unternehmen hat über seinen Online-Shop wohl tiefere Einblicke in die Wünsche und Entscheidungswege der Leserschaft als jeder Verlag. Mit dem Self-Publishing-Angebot und Projekten wie dem Fan-Fiction-Marktplatz bekommt man aufstrebende Titel praktisch frei Haus und verfügt über eine einzigartige Plattform zur Promotion. Mit dem Personalwechsel an vorderster Front geht also wohl ein Strategiewechsel einher, er ist aber keinesfalls als Kapitulationserklärung für die zweifellos großen Verlagsambitionen des Unternehmens zu werten.

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Kommentare


Kindle First: eBooks von Amazon vorab lesen » eBooks » lesen.net 4. November 2013 um 16:46

[…] Angesichts des noch dünnen Sortiments von Amazon Publishing in Deutschland (im Wesentlichen die AmazonCrossing-Titel, bei denen es aber auch immer wieder Preisaktionen gibt) könnte Kindle First hierzulande noch etwas auf sich warten lassen. Das Modell wird aber mit Sicherheit zu einem dauerhaften Stützpfeiler der neuen Publishing-Strategie von Amazon. […]

Antworten

Die fünf größten Kindle-Flops » lesen.net 21. März 2014 um 12:53

[…] noch werden es die letzten sein. So entwickelt sich die Publishing-Sparte von Amazon in den USA längst nicht so wie gewünscht, die Kindle Worlds haben noch keinen Fan-Fiction-Bestseller hervorgebracht  und von MatchBook […]

Antworten

Zweifelhaftes Debüt von deutschem Amazon Verlag » lesen.net 26. März 2014 um 16:42

[…] fett. Nicht ohne Grund hat das Unternehmen aus Seattle seine Verlagsaktivitäten im Heimatland zuletzt heruntergefahren, nachdem es trotz erheblicher Anstrengungen nicht einmal ansatzweise mit dem nächsten Dan […]

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