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Brandmal Wasserzeichen: Warum manche Leser “weiches” DRM ablehnen

Weitere Bewegung an der Kopierschutz-Front: Nach Dumont verabschiedet sich am 01. Mai mit dtv der zweite größere Verlag innerhalb kurzer Zeit von hartem Kopierschutz. Beide Verlage lassen ihre Dateien künftig unverschlüsselt, aber personalisiert mittels sichtbarer und unsichtbarer Wasserzeichen ausliefern – was vielen Lesern erst recht ein Dorn im Auge ist. Ironischerweise haben diese Leser künftig gute Gründe für einen Kauf bei Kopierschutz-Fanatiker Amazon, selbst wenn sie gar keinen Kindle ihr Eigen nennen.

Die 1.471 Titel im dtv-Programm, darunter Bestseller-Autoren wie Jussi Adler-Olsen und Dora Heldt, werden vom 01. Mai an mit Wasserzeichen versehen ausgeliefert. Laut Verlag wolle man damit Handel wie Leserschaft das digitale Bücher-Leben einfacher machen. Der deutsche Taschenbuchverlag ist ein Gemeinschaftsunternehmen einiger Verlage (Ganske (GU, HoCa, …), Oetinger, C.H. Beck, Hanser), die sich größtenteils bereits von hartem Kopierschutz verabschiedet haben. Der Schritt ist somit nur konsequent. Wie üblich betrifft der Verzicht auf harten Kopierschutz nur epub-Händler – Amazon wird den dtv-Titeln mit Sicherheit weiterhin sein eigenes hartes DRM überstülpen, wie es etwa auch bei Bastei-Lübbe-Titeln der Fall ist.

Durch den Verzicht auf harten Kopierschutz wird das Handling der Dateien – Download, Bearbeitung und Konvertierung, Übertragung auf andere Geräte – erheblich erleichert beziehungsweise teils sogar erst ermöglicht. Entsprechend werden Umstellungen von hartes auf weiches DRM von einem Großteil der Leserschaft ausdrücklich begrüßt.

Es gibt aber auch eine gar nicht so kleine Zahl an kritischen Stimmen, die Wasserzeichen noch mehr ablehnen als hartes DRM (siehe auch die Kommentare unter diesem Artikel). Die Gründe dafür sind vielfältig und durchaus nachvollziehbar.

eBook-Käufer unter Generalverdacht

Die Angst vor dem Leser

Die Angst vor dem Leser

So sind zur unsichtbaren Personalisierung von eBooks Buchinhalte zu verändern. Umfangreiche Umschreibungen des Textes, wie sie der in Entwicklung befindliche Kopierschutz des Fraunhofer Institut vorsieht (DRM der Zukunft: Individualisierte E-Books. Ernsthaft?), gibt es derzeit zwar nicht. Zusätzliche Leerzeichen oder -zeilen hingegen sind absolut im Bereich des Möglichen und dürften dem Gesamterlebnis kaum zuträglich sein.

Und: Wie bei hartem Kopierschutz werden auch bei Wasserzeichen alle Käufer eines eBooks erst einmal unter Generalverdacht gestellt. Die Implementierung von weichem Kopierschutz erfolgt ausdrücklich mit dem Hintergedanken “Strafverfolgung im Fall eines Missbrauch”. So heißt es in den FAQ vom dtv zur Umstellung: “Dieses Wasserzeichen beinhaltet die verschlüsselte und nicht direkt sichtbare Angabe Ihrer Bestellnummer, welche im Falle einer illegalen Weitergabe und Vervielfältigung zurückverfolgt werden kann”.

Jeder, der schon mehr als fünf Minuten vor einem PC-Bildschirm verbracht hat, weiß um die Gefahren von Viren, Trojanern und Sicherheitslücken in populärer Software. Der Gedanke, dass sich Hacker Zugang zur Festplatte von Digital-Lesern verschaffen und deren Inhalte – unter anderem eben personalisierte eBooks – ins Netz stellen, ist so abwegig nicht. Oder ein USB-Stick geht verloren, oder der eigene Nachwuchs gibt den eBook-Ordner für Tauschbörsen frei, oder oder oder. Weiterhin stellt sich die Frage, wie gut versteckt die Bestellnummern wirklich sind – und was dagegen spräche, beim Auffinden und vor dem illegalen Upload einfach eine 3 zu einer 4 zu machen, womit plötzlich ein völlig unbeteiligter Käufer Post vom Abmahnanwalt bekommt.

Zweifelhafte Gesellschaft

pistoleEs gibt nur wenige Bereiche, in denen verkaufte Produkte zwangsweise auf ihren neuen Besitzer personalisiert werden, damit damit kein Schindluder getrieben werden kann. Einer davon: Schusswaffen. Für viele andere offline erworbene Güter wäre eine solche Personalisierung hingegen undenkbar. Man stelle sich vor, der lokale Buchhändler würde beim Kauf zwingend die persönlichen Daten von einem verlangen sowie ins Buch schreiben – “bei Ihnen kann man ja nie wissen”.

Auch harter Kopierschutz stellt eine Personalisierung dar. Dass sie von manchem Leser bevorzugt wird, hat einen einfachen Grund: Ihre simple Entfernbarkeit. Der Adobe-Kopierschutz ist bekanntermaßen seit Jahren geknackt, das “unknackbare” DRM 2.0 nach lautstarken Bedenken aus der Branche bis auf Weiteres in der Warteschleife.

Alternativen: eBook Warez, Amazon

Wer Wasserzeichen aus den genannten Gründen ablehnt, hat künftig im Grunde genommen nur zwei Möglichkeiten, die beide eigentlich nicht im Sinne der Buchindustrie sein können. Die eine ist der illegale Bezug – von Download-Seiten gezogene eBooks sind, wenn überhaupt, nicht auf den Downloader personalisiert und können gedankenlos genutzt werden. Die andere ist ein Kauf bei Amazon, dessen harter Kopierschutz auch weiterhin mit zwei Klicks entfernt werden kann. Mit dem Ergebnis, ein “sauberes” eBook auf dem Rechner zu haben. Wenn man so will, wird Calibre plus Plugin damit die Schleifmaschine des Digital-Lesers.

<Bildnachweis: Pistole, Leser, Polizei von Shutterstock>

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Kommentare


Sony: So profitieren Verlage und Leser von unserem neuen DRM » lesen.net 30. April 2015 um 16:15

[…] ein eBook auch nur einmal weitergegeben wird, wie es eben auch bei Print-Büchern der Fall sei. Wasserzeichen seien keine Lösung, weil ein solcher sozialer Kopierschutz nicht smart […]

Antworten

Bonnier (Piper, Ullstein, Carlsen, …) wohl unmittelbar vor DRM-Abschied » lesen.net 17. Juni 2015 um 17:47

[…] Adobe DRM adè. epub-Dateien dieser Publisher sind seither ganz ohne Kopierschutz oder mit (bisweilen auch kritisch beurteilten) “weichen” Personalisierungen – sprich: Wasserzeichen – […]

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Rowohlt, Knaur, KiWi, S. Fischer: Auch Holtzbrinck verzichtet auf hartes DRM » lesen.net 20. Juli 2015 um 15:05

[…] Anders gesagt: Durch den Verzicht auf Kopierschutz durch immer mehr große Verlage haben Tolino & Co. in den letzten Monaten aus Lesersicht deutlich an Attraktivität gegenüber Kindle gewonnen, bekommen sie doch zum gleichen Preis mehr Möglichkeiten mit ihrer Datei fürs Geld. Solange man Wasserzeichen nicht für das größere Übel hält. […]

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Schlusspunkt: Auch Random House/Bertelsmann (Heyne, Blanvalet, …) kehrt Adobe-DRM den Rücken » lesen.net 18. August 2015 um 13:58

[…] An die Stelle des ungeliebten Adobe-Kopierschutz wird auch bei Random House ein “weiches” DRM treten. Dabei wird es sich um sichtbare (Käufername auf der ersten Seite) und unsichtbare Wasserzeichen handeln, über die bei unrechtmäßiger Vervielfältigung der Urheber ausfindig zu machen ist. Auch dieses Prozedere hat nicht nur Freunde. […]

Antworten

eBook – Abkehr vom harten DRM | Clemi's Seh-Blick 5. September 2015 um 17:13

[…] https://www.lesen.net/ebook-news/brandmal-wasserzeichen-warum-manche-leser-weiches-drm-ablehnen-20156… […]

Antworten

6 Verlage, die eBooks verstanden haben » lesen.net 1. Oktober 2015 um 13:47

[…] Die Kölner sind seit jeher ein absolutes Vorbild in Sachen E-Reading-Innovation. Als einer der ersten Verlage überhaupt verkaufte Bastei Lübbe sein komplettes Digital-Sortiment kopierschutzfrei. Der Verlag vertraut seinen Kunden und verzichtet darum auch auf die Personalisierung seiner eBooks mittels Wasserzeichen – “softes” DRM, das derzeit stark im Kommen ist und längst nicht nur Freunde hat. […]

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