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Campus kehrt Adobe DRM (ein bisschen) den Rücken

campusDer Adobe Kopierschutz für epub- und pdf-Dateien steht bei deutschen Publishern nach wie vor hoch im Kurs, bietet er doch eine scheinbare Sicherheit vor der gefürchteten eBook-Piraterie. Rund 3/4 aller von Großverlagen hierzulande distribuierten  eBooks kommt gegenwärtig mit Adobe DRM daher – zum Leidwesen der Leserschaft, die sich mit Inkompatibilitäten, einem komplizierten Übertragungsprozedere und wenig Zukunftssicherheit herumzuschlagen hat (und entsprechend erst recht zur Raubkopie greift). Der Fachverlag Campus rühmte sich nun heute in einer Pressemitteilung damit, in seinem Online-Shop ab sofort auf kundenfreundlicheres soziales DRM zu setzen; leider nur die halbe Wahrheit.

Campus setzt nach Informationen der Kollegen von Buchmarkt als erster Verlag ab sofort auf die Implementierung von digitalen Wasserzeichen des Dienstleisters HGV (gehört zu Holtzbrinck). Wie bei Social DRM üblich wird das eBook beim Kauf durch sichtbar und unsichtbar eingebettete Daten personalisiert, womit die Hemmschwelle zur illegalen Weitergabe erhöht werden soll – im Idealfall (falls die Wasserzeichen nicht „entdeckt“ und gelöscht werden) lassen sich sozial geschützte, in Tauschbörsen auftauchende eBooks zum ursprünglichen Käufer zurückverfolgen, was bei von hartem DRM befreiten Dateien naturgemäß nicht möglich ist.

adobe-drmDer Frankfurter Publisher vollzieht den Wechsel zu sozialem DRM allerdings wesentlich halbherziger, als es die Pressemitteilung glauben lassen möchte. Während die PR-Nachricht impliziert, alle von Campus offerierten pdfs würden ab sofort sozial geschützt sein, stolpert man auch im neuen Online-Shop immer wieder über Hinweise bei pdf-Dateien, dass zur Lektüre Adobe Digital Editions und ein kompatibles Lesegerät von Nöten seien.

Noch düsterer sieht es bei epub-Dateien aus, die nach wie vor ausnahmslos mit Adobe DRM verkauft werden; „aus rechtlichen Gründen“, wie es in der FAQ heißt. Eine denkbar absurde Begründung vor dem Hintergrund, dass Campus einige eBooks sowohl mit Social DRM (als pdf) als auch mit Adobe DRM (als epub) verkauft – vielmehr dürfte hier am Ende des Tages doch die Furcht vor den dunklen Charakterzügen der eigenen Kundschaft gesiegt haben, ist soziales DRM aus textbasierenden epub-Dateien doch ungleich leichter zu entfernen als aus pdfs.

Wenngleich die Einführung von sozialem DRM im Hause Campus sowohl aus Kunden- als auch aus Industriesicht ein Schritt in die richtige Richtung ist: Die Flatterhaftigkeit bei der Umsetzung offenbart einmal mehr die Skepsis deutscher Verleger dem digitalen Buch beziehungsweise seiner Distribution gegenüber. Fachverlage wie Campus sind dabei im besonderen Maße vom „Digital Shift“ betroffen: Schon heute oftmals beachtlichen Umsatzanteilen durch digitale Literatur stehen potenziell besonders große (theoretische) Verluste durch eine Piraterie ihrer zumeist recht teuren und in nur kleinen Stückzahlen verkauften Werke gegenüber.

[Pressemitteilung (28.02. 11:02 Uhr)] Der Campus Verlag geht mit einem rundum erneuerten und erweiterten E-Book-Shop an den Start. Im E-Book-Bereich der Verlagshomepage e-books.campus.de stehen nun rund 1000 E-Books und Audiobooks in den Formaten PDF, EPUB und mp3 zur Verfügung.

Statt auf technisches, sogenanntes „hartes“ Digital Rights Management (DRM) zum Schutz der Urheberrechte setzt Campus bei seinen PDF-E-Books zukünftig auf ein digitales Wasserzeichen. „Dies erlaubt die Nutzung der erworbenen Inhalte unabhängig vom verwendeten Lesegerät und ohne technische Hürden“, hebt Franziska Schiebe, Verkaufsleiterin E-Commerce bei Campus, als wesentlichen Vorteil für die Nutzer hervor.

Realisiert wird der neue Shop in Zusammenarbeit mit dem langjährigen Partner Preselect.media GmbH, der neben dem Betrieb auch den technischen Support und das Inkasso übernimmt. „Mit dem Campus Verlag verbindet uns eine langjährige Partnerschaft im Vertrieb der digitalen Inhalte an Firmen- und Bibliothekskunden. Es freut uns, dass wir nun mit unserer technischen Plattform auch das elektronische Endkundengeschäft des Verlags betreiben dürfen.“, sagt Alexander Munte, Geschäftsführer der Preselect.media GmbH.

Der Campus Verlag Frankfurt/New York ist einer der erfolgreichsten konzernunabhängigen Verlage für Wirtschaft und Gesellschaft und einer der Pioniere im E-Book-Geschäft unter den deutschen Verlagen. Die ersten E-Books gibt es seit 2001, im eigenen Shop werden sie seit 2005 verkauft. Seit 2008 wird mit der Campus Digitalen Bibliothek zusätzlich das B2B-Geschäft aufgebaut. Unternehmen können ein auf ihre speziellen Bedürfnisse zugeschnittenes E-Book-Paket erwerben und als Informations- und Weiterbildungsquelle für Führungskräfte und Mitarbeiter in ihr Intranet integrieren.

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Kommentare


James Fenimore Cooper 28. Februar 2011 um 23:16

Tja das Problem ist das dieses tolle Adobe DRM nicht mal richtig funktioniert… Immer wieder darf man im Forum lesen, dass der Reader DRM-Fehler bringt und danach die Lesezeichen gelöscht sind… der einzig gute Rat dazu ist das DRM zu entfernen.. geht auch ganz einfach…

Übrigens sollte sich ein Wasserzeichen in einer PDF (wenn man den so etwas wollte) schnell entfernen lassen…

Soziales DRM finde ich fair! Am besten wäre es natürlich wenn sich so ein sozialen DRM nicht entfernen ließe. Aber totalen Schutz und Sicherheit gibt es auf dieser Welt nun mal nicht…

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johnny 1. März 2011 um 00:05

Natürlich ne schöne Sache, ich bin allerdings weiter der Meinung, dass Verlage die Psychologie ihrer Käufer (und diese leite ich jetzt unwissenschaftlich mal von meiner eigenen ab) nicht berücksichtigen…
Ich kauf einfach ungern digitales Zeug (trotz iPad und Sony Reader) wenn es ähnlich viel kostet wie ein gedrucktes Buch… Zumindest im Sony Store schlag ich aber sofort zu, wenn ich zwei-drei Bücher zum Preis eines einzigen Paperbacks kriegen kann… Manchmal ist dann nur ein Buch, oft aber tatsächlich zwei-drei oder sogar mehr…
Ich bin der Überzeugung, dass das andere Medium ein grundsätzlich anderes Kaufverhalten bedingt, würde mir hierzu dringend ne Studie wünschen und hoffen, dass diese dann auch mal Verlage zu Gesicht bekommen… In Minietappen erstmal auszuloten, zu wie viel ein Käufer bereit ist (und dann ständig mangelndes Interesse festzustellen) halte ich für falsch. Ich sag jetzt nix von der Musikindustrie, denn ich würde mir wirklich wünschen, dass die Buchindustrie von selbst draufkommt, mal die richtigen Fragen zu stellen und ihr lahmes Vorgehen nicht nur durch Scheinfeststellungen künstlich zu legitimieren…

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Thomas Knip 1. März 2011 um 02:10

Campus wird einfach nur eine Handvoll Test-eBooks mit „weichem DRM“ versehen.

Eine pure irrationale Vorsichtsmaßnahme, die das zögerliche Herangehen nur unterstreicht.

Sollten die paar Titel plötzlich zu Hauf in Tauschbörsen landen, muss man sich selbst keinen Vorwurf machen und darf danach wieder aufatmend auf hartes DRM setzen.

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R 1. März 2011 um 22:39

Also eine „gute Nachricht“ im Sinne von:

„Die Steuerpolitik hat es geschafft, die Geschwindigkeistszunahme der Neuverschuldung zu reduzieren…“

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Campus 3. März 2011 um 17:52

Hier muss sich der Verlag nun selbst zu Wort melden. Zum Vorwurf der Halbherzigkeit: Wir verfolgen im Gegenteil mit vollem Herzen mehrere Anliegen: Erstens zufriedene Kunden und d.h. in diesem Fall, die Hürde beim Kauf möglichst niedrig zu setzen. Zweitens die Inhalte im Interesse der Urheber zu schützen – dazu sind wir vertraglich verpflichtet und das beeinflusst die Wahl eines Geschäftsmodells. Dieses soll – drittes Anliegen des Verlags – zukunftsfähig sein.
Dass der Kopierschutz beim Format PDF gelockert wird, kommuniziert die Pressemeldung eindeutig, von anderen Formaten war nicht die Rede. Und bei über 700 PDF-E-Books von „einer Handvoll Test-ebooks“ zu sprechen, ist daher verfehlt.
In einer Branche, die in Sachen DRM noch sehr restriktiv handelt, sollte das zunächst als Lichtblick für E-Book-Leser gewertet werden, der es nicht verdient, gleich wieder zerredet zu werden.

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Verleger kehren DRM nicht wirklich den Rücken : Bibliothekarisch.de 6. März 2011 um 14:05

[…] von Adobe wird laut Johannes Haupt von Lesen.net bei 3/4 aller Großverlage eingesetzt, d.h. DRM ist ein Thema in Verlagen. Dass es in der Branche eine kleine Diskussionen zu […]

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wurzelkitt 8. März 2011 um 10:27

Also ehrlich gesagt mag ich diese Litanei nicht mehr hören. Es ist genau dasselbe wie bei den MP3s. Heutzutage kann ich MP3s ohne hard/soft-DRM kaufen. Ganz einfach. Ist deswegen der Musikmarkt zusammengebrochen? Anscheinend wohl nicht. Ich mag nicht gegängelt werden. Wenn ich mir das ganze bei den Filmen anschaue ist jetzt ganz genauso: Hole ich mir einen Film von Rapidshare, dann kopiere ich ihn auf eine DVD und kann mir den Film anschauen. Wenn ich mir die DVD kaufe, werde ich erstmal in 27 Sprachen beschimpft, dann muss ich mir zig Trailer = Werbung anschauen.

Und die Verlage machen jetzt genau die gleichen Fehler. Ich möchte in eine Shop gehen, einen angemessenen(!) Preis bezahlen und das Ding auf meinem Read haben. Fertig. Und das Buch sollte auch als epup ordentlich gesetzt sein und nicht vom Praktikanten mittels calibre aus was weiss ich von einer Quelle konvertiert. Ich habs wirklich satt, fast das gleiche Geld fürs Hardcover hinzulegen, aber dann etliche Rechtschreibfehler im epug zu finden, das TOC nicht gepflegt und die Metadaten auch nicht. Merke: Eine Überschrift ist eine Überschrift und kein grosser, fetter Text.

Da darf man sich nicht wundern, wenn sich epubs nicht sonderlich gut verkaufen: ärger mit DRM und miese Qualität zu gleichem Preis fürs Hardcover – nein danke.

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Sven 9. März 2011 um 17:03

Schade ich wollte gerade schon mal zwei, drei Campus Bücher für den Urlaub kaufen, im ePub Format. Was nützt mir PDF auf meinem eReader? Nix!
Vorbildlich ist und bleibt O’Reilly mit seinem DRM freien Titeln. Da hab ich ungelogen schon 8 Titel gekauft in diesem Jahr.

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e-book-news.de » (Wasser-)Zeichen des Mißtrauens: Verleger kehren DRM nicht wirklich den Rücken 11. März 2011 um 08:00

[…] von Adobe wird bei etwa 3/4 aller Großverlage eingesetzt, d.h. DRM ist allgegenwärtige Praxis. Dass es in der Branche eine kleine Diskussion zu […]

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Campus kehrt Adobe DRM (ein bisschen) den Rücken « Thomas Dumm's Blog 16. März 2011 um 09:40

[…] Johannes Haupt (2011): Campus kehrt Adobe DRM (ein bisschen) den Rücken […]

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Wo man DRM-freie eBooks herbekommt | eBook-Fieber 18. März 2011 um 21:04

[…] zu finden – trotz intensiver Google-Recherche. Das hat auch seinen Grund: Laut Johannes von lesen.net kommen aktuell drei Viertel aller von Großverlagen hierzulande distribuierten eBooks gegenwärtig […]

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