Skip to main content

Captain Rinderherz auf Beutejagd: Die 10 nervigsten Patzer bei Buchübersetzungen

Fehlerfreie Übersetzungen gibt es ebenso wenig wie fehlerfreie Software. Einige schlechte Angewohnheiten von Verlagen und Übersetzern nerven besonders und kommen immer wieder vor. Wenn aus „Here’s looking at you, kid“ „Auf ins Gefecht“ wird: Die 10 typische Patzer bei Eindeutschungen mit den schlimmsten Beispielen.

Keine Frage, Übersetzungen sind gut und wichtig, weil sie uns Bücher näher bringen, die wir sonst nicht lesen könnten oder würden. Aber sie sind niemals ideal, denn immer schiebt sich mit dem Übersetzer eine weitere Person zwischen Autor und Leser, und immer gehen dabei ein paar Nuancen des Originals verloren. Selbst die besten Übersetzer können das nicht vermeiden. Meist kann man als Leser ganz gut damit leben, doch es gibt eine Reihe von vermeidbaren Fehlern, die den Spaß am Buch erheblich trüben können. Hier unsere Top 10:

10. Übereifer

game of thronesVor allem bei Fantasy-Titeln wird im Zweifel lieber mehr als weniger übersetzt. Das kann funktionieren – die wenigsten Leser werden sich wohl daran stören, dass Tolkiens „Shire“ auf Deutsch „Auenland“ heißt, oder dass Bilbo und Frodo  mit Nachnamen „Beutlin“ statt „Baggins“ heißen. Aber nicht immer gelingt die Eindeutschung so problemlos.

So etwa bei George R.R. Martins Fantasy-Reihe A Song of Ice and Fire. Einige Übersetzungen wirken durchaus gelungen, etwa Sturmkap für die Festung „Storm’s End“. „Königsmund“ für „Kings Landing“ wirkt hingegen schon ein wenig gewollt, und bei Wortkreationen wie „Casterlystein“ für „Casterly Rock“ oder dem Namen „Jon Schnee“ (statt „Jon Snow“) prallen Englisch und Deutsch dann doch arg harsch aufeinander. Noch dazu werden diese Übersetzungen nicht konsequent angewandt: Frühe Ausgaben der ersten Bände verwendeten die englischen Namen und Bezeichnungen, erst später und mitten in der Reihe entschied man sich – auch im Zusammenhang mit einem Verlagswechsel – von nun an massiv einzudeutschen. Inklusive eines Anhangs, der Übersetzungshilfen zwischen alten und neuen Namen gibt. Faustregel: Spätestens, wenn der Leser für die Übersetzung eine Anleitung braucht, dürfte etwas im Argen liegen.

9. Unnötige Kreativität

Auch wenn es nicht so aussieht – es ist das gleiche Buch

Auch wenn es nicht so aussieht – es ist das gleiche Buch

Im vorhergehenden Fall lassen sich immerhin noch gute Argumente für übersetzerische Freiheit und Textänderungen finden, selbst wenn die Durchführung nicht immer ganz überzeugt. Doch manchmal bleiben Entscheidungen einfach rätselhaft. So etwa bei den ursprünglichen Übersetzungen von Robert Ludlums Romanen um den Ex-CIA-Killer Jason Bourne. Dieser wurde nämlich in der deutschen Fassung merkwüdigerweise zu Jason Borowski, weshalb die erste deutsche Ausgabe von „The Bourne Identity“ dann auch „Der Borowski-Betrug“ hieß. Im Zuge der erfolgreichen Verfilmungen erschien auch hierzulande eine Neuauflage mit dem originalen Namen.

Ähnlich rätselhaft bleiben die Hintergründe für die Umtitelung von Arthur C. Clarkes SF-Klassiker „Rendezvous with Rama“, der auf Deutsch zunächst unter dem äußerst einprägsamen Titel „Rendezvous mit 31/439“ erschien. Eine 2008 erschienene Neuauflage entscheid sich dann allerdings für eine direkte Übersetzung des Originaltitels.

8. Wortspielverderber

Gut, Wortspiele sind oft unübersetzbar. Manchmal lassen sich gute deutsche Alternativen finden, andere Male muss man einen gewissen Schwund in Kauf nehmen. Schwierig wird es aber, wenn der Sinn zugunsten des Wortspiels verbogen wird. So etwa bei „Helle Barden„, dem deutschen Titel von Terry Pratchetts „Men At Arms“, denn auch wenn der Wortwitz einladend erscheinen mag: Kluge Sänger spielen im Buch schlicht keine Rolle.

7. Falsche Freunde

steve jobsWohl jeder wird im Englischunterricht mit Sätzen wie „I’d like to become a beef steak“ konfrontiert – einfach um klar zu machen, dass Dinge, die ähnlich klingen, noch lange nicht dasselbe bedeuten. Und, schlimmer noch, manchmal haben Wörter selbst innerhalb einer Sprache mehrere Bedeutungen, die nicht alle gleich gut passen. In die deutsche Erstauflage von Walter Isaacsons Steve-Jobs-Biographie etwa schlich sich auf diese Weise unter anderem der Klassiker der Fehlübersetzungen: Das englische „silicon“ (dt. Silizium) mutierte zum Kunstoff Silikon.

Ein Beispiel dafür, dass selbst die ganz Großen des Fachs gelegentlich auf so etwas herein fallen, findet sich in der deutschen Übersetzung von Kurt Vonneguts „The Sirens of Titan„, wo sich der eigentlich grandiose Harry Rowohlt einen solchen Schnitzer leistet. Eine Figur versucht vergeblich, in die Zukunft zu sehen, und verkündet danach „I’m getting only static“ – was in etwa soviel heißt wie „Ich bekomme nur Rauschen rein.“ (static noise = das Rauschen im Radio, wenn kein Sender eingestellt ist) Leider entging dem Übersetzer im Eifer des Gefechts diese Bedeutung von „static“, so dass die Figur auf Deutsch statt dessen sehr rätselhaft sagt: „Ich werde nur noch statisch.“

6. Genre-Anbiederung

Gerade bei Büchern, die eindeutig der Genre-Literatur zuzurechnen sind, setzen Verlage gerne auf leicht identifizierbare Titel. Das ist nachvollziehbar: „Der König von Narnia“ hieß im Original „The Lion, the Witch and the Wardrobe“ –  zweifellos ein ungewöhnlicher Titel mit schönem Rhythmus, aber man kann verstehen, dass die deutschen Verantwortlichen keinen Fantasy-Titel namens „Löwe, Hexe und Kleiderschrank“ auf den Markt bringen wollten. Tatsächlich lief die Erstübersetzung in den 1950er Jahren unter dem Titel „Abenteuer im Wandschrank„, blieb jedoch offenbar weitgehend erfolglos.

Man kann es jedoch mit der Anpassung an die Genre-Erwartungen auch übertreiben. So bekam etwa die deutsche Übersetzung von Olaf Stapledons eher ruhigem und psychologisch intellektuellen SF-Roman „Odd John“ den reißerischen Titel „Die Insel der Mutanten“ verpasst. Das ist in etwa so, als veröffentlichte man Orwells „1984“ als „Von der Gedankenpolizei gejagt“.

5. Markenbildung

Der Trend Zum Ein-Wort-Titel ist unübersehbar

Der Trend Zum Ein-Wort-Titel ist unübersehbar

Es ist eine der lästigsten Tendenzen bei Übersetzungen von Besteller-Autoren: Die deutschen Verlage wollen sicher gehen, dass jeder Kunde sofort an den großen Erfolgsroman denkt, darum bekommen alle anderen Werke Titel die daran angelehnt sind. Stephen Kings Bücher sind ein abschreckendes Beispiel dafür: Weil einer seiner größten Erfolge „Es“ hieß (im Original tatsächlich „It“), deklinierte Heyne den späteren Roman „Misery“ kurzerhand zu „Sie“ um. Und nachdem man sich dann auf die Ein-Wort-Titel eingeschossen hatte, wurde auch „The drawing of the three“ im Deutschen zu „drei“ verstümmelt – was besonders unglücklich ist, weil es sich dabei um den zweiten Band des „Dark Tower“-Zyklus handelt.

Ähnliches findet sich auch bei John Grisham: Nach dem Erfolg von „The Firm“ (dt. „Die Firma„) wurde sein Erstlings-Roman „A Time to Kill“ auf Deutsch als „Die Jury“ veröffentlicht. Allerdings war Grisham danach so freundlich, selbst auf diese Art der Markenbildung zu setzen. Fast alle seiner späteren Romane folgen dem „The XY“-Schema, so dass bei der deutschen Betitelung keine übermäßigen Verrenkungen nötig waren.

4. Übertriebene Hektik

Zeitdruck mag für viele der Probleme auf dieser Liste verantwortlich sein, aber den Vogel dürfte die deutsche Erstübersetzung von Stephen Kings „It“ abschießen. Um  das Buch möglichst rasch auf den deutschen Markt zu bringen, arbeitete der Übersetzer mit einer Rohfassung des Manuskripts. Da King den Text vor der US-Veröffentlichung noch einmal überarbeitete, unterscheiden sich deutscher und englischer Text zum Teil erheblich. Erst 2011 erschien eine Neuübersetzung auf Basis des endgültigen Manuskripts.

3. Mangelnde Sachkenntnis

Es kommt zum Glück nicht oft vor, aber es passiert: Ein Übersetzer merkt nicht, dass er einen Fachbegriff nicht versteht, und schreibt statt der korrekten deutschen Entsprechung eine Eigenkreation ins Buch.

So spricht etwa Robert McKee in seiner Drehbuch-Bibel „Story“ vom „law of diminishing returns“. Dahinter verbirgt sich das Ertragsgesetz, das hier im Zusammenhang so viel heißt wie: „Damit das Publikum dran bleibt, muss jede Herausforderung für den Helden größer sein als die vorherige“. In der deutschen Übersetzung wird daraus das „Gesetz der abnehmenden Wiederkehr“. Vermutlich weil „return“ auch Rückkehr heißen kann, es hier aber leider nicht tut.

2.Missverstandene Anspielungen

wachen wachenFast ein Unterpunkt des vorigen Problems, aber leider deutlich häufiger: Ein Übersetzer versteht eine popkulturelle Anspielung nicht (oder glaubt, die Leser würden sie nicht verstehen) und wählt eine deutlich schwächere oder gänzlich sinnfreie Alternative. So taucht beispielsweise in Terry Pratchetts „Guards! Guards!“ die Zeile „Here’s looking at you, kid“ auf. Offenbar hat der Übersetzer nicht gemerkt, dass es sich dabei um ein (äußerst berühmtes) Casablanca-Zitat handelt – und statt des nahe liegenden „Ich schau die in die Augen, Kleines“ bekommen wir ein völlig sinnloses „Auf ins Gefecht“ als „Übersetzung“.

Ähnliches findet sich auch in Stephen Kings „Christine„, wo eine Katze, die nach dem Musiker Captain Beefheart benannt wurde, im Deutschen den sinnfreien Namen „Captain Rinderherz“ trägt. Jenseits der Literatur bietet die deutsche Simpsons-Synchronisation eine solche Fülle von Beispielen für dieses Problem, dass sie sogar zum Thema einer wissenschaftlichen Arbeit wurde.

1. Fehlgeschlagenes Gedankenlesen

biss zum morgengrauenAls der erste Band der Twilight-Reihe heraus kam, wollte der Verlag offenbar dem deutschen Titel des Vampirromans etwas mehr Biss verleihen, indem er genau dieses Wort zum Reihentitel machte. Inklusive Wortspiel bescherte uns das die „Bis(s) zum…“-Titel der deutschen Ausgaben. Leider ging man noch einen Schritt weiter, und glaube auch zu wissen, auf welches Zwielicht sich der Originaltitel bezog, und nannte den ersten Band „Bis(s) zum Morgengrauen„.

Das war leider daneben geraten: Die Folgebände von „Full Moon“ bis „Breaking Dawn“ machten klar, dass Meyers sich – wie es sich für Vampirromane gehört – auf die Abenddämmerung bezogen hatte. Im Deutschen machte man notgedrungen die Nacht zum Tag, so dass der Vollmond im Titel des zweiten Bandes zur Mittagsstunde mutierte. Dafür wandelte sich die Mondfinsternis im Titel des dritte Bandes zum Abendrot, so dass beim anbrechenden Morgen („Breaking Dawn“) des letzten Bands auch der „Bis(s) zum Ende der Nacht“ erreicht wurde.

Ein Wunsch für die Zukunft: Nutzt die Technik, Verlage!

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Die meisten dieser Beispiele entspringen weder bösem Willen noch mangelnder Qualifikation der Übersetzerinnen und Übersetzer. Oft sind sie lediglich das Ergebnis von Missverständnissen, Flüchtigkeitsfehlern oder großem Zeitdruck. Tausende von Lesern werden immer mehr wissen als ein einzelner Übersetzer an seinem Schreibtisch. Wünschenswert wäre allerdings, dass Verlage diese Weisheit der Masse nutzen. Bei manchen Autoren sammeln die Fans fehlerhafte Übersetzungen und machen Verbesserungsvorschläge – so etwa bei Terry Pratchett, Stephen King und J.K. Rowling. Im Idealfall sollten Verlage dieses kostenlose Korrektorat nutzen, um zeitnah verbesserte Ausgaben herauszubringen – was sich bei eBooks dank Update-Funktion deutlich simpler realisieren ließe als bei Druckauflagen. Self-Publisher gehen hier zum Teil schon mit gutem Beispiel voran, es bleibt zu hoffen, dass große Verlage davon lernen, damit uns Lesern wenigstens die schlimmsten Sinnentstellungen und Missverständnisse erspart bleiben.

<Bildnachweis: Sprachbarriere von shutterstock.com>

Ähnliche Beiträge


Kommentare


Übersetzerschelte. Eine Antwort 16. Mai 2014 um 00:26

[…] super, da hat mal wieder jemand die 10 nervigsten Patzer bei Buchübersetzungen zusammengestellt. Nämlich Jens Baumeister für lesen.net. Es liegt vielleicht in der Natur der […]

Antworten

Weltengeflüster Mai 2014 | Weltenschmiede 1. Juni 2014 um 13:51

[…] Dass allerdings bei Adaptierungen bereits bestehender Werke nicht nur Positives entsteht, zeigt eine von lesen.net zusammengestellte Liste von Übersetzungspatzern. […]

Antworten

eBook Neuerscheinungen der Woche » lesen.net 2. Juni 2014 um 21:55

[…] Ein “Game of Thrones in echt” und die wohl erste Originalausgabe des deutschen Amazon-Verlages haben die Neuerscheinungen dieser Woche zu bieten. Außerdem: Ein neuer Fall für unsere Übersicht der nervigsten Patzer bei Buchübersetzungen. […]

Antworten

Links zum Denken 24 « am Röschibach 17. Juni 2014 um 19:54

[…] 10 – angeblich nervigsten – häufigsten Übersetzungsfehlerkategorien (übrigens als Antwort auf diesen Kommentar von Jens […]

Antworten

Klaus-Peter Kubiak 18. Juni 2018 um 12:11

Total witzig (oder ärgerlich) wird es, wenn kleinere Verlage versuchen, Geld zu sparen, indem sie irgendwelche Studenten mit der Übersetzung beauftragen. Denn heutzutage kann ja jeder Englisch, nicht wahr? Dann kommt es praktisch auf jeder Seite zu haarsträubenden "Übersetzungen". In einem Buch, das ich las und nach der Seite 20 in die blaue Tonne steckte, wurde auf einer Seite wurde "George and I froze", also "George und ich erstarrten (vor Angst oder vor Schreck) mit "George und ich froren" übersetzt. Das Wort "Watch" (in diesem Fall "Wache" auf einem Schiff oder beim Militär) wurde mit "Beobachtung" übersetzt. Sehr häufig wird auch das Wort "late" in "the late Mr. Miller" mit spät übersetzt. Heißt natürlich "der verstorbene Mr Miller". Das ist alles sehr lustig, gleichzeitig aber auch ärgerlich, weil inkompetente Leute uns die Butter vom Brot nehmen.

Antworten

Du hast eine Frage oder eine Meinung zum Artikel? Teile sie mit uns!

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*
*