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Crowdfunding für Bücher: 100Fans und die Alternativen

Machen 100 Käufer ein erfolgreiches Buch? Die auf dem deutschen Markt einmalige Crowdfunding-Plattform 100Fans agiert genau nach diesem Prinzip. Finden sich nach 10 Wochen mindestens 100 Käufer von einem auf der Homepage vorgestellten Buchprojekt, wird das Buch veröffentlicht. Schwarmfinanzierung als Verlagsgeschäftsmodell: Eine gute Idee für alle Beteiligten?

Verlagstypische Leistungen als Vorteil gegenüber Self-Publishing

100Fans springt genau dort ein, wo Self-Publisher an ihre Grenzen stoßen können: Die von der Münchner Verlagsgruppe (unter anderem riva, Redline, FinanzBuch) ins Leben gerufene Platttform  ist das erste deutsche Angebot dieser Art, das allein für Buch- und buchnahe Projekte eingerichtet wurde. Das Prinzip ist simpel: Autoren können ihre Buchidee auf der Seite in einer kurzen Beschreibung und mit Leseprobe vorstellen. Finden sich innerhalb von 10 Wochen mindestens 100 Käufer verschiedener Fanpakete, so wird das Buch im neuen Verlagsimprint 100Fans der Münchner Verlagsgruppe veröffentlicht und erhält dabei verlagstypische Leistungen:

  • Autorenvertrag
  • Herstellung jeweils eines eBooks und gedruckten Buches
  • ISB-Nummern-Vergabe
  • Lektorat
  • Professioneller Textsatz und eBook-Herstellung
  • Covergestaltung
  • Druck
  • Vertrieb des eBooks über die bekannten Stores
  • VLB-Eintrag und Lieferbarkeit in allen Buchhandlungen

Finden sich 1000 Fans für ein Projekt, wird der Titel sogar in die Verlagsvorschau aufgenommen und entsprechend im Buchhandel beworben.

Wer verdient? Hohe Titelpreise, niedrige Erlösbeteiligung für den Autor

Als Fan zählt, wer eines der Fan-Pakete kauft. Angeboten werden in der Regel das gedruckte Buch, eine reine eBook-Ausgabe, ein Bundle daraus, das jedoch nicht günstiger ist als die Einzelprodukte, sowie teurere Pakete, die zum Beispiel eine Wohnzimmerlesung oder den Namenseintrag des Käufers in das Buch beinhalten können. Die nach Seitenzahlen und Ausstattung berechneten Preise liegen über dem Niveau handelsüblicher Belletristik, was der zu vermutenden geringen Auflage geschuldet ist. Der Abschlag für die eBooks bewegt sich innerhalb der in Deutschland branchenüblichen Spanne von 20 bis 25 Prozent. Laut Autoren-Handbuch arbeitet 100Fans jedoch an einer eBook-Ausgabe zu einem niedrigeren Preis, die dann aber nicht als Fankauf gezählt werden kann. Inwiefern das mit dem bereits existierenden Angebot des eBook-Fan-Pakets funktionieren soll, ist nicht bekannt.

Die Vorabfinanzierung hat für den Verlag den Vorteil, dass sie quasi risikolos ist – die erste Auflage ist bekannt und finanziert, der Absatz garantiert. Dennoch werden mit Auflagen von gut 100 Exemplaren langfristig keine tragenden Summen zu erwirtschaften sein. Das Hauptaugenmerk wird daher auf den besonders geförderten 1000-Fans-Titeln liegen müssen. Die oben genannten Verlagsleistungen lässt sich 100Fans entsprechend vergüten: Der Autor erhält 25 Prozent der Nettoerlöse (Verkaufspreis abzüglich Umsatzsteuer und Handelsrabatten) aus den Buchverkäufen während und nach der Funding-Phase, an den Erlösen aus den eBook-Verkäufen wird er zu 30 Prozent beteiligt. Aus den Verkäufen der Spezial-Fanpakete behält der Autor 80 Prozent der Nettoerlöse (wobei er davon Kosten wie die für Übernachtungen bei Lesungen bestreiten muss). Diese Konditionen liegen zwar im Allgemeinen über denen des konventionellen Publikums-Verlagsgeschäfts, aber deutlich unter denen von reinen Self-Publishing-Anbietern wie zum Beispiel Kindle Direct Publishing.

Attraktiv bleiben für Autoren dennoch die  Verlagsleistungen sowie die Möglichkeit, bei entsprechend hoher Fanzahl in das „1000er“-Programm aufgenommen zu werden. Ebenfalls nicht uninteressant ist die Vorabfinanzierung für Autoren: Diese können auch mit einer noch nicht vollständig umgesetzten Buchidee Fans überzeugen und erhalten mit erfolgreichem Abschluss der Funding-Phase ihren Anteil an den Erlösen. Als Konkurrenz dazu positionierte sich gerade Bookrix, die dem Autor durch Honorarvorschüsse die Arbeit am nächsten Buch erleichtern.

Mangelnde Sichtbarkeit, undefiniertes Verlagsprogramm

Da 100Fans noch ganz am Anfang steht, lässt sich über die Reichweite bislang wenig sagen. Zur Zeit stehen acht Titel auf der Website, einer von ihnen hat bereits elf Fans gefunden. Da es sich hierbei um die Buchvariante einer Facebook-Seite handelt, ist zu vermuten, dass viele Käufer ihren Weg über Facebook gefunden haben. Wie bei anderen Crowdfunding-Projekten auch liegt es zu einem großen Teil in der Hand des Autors, ob genügend Fans mobilisiert werden können. Dennoch können andere Crowdfunding-Seiten – zum jetzigen Zeitpunkt – mit höheren Zugriffszahlen punkten.

Mit 100Fans im Wettstreit um Autoren: Self-Publishing-Portal Neobooks

Mit 100Fans im Wettstreit um Autoren: Self-Publishing-Portal Neobooks

Für die Münchner Verlagsgruppe wird sich 100Fans dann als erfolgreich erweisen, wenn über die geringen Auflagen hinaus Überraschungshits gefunden werden, die dann klassisch im Buchhandel beworben werden. Ähnlich funktioniert auch Droemer Knaurs Neobooks – hier werden die Titel zwar nicht vorab von der Crowd finanziert, jedoch auf ihre Qualität getestet, sodass die Bestbewerteten eines Quartals eine Chance auf Aufnahme in das Verlagsprogramm von Droemer Knaur haben. Während Neobooks bestimmte Genres wie Lyrik für eine Aufnahme ins Programm konsequent ausschließt, ist das Verlagsimprint 100Fans offen für alles. Ein solches Gemischtwarenangebot als Programm könnte zu Akzeptanzproblemen im Buchhandel führen, einmal erfolgreiche Autoren dürften außerdem nur schwer zu halten sein.

Die Berechnung des Verkaufspreises nach der Seitenzahl eines Titels birgt zudem das Problem, dass Autoren, deren Manuskript noch nicht abgeschlossen ist, sich sklavisch an die einmal angegebene Zahl halten müssen – da dem Käufer der Preis für das Fan-Paket schon berechnet wurde, kann die Seitenzahl nicht mehr geändert werden. Dies mag den Abschluss eines Manuskripts gefährden oder zu Ergebnissen führen, die die Qualität beeinträchtigen.

Crowdpublishing in Deutschland noch unterentwickelt

Während Crowdfunding auch hierzulande eine oft genutzte Finanzierungsform, zum Beispiel für Start-Ups, darstellt, waren speziell auf Buchprojekte ausgerichtete Plattformen bislang nur auf dem angloamerikanischen Markt zu beobachten: Unbound ist ein 2011 gegründeter britischer Verlag, der seine Publikationen ausschließlich über Crowdfunding finanziert. Bis Anfang des Jahres 2013, so berichtete Buchreport, konnten schon 14 von 60 vorgestellten Buchprojekten realisiert werden und 20 waren zu dem Zeitpunkt in der Entwicklung. Fünf hingegen wurden vom Verlag jedoch gar nicht erst angenommen. Somit unterscheidet sich Unbound gegenüber 100Fans in einer stärkeren Vorselektion.

US-Vorbild Pubslush

US-Vorbild Pubslush

In den USA hat sich die Crowdpublishing-Plattform Pubslush schon weiterentwickelt: Ursprünglich war sie dem Modell von 100Fans sehr ähnlich: Hatte ein Buch nach vier Monaten mehr als 2000 Unterstützer, die Beträge zwischen 25 und 500 US-Dollar gezahlt haben, wurde es von Pubslush Press verlegt. 2012 erfolgte ein Relaunch der Seite, die nun als „Kickstarter für Bücher“ bezeichnet werden kann und zwei Zielgruppen hat: Einmal die der Self-Publisher, die die Seite sowohl zur Finanzierung ihres Titels als auch dazu nutzen können, Erkenntnisse über die Markttauglichkeit ihres Textes zu erhalten. Dafür stellt Pubslush Tools zur Analyse der Käufergruppen bereit, die wiederum auch von der zweiten Zielgruppe genutzt werden: Die der professionellen Verleger, die sich über die Vermarktbarkeit eines Titels unsicher sind. Zugleich wählt der angeschlossene Verlag Pubslush Press noch immer sehr erfolgreiche Projekte aus. Wo genau die Kriterien dafür liegen, wird nicht bekannt gegeben. Eine gute Idee ist nicht zuletzt, dass für jedes verkaufte Buch aus dem Verlagsprogramm ein Buch an bedürftige Kinder in Entwicklungsländern gespendet wird.

Universal-Crowdfunding vs. Crowdpublishing

Dass es nicht unbedingt einer speziell auf Bücher ausgerichteten Crowdfunding-Plattform bedarf, um ein Buchprojekt erfolgreich vorab zu finanzieren, beweist die Abenteuer-Spielbuch-Comic-Variante von Shakespeares Hamlet „To be or not to be“.   Autor Ryan North hatte für das noch nicht vollendete Werk über 580.000 US-Dollar über die für alle Projekte offene Crowdfunding-Seite Kickstarter einnehmen können – 560.000 mehr, als er zur Umsetzung gebraucht hätte. Ganz ohne professionelle Hilfe stemmte er das jedoch nicht, hinter der Produktion des Buchtrailers steht die Agentur Breadpig, die vor allem Projekte aus dem Entertainment-Bereich über Kickstarter erfolgreich zu finanzieren hilft.

Eine bisher in Deutschland für Bücher interessante Crowdfunding-Plattformen ist Startnext, die ihren Fokus auf künstlerische Projekte legt. Hier gibt es eine gesonderte Kategorie für Literatur, die Finanzierungschancen sind dank hoher Bekanntheit der Seite (210.000 Nutzer) nicht schlecht. Für eher journalistische Themen gibt es seit Anfang 2013 Krautreporter. Die dort erfolgreich finanzierten Projekte können wie beim klassischen Journalismus innerhalb verschiedener Medienhäuser umgesetzt werden, nur ein Ergebnisbericht ist auf der Plattform zu veröffentlichen.

Fazit: Für 100Fans wird sich zeigen, inwiefern eine bucheigene Crowdfunding-Plattform genug Interessenten akquirieren kann, um erfolgreich zu sein. Denkbar ist auch, dass sich Seiten wie Pubslush in Deutschland etablieren, die sowohl eine Möglichkeit für Self-Publisher zur Vorabfinanzierung bieten als auch die Rosinen des Angebots im angeschlossenen Verlag veröffentlichen.

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Kommentare


Daniel Morawek 27. September 2013 um 09:34

Danke für den Artikel. Endlich mal eine gute Übersicht zum Thema Crwodfunding für Bücher – und schön unaufgeregter Kommentar zu „100fans.de“ ;)

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Géraldine Al-Nemri 27. September 2013 um 16:44

Leider schlecht recherchiert, liebe Jessica Upmeier.
Wir sind bereits als Start-up mit einem ähnlichen Konzept an den Start gegangen. Und zwar deutlich vor 100Fans. Natürlich wird ein Projekt der MVG dank Kapital und Größe schneller Beachtung finden (obwohl sich Text und Philosophie tatsächlich sehr abgegupfert geben). Leider verschleudert 100Fans ein tolles Konzept minderwertig. Das ist schade. Jeder, der sich mit crowdfunding auskennt, sieht auf den ersten Blick, wie unausgereift das Konzept ist.
So kann sich crowdfunding nicht in der Branche etablieren, jedenfalls nicht nachhaltig, aufgrund mangelnder Qualität.
Wer sich also wirklich für crowdpublishing interessiert (ob Autoren, Leser oder Funder), sollte bei uns vorbeischauen. Wir bieten umfassende angemessene Autorenbetreuung, vernünftige Konzepte, hochwertige Materialien und gute Qualität.
Wir freuen uns

Liebe Grüße Géraldine

www.kladdebuchverlag.de

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