Skip to main content

Das war das E-Reading-Jahr 2013

Ein einzigartiges Zweckbündnis der deutschen Buchfilialisten,  dicke Kratzer am Image des Marktführers, zunehmende Pirateriesorgen: In den letzten zwölf Monaten war viel los auf dem digitalen Buchmarkt. Wir werfen einen Blick zurück.

Die dunkle Bedrohung

Während Amazon innerhalb der Buchbranche schon seit langem einen eher zwiespältigen Ruf hat, war der Online-Händler dank gut sortiertem Sortiment, attraktiven Preisen und vorbildlichem Kundenservice lange Zeit der Liebling der Konsumenten. Im Jahr 2013 hat das Bild von Amazon in der Öffentlichkeit kräftig gelitten. Angestoßen von der im Februar ausgestrahlten ARD-Reportage über die Arbeitsbedingungen von Leiharbeitern in Logistikzentren, ergossen sich immer neue Kritikwellen über Amazon – anders als früher nicht nur in der Branchenpresse, sondern in der breiten Medienöffentlichkeit.

Zuletzt wurde die vermeintliche Steuerflucht von Amazon und niedrige Gehälter für Lagerarbeiter bemängelt. Das Unternehmen wehrt sich mit prominent beworbenen Videos, in denen glückliche Amazon-Mitarbeiter von ihren Jobs erzählen. Sogar der Weihnachtsmarkt wurde aus PR-Gründen auf Video festgehalten (unten) – keine Frage, Amazon sieht sich unter Zugzwang. Der Händler hat weiterhin eine treue Fangemeinde, wird aber künftig unter strenger Beobachtung stehen und steht unter großer Gefahr, weitere Sympathiepunkte zu verlieren.

YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

Eine neue Hoffnung

Viele Jahre haben die großen deutschen Buchhandelsketten Thalia und DBH (Weltbild, Hugendubel) eigene E-Book-Projekte verfolgt. Thalia war 2009 wesentlicher Vertriebspartner des Sony Readers (übrigens lange bevor Amazon den Kindle nach Deutschland brachte) und versuchte sich später mit dem Oyo glücklos an einer eigenen Plattform, Weltbild setzte vor allem auf preisaggressive Trekstor-Geräte. Und der Marktanteil von Amazon wuchs und wuchs.

Präsentation des Tolino Shine am 01.03. in Berlin

Präsentation des Tolino Shine am 01.03. in Berlin

In den Köpfen der Führungsriege der Filialisten muss im Laufe des Jahres 2012 die Erkenntnis gereift sein, dass man als Einzelkämpfer dem US-Konzern nicht das Wasser reichen kann. Das erste Ergebnis wurde dann im März 2013 in Berlin präsentiert: Der gemeinsam mit dem Club Bertelsmann und der Deutschen Telekom konzipierte Tolino Shine sollte dem Kindle Paperwhite Paroli bieten. Während die Hardware dieser Anforderung von Beginn an gerecht wurde, machte die Software in den ersten Monaten einen höchst unfertigen Eindruck – offenbar wollten die Tolino-Alliierten nicht noch mehr Boden auf Amazon verlieren und entschieden sich dazu, ein softwareseitig noch unfertiges Produkt zu verkaufen und beim Kunden reifen zu lassen.

Mittels drei großer Firmware Updates ist der Tolino Shine inzwischen ein richtig guter eBook Reader geworden, seit November wird er von zwei Tablets flankiert. Mit gemeinsamen Kräften und massiven Investitionen haben es die Filialisten tatsächlich geschafft, Amazon Marktanteile abzunehmen. Einen großen Wermutstropfen aus Branchensicht gibt es aber: Die geplante Erweiterung der Tolino-Allianz um den unabhängigen Buchhandel scheiterte im Herbst, der Tolino bleibt weiterhin ein Projekt der großen Ketten.

Angriff der Klonkrieger

boox.toEin Thema, das uns dieses Jahr immer wieder beschäftigt hat, ist die Piraterie. Zwar wurde auch in den letzten Jahren schon viel illegal herunter geladen. Aber zum einen ist das Problem mit der immer größeren Verbreitung von Lesegeräten (eBook Reader, Tablets) und den großen Investitionen von Händlern und Verlagen 2013 präsenter gewesen als je zuvor. Zum anderen hat mit Torboox ein Projekt die öffentliche Bühne betreten, das neben guter Bedienbarkeit und großem Archiv vor allem mit einer ungewöhnlich offensiven PR auf sich aufmerksam machte.

Während Warez-Anbieter, auch von eBook Warez, üblicherweise möglichst versteckt ihr (Werbe-)Geld zu verdienen versuchen, machte boox.to-“Pressesprecher” Spiegelbest mit vollmundigen Erfolgsmeldungen, langen Analysen und offensiven Forderungen an die Branche von sich reden. Spätestens als der Tagesspiegel im August ein langes Interview mit Spiegelbest abdruckte, hatte sich die Plattform als “kino.to der Buchbranche” etabliert.

Lange standen GVU und andere Strafverfolger den Umtrieben der professionell mit eigenem Server operierenden Buchpiraten offensichtlich hilflos gegenüber. Zuletzt scheint sich das Blatt aber gewendet zu haben. Bald nach Einführung einer Bezahlschranke nahm Spiegelbest offensichtlich unfreiwillig seinen Hut, vor einigen Tagen legte ein Hack boox.to still. Es steht außer Frage, dass eBook-Piraterie auch 2014 ein großes Thema sein wird. Ob in Form von boox.to, ist hingegen fraglich.

Das Imperium schlägt zurück

In Deutschland wird Amazon schnell einen Haken hinter das Jahr 2013 machen wollen, international zeigt der Online-Händler aber nicht den Hauch einer Schwäche. Im Gegenteil, das Unternehmen hat seinem Ruf als Innovationstreiber wieder alle Ehre gemacht und teilweise neue Programme im Tagesrhythmus bekanntgemacht.

Kindle Paperwhite mit E-Ink-Carta-Panel

Kindle Paperwhite mit E-Ink-Carta-Panel

Eine Plattform, von der wir sicherlich auch in Deutschland noch einiges hören werden, ist Kindle Worlds. Amazon unternimmt hier einen einzigartigen Versuch, Fan Fiction zu monetarieren, die Lizenzen von zahlreichen Franchises von Gossip Girl bis the Vampire Diaries hat man schon in der Tasche. Tausende Indie-Autoren veröffentlichen ihre Texte exklusiv bei Amazon, seit einem Monat auch in Deutschland die kurzen Kindle Singles. Im Sommer und Herbst machte Amazon im E-Book-Bereich mit zahlreichen Preisaktionen auf sich aufmerksam. So wurden Titel aus dem hauseigenen Verlag AmazonCrossing zehntausendfach für 2 Euro verkauft und wirbelten die Bestsellerlisten durcheinander, ebenso wie die allwöchentlichen Kindle Deals, auf die die Konkurrenz nur verzögert reagieren kann. Mit Kindle Source will Amazon den Buchhandel in den Verkauf seiner Lesegeräte und Tablets einbinden.  Und a propos Hardware: Dass der neue Kindle Paperwhite nach wie vor als einziger eBook Reader ein E-Ink-Carta-Panel mitbringt, demonstriert die Marktmacht, die Amazon auch gegenüber seinen Lieferanten hat.

In den USA hat Filialist Barnes & Noble schon teilweise die Segel streichen müssen, der Weg für Amazon scheint frei. In Deutschland sieht es dank der Tolino-Allianz nicht ganz so einseitig aus, aber auch hierzulande wird sich Amazon vom Rückschlag beim Marktanteil nicht aus dem Konzept bringen lassen und weiter aggressiv seine Plattform vergrößern. Langweilig wird es also auch 2014 nicht auf dem digitalen Buchmarkt.

<Bildnachweis: 2013 von Shutterstock>

Ähnliche Beiträge


Kommentare


lesen.net: Rückblick und Ausblick » Interna » lesen.net 31. Dezember 2013 um 10:00

[…] nur für den deutschen E-Reading-Markt geht am heutigen Dienstag ein turbulentes Jahr zuenede. Auch auf lesen.net hat sich viel mehr […]

Antworten

6 E-Reading-Vorhersagen für 2014 » Debatte » lesen.net 6. Januar 2014 um 15:55

[…] einem turbulenten E-Reading-Jahr 2013 läuft das neue Jahr traditionell eher gemächlich an. Das gibt uns die Gelegenheit, einen Blick in […]

Antworten

Du hast eine Frage oder eine Meinung zum Artikel? Teile sie mit uns!

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*
*