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Künstliche Aufregung um neue „Kindle Store Zensur“

41ewbjcpc8l-_sl500_aa266_pikin3bottomright-1634_aa300_sh20_ou01_In etlichen Onlinemedien (Guardian, Huffington Post/Techeye) werden in diesen Stunden einmal mehr Vorwürfe gegen Amazons Handling des Kindle Store laut. Auslöser diesmal: Das Unternehmen aus Seattle hatte ein eBook mit dem für sich schon Aufsehen erregenden Titel „The day the Kindle died“ temporär aus seinem Sortiment genommen und zwischenzeitlich unter Entfernung des bisherigen Bewertungen wieder eingestellt. Doch anders als bei ähnlich gestrickten Vorgängen in der Vergangenheit hat es Amazon hier nicht verdient, an den Pranger gestellt zu werden.

Der Autor Thomas Hertog liefert auf 220 Seiten de facto eine Anleitung zum Betrug, zumindest aber zum Verstoß gegen die AGB von Amazon. Hertog hatte einen ebenfalls von ihm verfassten Finanzratgeber innerhalb von 45 Tagen auf Platz 1 der durchaus umkämpften Kindle Store Subkategorie Personal Finance gehievt und dabei den Ranking-Algorithmus von Amazon.com zu seinen Gunsten genutzt: Der Autor listet in seinem Buch detailliert auf, dass er seine eigene Publikation 173x kaufte und 42 selbst verfasste Rezensionen dazu publizierte, welche er wiederum 108x als mehr oder (im Fall von negativen Bewertungen) weniger hilfreich markierte.

Selbstverständlich manipulierte Hertog auch sein zweites eBook auf die vorderen Plätze der Bestsellerliste, wie der Autor vor zwei Wochen freimütig einräumte. Amazon jetzt für die Löschung der gefälschten Kundenbewertungen (und damit für eine Bereinigung des Rankings) zu kritisieren, ist doch sehr fragwürdig; erstaunlich genug, dass der Titel überhaupt noch verkauft wird.

amazon-kindle-2Praktisch jedes algorithmisch gebildete Ranking ist manipulierbar (besser: optimierbar): Im Falle von Google ernährt dieses Faktum aufgrund der großen ökonomischen Relevanz einer guten Platzierung eine ganze Industrie, und auch das Tuning von Medien-Bestenlisten ist kein Novum (hierzulande hat etwa die Manipulation der Media Control Charts eine gute Tradition). Amazon wird und muss aber diesen Prozess nicht auch noch durch eine Publikation entsprechender Anleitungen fördern und deren Verfasser damit für ihre halbseidene Arbeit monetär belohnen; das Thema ist kaum in eine Reihe mit der 1984-Affäre (Fernlöschung von illegal angebotenen Titeln) oder dem kurzzeitig im Kindle Store erhältlichen Pädophilen-Ratgeber zu stellen.

Allenfalls lässt sich an der Mediendiskussion ablesen, wie (über-)sensibel Reglementierungen im Content-Angebot der „Großen“ (im eBook-Markt sind das neben  Amazon und originären Großbuchhändlern vor allem Google und Apple) inzwischen aufgenommen werden – und dass sich Amazon in den letzten Jahren in Übersee offenbar nicht viele Freunde unter den Medienschaffenden gemacht hat.

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Kommentare


Thomas Knip 5. Januar 2011 um 21:42

Skandale verkaufen sich immer gut, vermeintliche wie tatsächliche. Skandale bei Platzhirschen dann gleich noch mal umso besser.

Neben dem Kindle hat nur Apple eine solch lebendige Infrastruktur, dass es bei der Masse im Angebot zwangsläufig irgendwelche Interessenskonflikte geben wird. Vor allem zwischen Betreibern und Schaffenden.

Dass man von anderen Plattformen nichts hört, ist eher ein Zeichen dafür, wie wenig sich dort tut; in der Wüste hört einen eben niemand rufen …

Antworten

sechzehnu 7. Januar 2011 um 12:31

Ein bereinigtes Ranking ist nicht zu monieren, der Ausschluss eines Buches aber stets Zensur.
Warum die Publikation von Anleitungen zur Manipulation reglementiert werden sollte, kann ich nicht nachvollziehen. „Security through obscurity“ ist überholt; eher empfiehlt es sich, den Bewertungsprozess an sich besser gegen „Optimierungen“ jedweder Art abzusichern.

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Wie manipulierbar ist der Kindle Store? » lesen.net 11. September 2014 um 16:03

[…] ist auch schon lange bekannt: 2011 wurde sogar im Kindle Store ein Bericht darüber publiziert (und von Amazon gelöscht), wie viel im Kindle Store manipuliert werde und wie einfach das […]

Antworten

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