Skip to main content

Kurze eBooks: Die Experimente im Überblick

Immer mehr Presseverlage sehen in eBooks eine gewinnbringende Möglichkeit, ihre Artikel zweitzuverwerten. Wesentlich kompakter und aktueller, stellen diese Titel das klassische Sachbuch für den mobilen Leser infrage. Aber auch Amazon und Buchverlage wollen ihr Stück vom Kuchen  – eine Übersicht.


Viele Artikel in Tageszeitungen haben eine Relevanz über den aktuellen Tag hinaus und lassen sich längerfristig monetarisieren, weshalb zahlreiche Zeitungsverlage sich entschlossen haben, auch im eBook-Bereich aktiv zu werden. Artikelsammlungen oder einzelne Reportagen werden für wenige Euro angeboten und versprechen fundierte Informationen auf wenigen Seiten.

Digital – National wie regional

Klassische Zweitverwertung: eBook mit Seite-Drei-Texten der SZ

Klassische Zweitverwertung: eBook mit Seite-Drei-Texten der SZ

Die großen Blätter haben vorgelegt, aber auch regionale Tageszeitungen spielen mittlerweile auf dem eBook-Feld mit:

  • Primus, was das (digitale) Büchermachen angeht, ist die Süddeutsche Zeitung. Seit der Einführung der „Süddeutsche Zeitung Bibliothek“ 2004 findet man die Münchner auch im Bücherregal. Die aktuelle Reiseführer-Reihe „Ein perfektes Wochenende in…“ ist die erste, die auch digital (ab 0,99 Euro) zu haben ist. Nicht in Print erscheinen die Artikelsammlungen, darunter aktuelle wie „Die Seite Drei“ oder historische wie „Die Olympischen Spiele 1972“. Die Bücher sind als epub (teilweise auch als pdf oder mit Online-Lesen-Funktion) im Shop der SZ zu bestellen.
  • Die Zeit hat verschiedene eBook-Reihen im Portfolio: In „Dossiers kompakt“ (1,99 Euro) werden drei Dossiers zu einem aktuellen Brennpunktthema zusammengefasst. Umfangreicher informieren die Ratgeber (bis 4,99 Euro), beispielsweise zum Thema nachhaltige Ernährung. Für Städtereiser hat die Zeitung auch „City Guides“ für 2,99 Euro im Angebot.
    Erhältlich sind die Titel DRM-frei im Online-Shop der Zeit.
  • Bei Dumont Schauberg setzt man auf Lokalkolorit: Das eBook „Wir waren klar besser“ bündelt Artikel des Kölner Stadtanzeigers zum 1. FC Köln, die Berliner Zeitung („Berlin bei Nacht“) und die Hamburger Morgenpost („Unser Hamburg“) haben eBooks zu ihrer Heimatstadt herausgebracht. Die eBooks werden über Online-Händler verkauft, die Preise liegen zwischen 0,99 und 3,99 Euro.
  • Die Bücher der FAZ kann man auch hören: Im Frankfurter Allgemeine Archiv auf Amazon findet man die eBooks auch in einer entsprechenden Hörbuch-Version. Angefangen haben die Frankfurter sogar nur mit Hörbüchern, und das bereits 2006. Die „FAZ. Dossiers“ zu wissenschaftlichen, politischen und (pop-)kulturellen Themen sind aber größtenteils immer noch aktuell und einen Blick wert. Neu hinzugekommen ist 2012 Reiseführer-Reihe, außerdem gibt es eine Reihe zu berühmten Persönlichkeiten wie Joachim Gauck oder Karl Lagerfeld. Eine übersichtliche Zusammenstellung des FAZ-Archivs gibt es nur bei Amazon, wer sucht findet die Titel aber auch im iBookstore und als epub oder pdf beziehungsweise Audio-CD bei anderen Händlern. Lediglich auf den Hörbuch-Download hat Audible das Monopol.

Und auch zwei der drei großen Wochenzeitschriften sind, wenn auch zaghaft, dabei:

  • Der Spiegel tastet sich ran: Im März startete eine eBook-Reihe mit drei Titeln für je 0,99 Euro (iBookstore und Kindle Store). Was zuerst nach missglücktem Experiment aussah, weil keine weitere Titel erschienen, wird nun wohl dort fortgeführt. Am 12. September kamen zwei weitere eBooks dazu.
  • Der Focus veröffentlicht Ratgeber im pdf-Format, in dem Artikel zum Thema Gesundheit und Karriere gebündelt werden. Erhältlich für je 4,48 Euro im Online-Shop der Zeitschrift.

Rentables Recycling

Das Produzieren von eBooks mit Archiv-Inhalten ist nicht zuletzt die Flucht nach vorne: Die klassische Tageszeitung gehört für immer weniger Deutsche zum Alltag; die Auflagen sinken und mit ihnen die Anzeigenerlöse. Und im Internet, wo tagesaktuelle Informationen überall kostenlos verfügbar sind, tun sich Zeitungswebseiten mit Paywalls schwer. Die eBooks bieten eine Möglichkeit, bereits vorhandenen Content in einer Form zu recyceln, in der der Leser nur für die Themen zahlt, die ihn auch interessieren, und dabei vermeintlich tiefergehende und vertrauensvollere Informationen erhält als auf Gratis-Portalen wie Wikipedia.

Dass Zeitungen ihre Artikel und Autorenexpertise mehrfach verwerten ist allerdings nicht wirklich neu, im Printgeschäft tummeln sich die großen Blätter schon lange, neben eigenen Werken auch mit (Hör-)Buch-Sondereditionen wie zum Beispiel der Süddeutsche Zeitung Bibliothek oder der Brigitte Edition. Das digitale Format bietet jetzt aber zwei deutliche Vorteile: Sie lassen sich schneller veröffentlichen und sind flexibler in Länge und Preis.

Auch Amazon geht den kurzen Weg

Auch bekannte Buchautoren gibt es als "Kindle Singles"

Auch bekannte Buchautoren gibt es als „Kindle Singles“

Die Würze dieser eBooks liegt überwiegend in ihrer Kürze: Die meisten Blätter zielen auf eine Länge ab, die gedruckt nicht einmal den Umfang eines Reclam-Heftes erreichen würde, was die Präsentation im Buchhandel schwer macht. Im digitalen Format hingegen sind Material- und Vertriebskosten gering , sodass sich jede Länge zu jedem Preis realisieren lässt. Das hat auch Amazon schon früh erkannt.

Im Januar 2011 wurden die „Kindle Singles“ eingeführt, die zwischen 5.000 und 30.000 Zeichen umfassen und im Bereich von ein bis drei Euro liegen. Seit Juli sind sie auch in Deutschland erhältlich. Kindle Singles richtet sich sowohl an Schriftsteller als auch Journalisten, aber anders als bei Kindle Direct Publishing siebt Amazon kräftig aus: Bei Nonfiction werden weder simple Auszüge aus Büchern noch Texte, die bereits andernorts erschienen sind, akzeptiert. Seit Juli gibt es mit den „Kindle Singles Interviews“ auch von Amazon Publishing veröffentlichte Gespräche mit berühmten Persönlichkeiten wie Präsident Barack Obama.

Neue Konkurrenten im Sachbuchmarkt?

Der großen Trumpf, den Zeitungshäuser gegenüber den klassischen Buchverlagen ausspielen können, ist ihr Fokus auf Aktualität: „Als Zeitungsverlag sind wir es gewohnt, sehr aktualitätsbezogen und schnell zu produzieren, wir haben den Vorteil auch kürzere Informationseinheiten passgenau und schnell zusammenstellen zu können,“ erläuterte Sandra Keft, Verlagsleiterin Magazine und Neue Geschäftsfelder bei der „Zeit“, in einem Interview mit buchreport. Und auch bei nicht tagesaktuellem Stoff wie Reiseberichten oder wissenschaftlichen Themen sind die Zeitungen insofern im Vorteil, dass die Inhalte bereits produziert sind oder zumindest die Suche nach Autoren entfällt.
Ebenfalls von Vorteil für die Zeitungen ist, dass sie aufgrund des Verkaufs von Werbeflächen schon immer ihre Leser kennen mussten und dadurch deutlich besser als Buchverlage Titel zielgruppengerecht produzieren können.

Dennoch experimentieren auch klassische Verlage mit der kurzen Form. Suhrkamp beispielsweise hat die Reihe „edition suhrkamp digital“ eingeführt, die allerdings sowohl gedruckt (4,99 bis 7,99 Euro) als auch digital (zum gleichen Preis) erscheint. Auch wenn sich die Workflows hier bereits verschnellert haben, ist man von Tagesaktualität noch weit entfernt. Dennoch informieren Titel wie „Sperrzone Fukushima“ oder auch „Die neue Liebesordnung – Frauen, Männer und Shades of Grey“ auf 60 bis 100 Seiten über Themen, die kein klassisches Buch füllen würden und überwiegend vermutlich im nächsten Jahr schon nicht mehr interessieren. Oder vielleicht auch heute schon, siehe „Meuterei auf der Deutschland – Ziele und Chancen der Piratenpartei“.

Ähnliche Beiträge


Keine Kommentare vorhanden


Du hast eine Frage oder eine Meinung zum Artikel? Teile sie mit uns!

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*
*