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Literaturverlage geben Männer auf

Frauen greifen statistisch gesehen häufiger als Männer zum Buch, gedruckt und inzwischen auch digital. Weil Frauen bei ihrer Auswahl außerdem deutlich flexibler sind, verschwindet die “Zielgruppe Mann” zunehmend aus den Marketing-Plänen von Verlagen, merkt eine Feuilletonistin an. Mit Konsequenzen.

67 Prozent aller Frauen haben im Jahr 2013 mindestens ein gedrucktes Buch gekauft, aber “nur” 53 Prozent aller Männer, ließ der Branchenverband Börsenverein über eine Befragung ermitteln. Auch bei eBooks gab es im Jahr 2013 erstmals ein klarer Plus auf der Käuferinnenseite (4,6 Prozent zu 3,6 Prozent). Das ist eine deutliche, aber auch nicht gerade überwältigende und das Buch per se zum “weiblichen” Medium machende Differenz.

Männer lesen Männer, Frauen lesen alles

Wesentlich verstärkt wird das Ungleichgewicht allerdings durch die geschlechterspezifische Titel- und Genre-Wahl. Während Frauen nicht nur mehr, sondern auch vielfältiger lesen, beschränken sich Männer überdurchschnittlich häufig auf einzelne Sparten, konkret SciFi/Fantasy, Krimis, Thriller und historische Romane. Und: Für viele Männer ist ein Frauenname auf dem Cover ein rotes Tuch. Darum legen sich viele Autorinnen in den genannten “Männer-Genres” lieber gleich ein männliches Pseudonym zu, ein bekanntes aktuelles Beispiel ist hier Robert Galbraith.

Im Bereich literarischer Romanen scheinen nun mehr und mehr Verlage zu resignieren, merkt FAZ-Redakteurin Felicitas von Lovenberg in einem an diesem Samstag publizierten und in sozialen Netzwerken viel diskutierten Beitrag an. In Verlagsvorschauen für das Herbstprogramm ist vielfach nur noch von “Leserinnen von” die Rede. Männer kämen in der Kommunikation nicht mehr vor.

Sich selbst verstärkender Effekt

DSC_0081Damit wird die Klammer für Frauenliteratur immer weiter gefasst. Selbst große Publikumsverlage wie Random House oder Bastei Lübbe (Bild von der Leipziger Buchmesse) nehmen längst eine De-Facto-Geschlechtertrennung ihres Programms vor. Wenn jetzt auch noch Romane von Autorinnen wie Sibylle Berg in entsprechende Regale einsortiert und mit ebensolchen Covern versehen werden, dürfte das einen sich selbst verstärkenden Effekt zur Folge haben.

Stecken Romane erst einmal in der “Frauenschublade”, verschwinden sie noch mehr aus dem Wahrnehmungsfeld der Männer und erhöhen das Ungleichgewicht bei den Verkäufen, was Lektorat und Marketing von Verlagen bei weiteren Neuerscheinungen zu einer gleichartigen Ettiketierung und Ausrichtung verleitet. Gerade bei eBooks ist trotz – oder vielleicht gerade wegen – der Titelflut eine immer spitzere Zielgruppenansprache zu beobachten, die in der Regel eben auch das Geschlecht beinhaltet.

<Bildnachweis: Lesende von Shutterstock>

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19 Kommentare (zum Thread im Forum)

Zum Thema: Literaturverlage geben Männer auf

Tianara 03. August 2015 um 13:17 Uhr

Wurde denn in der Befragung auch gefragt wieviele Frauen Bücher für Ihre Männer gekauft haben. Ich kaufe nämlich bei uns zuhause auch die ebooks für meinen Mann. :D:D

Virginia.Woolf 03. August 2015 um 14:33 Uhr

Ich weiß nicht so recht. So groß ist der Unterschied im Einkaufsverhalten nicht und einzelne Genres - Frauenromane, chick lit oder auch Liebesromane - waren schon auf Frauen zugeschnitten. Männerbücher im gleichen Sinn gibt es nicht.

Typische Frauenbücher werden meist auch von Frauen - oder mit einem weiblichen Pseudonym - geschrieben. Aber wird z.B. Lewitscharoff, Zeh oder auch die gute alte Agatha Christie in erster Linie von Frauen gelesen? Das bezweifle ich bis zum Erweis des Gegenteils.

Sarina 03. August 2015 um 19:03 Uhr

Virginia.Woolf schrieb:

Ich weiß nicht so recht. So groß ist der Unterschied im Einkaufsverhalten nicht und einzelne Genres - Frauenromane, chick lit oder auch Liebesromane - waren schon auf Frauen zugeschnitten. Männerbücher im gleichen Sinn gibt es nicht.

Doch, es gibt sie. Das männliche Pendant zu "Chicklit" heißt z. B. Vollidiot oder Hummeldumm. Was es nicht gibt, ist eine Schublade, die so heißt. Ebenso wenig gibt es hier eine Vermarktung, die sich auf eines der Geschlechter beschränkt, was in der Regel allgemein für von Männern geschriebene Bücher gilt (sieh ZÜ "Männer lesen Männer, Frauen lesen alles", entsprechend wird vermarktet). Die Diskussion darüber im Feuilleton ist noch gar nicht so lange her.

Virginia.Woolf 03. August 2015 um 19:14 Uhr

Muss ich das jetzt verstehen? Auf die Diskussion im Feuilleton der FAZ hat Johannes sich bezogen.

Aber die Genres "Vollidiot" und "Hummeldumm" sind mir nun doch neu? Meinst du irgendwelche Pornos?

Das wäre eher für Männer gemacht - aber ist das wirklich ein literarisches Genre? Es gibt natürlich auch schwule Liebesromane - aber auch die richten sich an eine winzige Leserschaft.

frankoliver 03. August 2015 um 19:19 Uhr

Literaturverlage geben Männer auf.

Was ist jetzt nochmal ein Literaturverlag?

Die anderen Nichtliteraturverlage geben die Männer nicht auf?

Kann man jetzt die deutschen Verlage durchgehen und dann hinter jeden Namen schreiben:
Literaturverlag Nichtliteraturverlag Literaturverlag Nichtliteraturverlag Literaturverlag Nichtliteraturverlag Literaturverlag Nichtliteraturverlag

Irgendwie blöd.

Sarina 03. August 2015 um 21:41 Uhr

@frankoliver
Vielleicht ist auch ganz schlicht nur die Abgrenzung zu Sach- und Fachbuch-, wissenschaftlichen etc. Verlagen gemeint.

PS: von Lovenberg schreibt in der FAZ jedenfalls hauptsächlich von "Romane lesen".

Sarina 03. August 2015 um 21:53 Uhr

Virginia.Woolf schrieb:

Muss ich das jetzt verstehen?

Du musst natürlich gar nichts.

Auf die Diskussion im Feuilleton der FAZ hat Johannes sich bezogen.

Nein, er hat sich auf einen Artikel (eher eine Glosse) in der FAZ bezogen. "Das Feuilleton" bezieht sich im allgemeinen Sprachgebrauch auf alle Feuilletons in ihrer Gesamtheit, denn oft werden aktuelle Themen zeitungs- und verlagsübergreifend aufgegriffen und diskutiert. Und in der letzten Zeit wurden Themen, die sich mit diversen Unterschieden von Männlein und Weibein im Literaturbetrieb beschäftigen, häufiger diskutiert.

Aber die Genres "Vollidiot" und "Hummeldumm" sind mir nun doch neu? Meinst du irgendwelche Pornos?

Nein, ich meine die Romane von Tommy Jaud, die für mich die Beispiele par excellence für das männliche Gegenstück zu Chicklit sind, "Vollidiot" bei Amazon aber beispielsweise ausschließlich das Label "Humor" bekommt.

amazon.de/gp/product/3870247517

Ich hoffe, jetzt wird deutlicher, was ich meinte.

frankoliver 03. August 2015 um 23:38 Uhr

Sarina schrieb:

Nein, er hat sich auf einen Artikel (eher eine Glosse) in der FAZ bezogen.

In der FAZ:
"Als fast schon überqualifiziert dürfen sich Leser von Simone de Beauvoir, Silvia Bovenschen, Joan Didion, Elfriede Jelinek, Siri Hustvedt, Susan Sontag oder Zeruya Shalev fühlen. Liebend gern genommen werden aber auch Leser von Sibylle Berg, Felicitas Hoppe, Brigitte Kronauer oder Sibylle Lewitscharoff. Und für Helene Hegemann oder Charlotte Roche gibt es einen Extrapunkt.

Ich habe auch noch keinen Roman von obigen Schriftstellerinnen gelesen.

Sarina schrieb:

Nein, ich meine die Romane von Tommy Jaud


Ich habe auch noch keinen Roman von Tommy Jaud gelesen.

Aber ab und zu lese ich auch Romane von Frauen wie z.B.. Antonia S. Byatt, Margaret Atwood oder Hilary Mantel aber ich glaube letztere zählt nicht zu den Romanschreiberinnen da meist historischer Romane.


halsbandschnaepper 04. August 2015 um 09:22 Uhr

Sarina schrieb:

Nein, ich meine die Romane von Tommy Jaud, die für mich die Beispiele par excellence für das männliche Gegenstück zu Chicklit sind, "Vollidiot" bei Amazon aber beispielsweise ausschließlich das Label "Humor" bekommt.


So etwas würde ich nie lesen. Und ich habe bisher nur von einer Person gehört die diese begeistert gelesen hat. Es war eine Frau.

Gruß

Schnaepper

Johannes 04. August 2015 um 14:49 Uhr

frankoliver schrieb:

Was ist jetzt nochmal ein Literaturverlag?


Da fielen mir schon einige ein, Suhrkamp etwa oder Hanser oder Luchterhand - die beiden letztgenannten tragen "Literaturverlag" sogar im Namen. Nicht-Literaturverlage verlegen demgegenüber Unterhaltungs- und Genre-Titel, klassisches Beispiel: Mira. Wobei es natürlich zahlreiche Sowohl-als-auch-Publisher gibt, die alles unter einer Marke machen (wie Bastei Lübbe).

Ciao
Johannes

Johannes 04. August 2015 um 18:34 Uhr

Es gibt auch literarische Kriminalromane, nach meiner Meinung und auch nach der dieser Verlage (und anderer). Du kannst da aber gerne anderer Meinung sein :)

Ciao
Johannes

Wurmi 04. August 2015 um 20:17 Uhr

Das betrifft also hochwertige Literatur, keine Unterhaltung? Zum Glück sind meine literarischen Tage seit dem Ende des literarischen Quartetts vorbei ;) Sowas ähnliches bräuchten wir wieder. Nur nicht zu nachtschlafener Zeit beim öffentlich rechtlichen Fernsehen. Etwas moderner und im Internet, evtl. noch für verschiedene Altersgruppen. Irgendwie hat mir das immer extrem Lust aufs Lesen gemacht, wenn ich den 3+1 zugehört habe. Aber heute ... Literatur ist anstrengend. Einfach so kann ich mich heute nicht mehr dazu überwinden, so ein Buch zu beginnen. Typisch Mann halt ;)

Virginia.Woolf 05. August 2015 um 20:59 Uhr

Das Literarische Quartett kommt Ende Sept. wieder. Ich freu mich auch schon drauf.

Außerdem unterhält gute Literatur auch - auch wenn noch so viele stinklangweilige Werke von Bachmannpreisträgern das Gegenteil zu beweisen scheinen. Bücher, die den Pulitzerpreis bekommen haben sind in der Regel auch unterhaltsam.

Flaches Geschreibsel voller Stereotypen wird dagegen schnell langweilig - obwohl es ja eigentlich "nur" unterhalten soll.

So klar ist diese Trennung nicht. Außer chick-lit - leichter Unterhaltungsliteratur für junge Frauen mit geringen Ansprüchen - fällt mir auch kein Genre ein, das eindeutig der "guten" Literatur oder der Unterhaltung zuzuordnen wäre.

halsbandschnaepper 06. August 2015 um 06:25 Uhr

Naja "Literaturverlag" ist liegt eine seltsame Definition von Literatur zugrunde. Denn letztlich gilt "Literatur ist seit dem 19. Jahrhundert der Bereich aller mündlich (etwa durch Vers­formen und Rhythmus) oder schriftlich fixierten sprachlichen Zeugnisse" (Wikipedia) oder "[gesamtes] Schrifttum, veröffentlichte [gedruckte] Schriften" (Duden). Damit veröffentlichen alle Buchverlage, Literatur. Ob es man dies nun in "Hochliteratur" oder "Trivialliteratur" einteilt, ist eine andere Sache. Wenn dann müssten die Verlage ich schon als "Verlag für Hochliteratur" oder so nennen.

Gruß

Schnaepper

natowi 06. August 2015 um 20:57 Uhr

Also ich habe das Gefühl, dass sich der Büchermarkt deutlich in Richtung "Zielgruppe Frau" verlagert (hat). Liebhaber von Fantasy Büchern müssen sich mittlerweile durch Massen von Fantasy-Romanzen1 kämpfen - so dass ich mittlerweile in vielen Geschäften das Gefühl habe, nicht mehr vor dem Fantasy, sondern Romanze Regal zu stehen, online ist das auch nicht viel anders. Da mag es ja auch einiges lesenswerte drunter geben, aber in der Regel ist da nichts für mich dabei. Bei SF ist das noch ein wenig anders, in den meisten Buchhandlungen ist dafür aber nicht mal ein halbes Regal vorgesehen. Neuerscheinungen (von mir unbekannten Autoren) die für mich interessant sein könnten haben so kaum eine Chance wahrgenommen zu werden, da sie meist gar nicht erst in der Auslage landen und online in der Fantasy Rubrik in den Romanzen untergehen... Das hat dazu geführt, dass ich nur noch selten wie früher in einer Buchhandlung nach Büchern stöbere (und auch dort kaufe) und mich statt dessen an Empfehlungen aus diversen Foren orientiere.

1] Nichts gegen ein wenig Romanze in Fantasy, einfach beim nächsten mal in der Buchandlung selbst zum Fantasy Regal gehen, und ihr wisst was ich meine ;)