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Pädophilenbuch im Kindle Store, Amazon am Pranger

paedoEin Jahr nach der „1984-Affäre“ um aus der Ferne gelöschte eBooks sieht sich Amazon dieser Tage wieder mit einer weltweiten Kritikwelle im Zusammenhang mit dem Kindle Store konfrontiert. Stein des Anstoßes diesmal war ein über Amazons Self Publishing Plattform eingereichtes Kindle Book mit dem Titel „The Pedophile’s Guide to Love and Pleasure. A Child-Lover’s Code Of Conduct.“, einem (auch für deutsche Kindle-Nutzer zugänglichen) Sexratgeber für Pädophile. Der eigentliche Skandal: Amazon dachte zunächst einmal überhaupt nicht daran, das eBook aus seinem Sortiment zu nehmen.

Das Unternehmen aus Seattle verteidigte seine Freigabepolitik damit, man unterstütze oder beführworte selbstverständlich keine kriminellen oder gewalttätigen Akte, lehne aber Meinungszensur ab und glaube an das Recht der freien Kaufentscheidung – auch wenn es sich um Bücher handelt, in denen Empfehlungen zur Verhütung beim Sex mit unter 13-jährigen gegeben werden (Textausschnitte bei Techcrunch).Damit wiedersprach Amazon seinen eigenen Self Publishing AGBs, welche die Publikation von illegalen Inhalten oder Inhalten, welche in illegale Handlungen münden können, untersagt.

Weder in der Presselandschaft noch auf der eigenen Plattform machte sich Amazon damit verständlicher Weise Freunde: Die mehreren Hundert praktisch durchweg negativen Bewertungen vom  Pädophilenbuch (Google Cache) reichten von Unverständnis bis hin zu Boykottaufrufen gegenüber Amazon, bei Facebook fand eine Boykottgruppe Zulauf von über 6000 Mitgliedern. Gestern – eine gute Woche nach der Live-Schaltung – nahm Amazon das eBook dann schließlich doch noch von seiner Seite; das weltweite Medien- und Kundenecho dürften den Händler letztlich umgestimmt haben.

Der Fall wirft einige Fragen auf: Zunächst einmal wie es rechtlich zu beurteilen ist, dass ein amerikanisches Unternehmen hierzulande eindeutig illegale Inhalte nach Deutschland verkauft. Amazon scheint sich hier derzeit noch in einem Raum außerhalb des deutschen Rechts zu bewegen; Adolf Hitlers „Mein Kampf“ etwa – bei uns nur für unter strengen Auflagen zugänglich – lässt sich im Kindle Store auch mit einem deutschen Amazon-Account problemlos shoppen.

lolitaWeiterhin hat die Protestwelle und Amazons (erzwungene) Reaktion darauf einen durchaus schalen Beigeschmack; so gab es in der Vergangenheit kaum weniger explizite Titel, um die es ähnliche Entrüstungswellen gab – Vladimir Nabokovs „Lolita“ ist ein Beispiel aus demselben Themenfeld. Hier stellt sich tatsächlich die Frage, wo Straftatbestände aufhören und Zensur anfängt. Zudem ist zu bezweifeln, dass ein solches (E-)Buch auch nur einen weiteren Pädophilen hervorbringt oder aber Informationen beinhaltet, die nicht auch weiterhin an diversen düsteren Ecken des Internets abzugreifen sind – das Geschehen verlagert sich nun einfach zurück von der Bühne der Öffentlichkeit in den Untergrund.

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Kommentare


harlekin 13. November 2010 um 13:29

Noch ein PR Albtraum – *autsch*

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joblack 13. November 2010 um 16:50

Sieht mehr nach einer Parodie aus.

Falls es ernst gemeint ist: Welcher Autor stellt so etwas zum Download bereit?

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Thomas Knip 14. November 2010 um 00:58

Ja, es ist kaum zu verstehen, warum Amazon sich hier nicht dem – verständlichen – Druck der Kunden gebeugt hat. Solch ein Negativimage kurz vor dem Weihnachtsgeschäft ist ein absoluter GAU.

Das Buch war keine Parodie, wie Berichte von Usern bei Mobilread vermuten lassen, die mit dem Autor direkt gesprochen haben.

Allerdings darf man die Bedeutung des 1. Zusatzartikels zur US-amerikanischen Verfassung nicht unterschätzen. Im Prinzip hat Amazon Recht; nur hätte es keine fünf Cent gebraucht, um vorauszusehen, was für einen Sturm der Entrüstung das nach sich ziehen würde.

Dumm gelaufen.

Und bitte mach nicht zu sehr auf die Bedeutung für deutsche User aufmerksam, Johannes. Du hast Recht, aber schlafende Hunde möchte ich hier nicht geweckt sehen.
Sonst kann das ein ziemlich unangenehmes Vergnügen für deutsche Kunden werden, wenn sich die Staatsanwaltschaft allgemein dafür interessiert, was in DE über den Kindle eventuell, möglicherweise oder potenziell erhältlich ist …

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Martin 15. November 2010 um 10:42

Danke für den Artikel. Aber Nabokovs Lolita auf eine Stufen mit einem solchen „Ratgeber“ zu stellen, geht meiner Meinung nach gar nicht.

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sei 16. November 2010 um 18:17

„(…)Publikation von illegalen Inhalten oder Inhalten, welche in illegale Handlungen münden können, untersagt.“

Na wenn das wirklich so in den AGB’s steht dann aber gute Nacht. Darunter würden ja auch sagen wir mal 90% der IT sicherheitsliteratur fallen. Im endeffekt bieten die doch anleitungen zum einbruch. Zumindest wenn man der Argumentation bei diesem Buch folgt.

Schade also das Amazon mal wieder einen Kniefall vor der Political Correctness hingelegt hat.

Und zu „Mein Kampf“, zum einen man schön das sich Amazon traut der Staatszensur nicht nazugeben. Aber vor allem recht lächerlich, es ist ja nicht so als sei es unmöglich in Zeiten des Internets an das vermaledeite buch zu kommen…

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Paethon 19. November 2010 um 20:28

Wie schön, dass auch Heute die Meinungs-, Presse- und Publikationsfreiheit nur so weit geht, wie es einem angenehm ist.

Wo kämen wir denn hin, wenn man WIRKLICH alles schreiben könnte?!

Man kann bei Amazon übrigens auch „Josefine Mutzenbacher“ kaufen. Das ist in Deutschland sogar per Gerichtsbeschluss definitiv als kinderpornographisch eingestuft und der Besitz strafbar.

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Künstliche Aufregung um neue “Kindle Store Zensur” » eBooks » lesen.net 5. Januar 2011 um 18:08

[…] der 1984-Affäre (Fernlöschung von illegal angebotenen Titeln) oder dem kurzzeitig im Kindle Store erhältlichen Pädophilen-Ratgeber zu […]

Antworten

Amazon verkauft nun Kindle-Bücher in Deutschland – mit Buchpreisbindung | gadgetSpy 22. April 2011 um 17:43

[…] kann, zeigt das Beispiel des „Pedophile’s Guide“, der auf der Plattform verfügbar war und, nach heftigen Protesten, von Amazon gelöscht […]

Antworten

Uwe Richard 1. Mai 2011 um 11:49

Ja, ja, Zensur ist schon eine feine Sache. Leider teilen nicht alle Menschen diese Meinung.

Aber mal im Ernst: Wo kämen wir hin, wenn jeder erwachsene Mensch selbst entscheiden dürfte, was er lesen will?

Mit freundlichem Gruß an alle totalitär denkenden Menschen

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