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Rowohlt digitalbuch plus: Guter 1. Wurf, Luft nach oben

rowohlt_0In einem Frankfurter Hotel in Buchmesse-Nähe stellte Rowohlt gestern Mittag seine ersten vier Enhanced eBooks vor – wenige Stunden, nachdem die von textunes programmierten Apps von Apple freigegeben wurden. Die Anreicherungen der zwischen 13 Euro und 19 Euro kostenden Titel variieren dabei in Umfang, Beschaffenheit und Qualität.

Positiv ist in jedem Fall das rowohlt’sche Verständnis von Enhanced eBooks – der Verlag begreift das Feld als Spielwiese, die unmittelbare Refinanzierung der zusätzlichen Aufwändungen steht erst an zweiter Stelle. Ein Rowohlt-Sprcher wörtlich: „Unter kaufmännischen Gesichtspunkten hätte das mit Sicherheit nicht gemacht werden sollen.“ Man wolle den eigenen Autoren vielmehr „etwas bieten“, auch gegenüber den Literaturagenten ein Statement abgeben.

RowohltEntsprechend mutig ging Rowohlt bei der Konzeption ans Werk. Dabei machte es einen schon bei den digitalbuchplus Launchtiteln deutlich sichtbaren Unterschied, in wie weit sich die Autoren für das Projekt begeistern können und bei der Anreicherung mitwirken.

Ein Musterbeispiel ist hier sicherlich Strohfeuer (alle Buchlinks zu iTunes) von Sascha Lobo, dem ersten angereicherten Belletristiktitel von Rowohlt. Beim Lesen auftretende Fragen können hier direkt via Buchfrage-Widget (Kollege Martin beschreibt das Tool von Lovelybooks drüben bei Netzwertig en detail) an den Autor gerichtet werden. Ohne die Bereitschaft von Sascha, die wohl vielen Hundert auflaufenden Fragen zu beantworten – sein Track Record liegt aktuell bei 925 Reaktionen an einem Wochenende -, wäre ein solcher Dienst überhaupt nicht möglich.

wsmbAuch Bernhard Hoecker und Tobias Zimmermann, Autoren vom der humoristischen Reiseerzählung Meilenweit für kein Kamel, hatten erkennbar Lust auf das App-Projekt. Neben zahlreichen zusätzlichen Fotos und Videos rund um ihren Tripp vom Allgäu nach Jordanien findet sich ein wirklich spaßiger und innovativer „Korrekturmodus“ in der App. Die Veränderungen des Lektorats können hier rückgängig gemacht werden, man bekommt sozusagen den „Directors Cut“ zu Gesicht. Als Schmankerl gibt es sogar einen Audio-Kommentar von Hoecker zu den Veränderungen, wo sich der Autor etwa übers Streichen einzelner Wörter echauffiert.

Wahrsager Torsten Havener hat sich für die Anreicherung seines Ich weiss, was du denkst an (und in) den Starnberger See begeben, dort allerlei quasi-interaktive Videos gedreht. Die Manipulationen (/Wahrsagereien) werden hier auf eine audiovisuelle Ebene konvertiert- sicherlich kein Must-Have, aber eine interessante Alternative zur Textform.

einstein_0Im Vergleich zu diesen drei Titeln fällt die Einstein-Monographie von Johannes Wickert (übrigens dem einzigen Autor, welcher der Rowohlt-Präsentation fern blieb) doch etwas nach unten ab. Auch hier fanden Videos und Tonmitschnitte ihren Weg ins Buch – die eingebundenen Aufnahmen von zeitgenössischer (=überschaubarer) Qualität stellen allerdings nur einen mäßigen Mehrwert dar, wirken wie von Youtube syndiziert und irgendwie fremdartig. Weiterhin wurden einige Faksimiles eingebunden und vertont, ein Video-Interview mit einem Professor zur Bedeutung Einsteins aus Sicht der heutigen Wissenschaft geführt. Dabei handelt es sich zwar um nette Gimmicks; dabei ist jedoch nichts, was sich auch kostenlos aus dem „offenen“ Internet aufs iPhone/iPad bekommen ließe. Ein Zusatznutzen wird hier allenfalls durch den Komfort erzeugt, „alles“ aus einer Hand und an einem Ort zu bekommen.

Die drei Sachbücher kosten als Enhanced eBook 13 Euro und damit 3 Euro bzw. 30% mehr als Print /eBook (Rowohlt bietet digitale Bücher sozusagen aus grundsätzlich-existenziellen Überlegungen keinesfalls günstiger an als gedruckte Literatur, wie Geschäftsführer Peter Kraus vom Cleff bei der Pressekonferenz betonte – naja); ein Aufpreis, der die zusätzlichen Aufwendungen für die Anreicherung wiederspiegelt und bei entsprechendem Mehrwert sicherlich in Ordnung geht.

SAMSUNG DIGITAL CAMERASascha Lobos „Stohfeuer“ fällt hier in sofern aus der Reihe, als dass alle drei Medienformen – Print, epub eBook, Enhanced eBook – exakt gleich teuer sind. Sascha betrachtete das Thema ‚Pricing‘ im Gespräch mit lesen.net aus einer sehr pragmatischen und kundenzentrierten Perspektive: Wenn der Nutzer statt eines gedruckten (=ins Regal stellbaren, verleihbaren, …) Buches fürs gleiche Geld nur eine digtale Datei angeboten bekommt, müsse man ihm zumindest an anderer Stelle einen Mehrwert bieten. Zudem verspricht sich Sascha für sich selbst einen Lerneffekt durch die Interaktion mit dem Nutzer – die im Buchwidget gestellten Fragen machtem ihm transparent, wie Leser einzelne Textpassagen rezipierten.

Rowohlt möchte künftig 3-4 Enhanced eBooks pro Halbahr in den App Store schießen. Vorerst wird nur das iPad bespielt, Android Devices habe man aber natürlich auch auf der Karte. Mit seinen ersten Enhanced eBooks befindet sich Rowohlt auf dem richtigen Weg, wenngleich Verkaufserfolge a là USA (The Elements soll sich allein dort inzwischen 130.000x verkauft haben) sicherlich erst einmal außerhalb der Reichweite sind. Während es am Preisgefüge für Enhanced eBooks aus unserer Sicht wenig auszusetzen gibt, muss Rowohlt im Bezug auf ‚konventionelle‘ digitale Literatur aber noch einmal in sich gehen – zumindest, wenn man den auf der Pressekonferenz angepeilten Digital-Umsatzanteil von mittelfristig 15%-20% tatsächlich erreichen möchte.

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Kommentare


Buchfrage-Widget: LovelyBooks ermöglicht Diskussionen in E-Books » netzwertig.com 8. Oktober 2010 um 09:13

[…] erweiterte E-Books, in die unter anderem das Buchfrage-Widget integriert ist (Update: Hintergründe zu Rowohlts Neuentwicklung findet ihr hier). Zu den ersten drei “digitalbuchplus”-E-Books gehört auch “Strohfeuer” […]

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3imsinn 8. Oktober 2010 um 10:02

Danke für Deine Einschätzung. Aber gerade bei der Einstein-Biographie liegst Du leider nicht ganz richtig, denke ich. Bei dem Zusatzmaterial (ich konnte mir das auch schon anschauen) handelt es sich eben NICHT um Inhalte, die es alle auch im Netz gibt, sondern um Quellen, die – aufgearbeitet – zum Teil so nie veröffentlicht worden sind und aus geschlossenen Archiven stammen. Insofern halte ich die Einstein-Biographie sogar für das nachhaltigste Enhanced eBook. Während Strohfeuer sich im Rückblick im nächsten Jahr möglicherweise als selbiges herausstellen wird, ist die Biographie gerade für eine tiefere Auseinandersetzung mit dem Leben Einsteins geeignet. Das nennt man wohl Qualitätscontent mit hohem Haltbarkeitswert. Ich gebe zu, das wird erst offenbar, wenn man sich die Zielgruppe vergegenwärtigt. Überhaupt drängt sich der Eindruck auf, dass Rowohlt seine Enhanced eBooks über unterschiedliche Zielgruppen gestreut hat – mutmaßlich um zu testen, in welchem Bereich sich weiteres Engagement lohnt. Kurzum Enriched heißt ja nicht bloß erweitert um Kurzweil, von daher werde ich wohl zu Einstein greifen ;)

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Johannes 8. Oktober 2010 um 10:14

@3imsinn Danke für dein Feeback, ist ’ne interessante Perspektive. Ich hatte bei Präsentation & erster Betrachtung halt den Eindruck von Flickenschusterei – in die App wurde halt scheinbar jeder denkbare multimediale Kram genallt, von dem sich die Macher irgend ein „Plus“ (vgl. Editionstitel) versprechen, alles in allem sind’s 30 untereinander kaum verbundene Erweiterungen…wirkt unterm Strich recht konzeptlos.

Dass im Ergebnis dann trotzdem ein (für die Zielgruppe) durchaus nutzwertiges Produkt steht, ist sicherlich nicht von der Hand zu wesien; den Komfort hatte ich ja oben schon angesprochen, Exklusivmarterial ist natürlich ein weiterer Punkt. Denke da müssen wir hier künftig noch ein bisschen mehr durch die Augen der Zielgruppe sehen…’ne „Rezensionskompetenz“ bauen wir uns bei lesen.net halt erst gerade aus, stecken noch im Lernprozess ;)

Ciao
Johannes

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k*g 8. Oktober 2010 um 12:40

Hallo,

Sascha Lobos Aussage:
„Wenn der Nutzer statt eines gedruckten Buches fürs gleiche Geld nur eine digital Datei angeboten bekommt, müsse man ihm zumindest an anderer Stelle einen Mehrwert bieten.“
würde ich für mich als Leser eher umdrehen: Gebt mir ein eBook zum halben Preis des gedruckten Buches, ich verzichte gerne auf „Enhanced“-Getöse!
Also die üblichen Unterhaltungsromane (Krimi, Fatansie, SciFi, …) für unter 5 Euro.

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Max 9. Oktober 2010 um 14:57

Ich will den letzten Roman von Mario Vargas Llosa auf meinem Text-Reader lesen. Sofort. Dazu brauche ich keinen Mehrwert. Ich denke der Text ist wertvoll genug und muss nicht aufgemotzt werden. Bei Schrott ist das anders, da helfen vielleicht ein paar Gimmicks.

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Breitband – Das Buch, multimedial 9. Oktober 2010 um 16:57

[…] eine Funktion, die der Rowolth-Verlag im Rahmen seiner digitalbuchplus-Reihe vorgestellt hat. (Kommentar von lesen.net) Der Internet-Star Sascha Lobo wird zum Beispiel für dieses Frage-Antwort-Spiel zur Verfügung […]

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Jazznrhythm 10. Oktober 2010 um 09:00

Der Eindruck, der für mich durch diese neuen Bücher entsteht (vor allem wenn ich mir Sascha Lobos, durchaus verständliche Begründung durch den Kopf gehen lasse) ist, das ich nicht mehr weiß, welches nun das fertige, „richtige“ Buch ist, das der Autor geschrieben hat. Enhanced Books machen Bücher in meinen Augen unfertiger, als wären sie noch nicht abgeschlossen, sondern weiterhin im Prozess des Schaffens. Was ich bei Musikstücken oder Filmen durchaus akzeptiere (Remix, Studioversionen etc., Directors Cut), das empfinde ich bei Büchern eher abschreckend, weil es ein Bruch im Lesefluss darstellt und aus dem Buch, das ich eher als ruhige Tätigkeit betrachtet habe, eine interaktive Sache macht, die unter Umständen noch zu einem Dialog mit dem Autor führt. Nett, verständlich, aber mit der klassischen Geschichte, von wegen unter dem Apfelbaum oder am Strand sitzen und ein Buch lesen hat das wenig bis gar nichts zu tun. Ist in mein Augen zwar durchaus ein interessantes Medium im Sinne des Internets, aber als Substitut für herkömmliche Bücher eher die Grundlage eines Missverständnisses bzgl. Leserinteressen.

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Buchmesse 2010 eBook Roundup » Debatte » lesen.net 10. Oktober 2010 um 23:02

[…] es auch Rowohlt, die hier mit ihren ersten digitalbuch plus Titeln ein erstes Ausrufezeichen setzten. Während die Holtzbrinck-Tochter vorwiegend auf multimediale Anreicherungen setzt, versuchen sich […]

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eBook Piracy nicht aufzuhalten? » Debatte » lesen.net 15. Oktober 2010 um 20:26

[…] denn auch Piracy wird zur Gewohnheit. “Added Value” zum Print-Preis wie in Sascha Lobos Strohfeuer App (um deren Pricing aktuell ein unterhaltsamer, aber in der Sache wenig konstruktiver Disput […]

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Verleger: DRM “böse”, Preisbindung “noch schlimmer” » Debatte, eBooks » lesen.net 3. November 2010 um 16:04

[…] Tagesordnung ist, hüllen sich die Verlage gemeinhin in Schweigen beziehungsweise führen – wie Rowohlt –  auch schon einmal “strategische Gründe” fürs gehobene Pricing der eigenen […]

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[…] realisiert es in den USA bereits. Wofür noch Verlage? Auch Autoren werden zu (Selbst)Verlegern. Beispiel Rowohlt: „Wollen (mit Enhanced eBooks) Autoren zeigen, wofür wir gut sind. Hier kommt Aufgabe auf […]

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Enhanced ebooks: Digitale Wundertüten oder echter “Mehrwert”? — litaffin |Rezensionen, Literaturbetrieb, Literatur, Berlin 1. August 2011 um 10:45

[…] Inhalten gerechet zu werden. Erkennbar ist dies bereits bei einigen Titeln aus der Rowohlt-Reihe “Digital Plus”. Die Biographie über Albert Einstein beispielsweise enthält Faksimiles und Originalfilmaufnahmen […]

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Enhanced ebooks: Digitale Wundertüten oder echter “Mehrwert”? — litaffin |Rezensionen, Literaturbetrieb, Literatur, Berlin 2. August 2011 um 08:18

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Bücher entdecken: Wasliestdu, Sobooks und Flipintu im Porträt » Debatte, eBooks » lesen.net 11. Oktober 2013 um 13:13

[…] schon bekannt, Sascha Lobo selbst hat bei der Enhanced-eBook-Ausgabe seines Romans Fragen innerhalb des Textes beantwortet. Sobooks macht daraus aber einen zweifellos spannenden ganzheitlichen Ansatz. Dessen Erfolg […]

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“American Sniper”: Warum ein Enhanced eBook die iBooks-Charts anführte » lesen.net 17. Februar 2015 um 12:40

[…] und Ertrag in keinem wirtschaftlichen Verhältnis. Nicht umsonst zogen hiesige Testballons wie das schon 2010 initiierte Rowohl Digitalbuchplus keine Serienproduktion nach sich. Gerade die Nutzer von Smartphones und Tablets sind sehr […]

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5 historische E-Reading-Irrtümer » lesen.net 5. Mai 2015 um 18:02

[…] Verlage wollten am vermeintlichen Tablet-Boom mitverdienen – mit multimedial oder sozial (Buchfrage) angereicherten eBooks. Den hohen Entwicklungskosten machten sich aber (fast) nie bezahlt, viele Verlage beließen es […]

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Kindle in Motion: "Leichte" Anreicherungen als Option » lesen.net 16. August 2016 um 16:21

[…] als das nächste große Ding. Weil großen Investitionen in aufwändige Multimedia-Projekte wie die Rowohlt-Digitalbuch-Plus-Reihe aber nur marginalen Erlösen gegenüberstanden, sind Enhanced eBooks inzwischen eine […]

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