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Silizium schlägt Papier: Warum eBooks (doch) gut fürs Klima sind

In Sachen Bequemlichkeit und Platzersparnis sind eBooks gedruckten Büchern durchaus überlegen. Aber wie sieht es bei der Umweltfreundlichkeit aus? Wir haben recherchiert, ob die Ökobilanz eines komplexen elektronischen Lesegeräts wirklich besser ist als die eines  Stapels gedruckter Bücher.

Die Fragestellung nach der besseren ökologischen Verträglichkeit ist nicht so einfach, wie sie vielleicht auf den ersten Blick aussieht. So benötigt zum Beispiel das individuelle eBook sicherlich weniger Energie und Material als ein gedrucktes Werk. Andererseits braucht man zum Lesen ein Lesegerät (Tablet, eBook Reader), das viel aufwändiger zu produzieren ist als ein Buch. Außerdem lassen sich klassische Bücher weitergeben, an Dritte verkaufen oder aus Bibliotheken ausleihen. Alles Dinge, die mit einem eBook in dieser Form nicht oder nur schwierig möglich sind. So ist der Energieaufwand zum Ausleihen eines eBooks identisch mit der Energie, die beim Kauf verbraucht wird. Der einzige Unterschied ist der, dass das geliehene eBook nicht unbegrenzt nutzbar ist.

Wenn wir das Szenario vereinfachen, und neuwertig gekaufte Druckausgaben mit legal erworbenen (und daher in der Regel durch DRM eingeschränkten) eBooks vergleichen, lassen sich allerdings durchaus tragfähige Aussagen treffen.

Tablets sind schwer zu fassen

Wird eher selten als reiner eReader genutzt: Das iPad.

Wird eher selten als reiner eBook Reader genutzt: Das iPad.

Im Jahr 2012 verglich Nick Moran  vom US-Online-Magazin “The Millions” die CO2-Bilanz von iPads und gedruckten Büchern. Die iPads kamen dabei nicht wirklich gut weg. Ausgehend von US-Durchschnittswerten in Sachen Lesegeschwindigkeit und Bücheranzahl errechnete er, dass der Durchschnittsamerikaner 5 Jahre lang alle seine Bücher auf dem iPad lesen müsste, um in Sachen CO2 vorne zu liegen. Da iPads aber laut Moran im Schnitt alle 2 Jahre durch neue Modelle ersetzt würden, fiele die Ökobilanz in der Praxis immer negativ aus.

Nun kann man an diesen Zahlen sicherlich Einiges hinterfragen. Zum Beispiel beinhalten die Durchschnittszahlen zum Leseverhalten auch diejenigen Leute, die nie oder sehr selten lesen. Diese Leute kämen aber bestimmt nicht auf die Idee, sich ein dediziertes Lesegerät anzuschaffen. Daher dürfte diejenigen, die ihr iPad tatsächlich regelmäßig zum Lesen nutzen, wahrscheinlich im Schnitt überdurchschnittlich viele Bücher darauf lesen, insbesondere da US-amerikanische eBook-Leser im Schnitt deutlich mehr lesen als diejenigen, die niemals ein elektronisches Lesegerät nutzen.

Noch wichtiger aber: iPads und andere Tablets sind keine reinen Lesegeräte. Fast alle Besitzer dürften viel Nutzungszeit für Spiele, Web oder andere Anwendungen aufwenden. Ein iPad als reiner eBook Reader dürfte die große Ausnahme sein. Daher erscheint es fragwürdig, den gesamten Herstellungsaufwand nur gegen die gelesenen Bücher aufzurechnen.

Silizium schlägt Papier – ab dem 23. eBook

Bei klassischen eBook Readern fällt der Vergleich leichter. Schließlich ist das Lesen von Büchern hier der Hauptzweck, wenn nicht gar die einzige Funktion. Laut einer Studie des Freiburger Öko-Instituts aus dem Jahr 2011 schneiden die Lesegeräte in diesem Vergleich deutlich besser ab als die iPads. Bereits nach 11 oder 24 gelesenen Büchern (je nachdem ob man Frischfaser- oder Recyclingpapier nutzt) dreht sich die Energiebilanz zugunsten des eBook Readers – und das, obwohl der Transportaufwand der Hardware von China nach Deutschland mit eingerechnet wurde. Dieser wirkt sich allerdings dank großer Frachtladungen nur im Promille-Bereich aus. Sobald man mehr als 22 Titel (bzw. 27 auf Recyclingpapier) gelesen hat, liegen das elektronische Lesen auch in Sachen Treibhauseffekt vorne.

Ab dem 23. Buch schont man mit eInk das Klima.

Tolino und Kindle haben gut Lachen: Ab dem 23. Buch schont man mit eInk das Klima.

Beim Ausstoß von Stickoxiden hingegen, die etwa für sauren Regen verantwortlich sind, haben die klassischen Bücher einen riesigen Vorsprung. Erst ab einer Einsparung von 77 Frischfaser oder 259 Recycling-Titeln sind Reader hier umweltschonender. Insgesamt bescheinigt das Institut der Elektronik aber eine überraschend gute Ökobilanz. Übrigens sind in dieser Studie – dank anderer Grundannahmen in Sachen Lesekonsum und Geräte-Lebensdauer – auch LCD-basierte Geräte effizienter als Papierbücher. Allerdings können sie durch den deutlich höheren Stromverbrauch bei der Nutzung naturgemäß nicht mit den eInk-Geräten mithalten.

Lohnt sich die Ersparnis überhaupt?

Die Freiburger Studie berücksichtigt nicht alle Auswirkungen beider Formate. So wird etwa die Energiebilanz für den Buchtransport ignoriert. Diese dürfte dem Druckbuch noch größere Nachteile verschaffen – schließlich muss jedes Buch einzeln per Flugzeug und/oder Auto zu seinem Empfänger gebracht werden. Die New York Times berechnete im Jahr 2010, dass z.B. für 500 Meilen (ca. 800 km) Buchtransport per Luftfracht genauso viel Energie benötigt wird wie für die Herstellung des Titels. Darüber hinaus ist Online-Bestellung von Druckbüchern im Schnitt energetisch effizienter als der Kauf im Laden, denn die Energiebilanz des klassischen Buchhandels wird durch Remittenden und Kunden, die mit dem Auto kommen, kräftig nach unten gezogen. Auch Hintergrundbeleuchtung war zum Zeitpunkt der Studie noch kein Thema – was die Bilanz je nach Tageszeit etwas zugunsten von Buch oder Reader verschieben dürfte. Dabei handelt es sich allerdings nur um minimale Veränderungen.

Man sollte im Übrigen nicht glauben, das die insgesamt vergleichsweise geringen Mengen, die man als Einzelner durch den eBook-Kauf sparen kann, keinen Unterschied machten. Sicher, jeder Urlaubsflug verursacht viel mehr CO2 als alle Papierbücher, die man als Einzelner in einem Jahr kauft, aber in der Summe kann elektronisches Lesen doch erstaunliche Einsparungen bringen. Eine Studie der Cleantech Group aus dem Jahr 2009 geht davon aus, dass durch die Nutzung von eBook Readern jedes Jahr mehrere Millionen Tonnen CO2 eingespart werden. Ein Spaziergang zu Antiquariat oder gar Bibliothek ist energetisch natürlich noch um ein vielfaches günstiger, kann allerdings in Sachen Bequemlichkeit nicht mit dem eBook-Kauf mithalten.

Was sich nicht messen lässt

Das alles sagt allerdings nichts über die sozialen Aspekte aus: Energiewerte berücksichtigen weder die Arbeitsbedingungen beim Abbau Seltener Erden oder in chinesischen Elektronik-Fabriken noch die Auswirkungen auf Einzelhandel und Verlagsbranche. Jedes online gekaufte Buch und jedes herunter geladene eBook ist auch ein Votum gegen klassische Buchläden und für eine stärkere Konzentration des Buchhandels. Ähnlich wie bei der CO2-Ersparnis mag auch hier der einzelne Kauf  vernachlässigbar scheinen, aber in der Summe ergeben sich durchaus merkliche Effekte. Das soll niemanden vom Online-Kauf abhalten, es kann aber nicht schaden, sich zumindest bewusst zu sein, welche Auswirkungen das individuelle Kaufverhalten hat.

Dennoch: Zumindest Vielleser, die gleichzeitig ihren Reader nur selten austauschen, tun der Umwelt unterm Strich einen Gefallen, wenn sie elektronisch Lesen, und profitieren dazu noch von schnellerer Lieferung und der Platzersparnis gegenüber Papierbüchern. Wie wichtig einem diese Aspekte im Vergleich zu den anderen Nebenwirkungen des elektronischen Lesens sind, das ist dann wiederum eine höchst individuelle Entscheidung.

<Bildnachweis: eReader und CO2-Wolke von shutterstock.com>

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Kommentare


Warum eBooks gut fürs Klima sind | OnleiheVerbundHessen 9. Juni 2014 um 17:12

[…] Spart der Leser bei der Nutzung von eBooks mehr Energie als beim Lesen von Printausgaben? Studien zufolge soll unterm Strich das elektronische Lesen umweltfreundlicher sein, als das Lesen von Büchern aus Papier. In welchem Verhältnis steht hier zum Beispiel der technische Fortschritt, durch den eBook-Reader schnell veralten? Und welche Auswirkungen hat dieses neue umweltbewusste Denken auf den klassischen Buchhandel? Lesen Sie mehr dazu hier. […]

Antworten

Kinderbuch wächst zum Baum, wenn man es eingräbt » lesen.net 2. Juni 2015 um 16:18

[…] Print-Bücher oder eBook Reader eine bessere Ökobilanz aufweisen, dazu scheiden sich die Geister (und sie ist abhängig von vielen Einzelfaktoren, insbesondere vom jeweiligen […]

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