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“Sturz der Titanen” App: Enhanced 1.0

follett-text[Eine Rezension von Birte Huizing] Pünktlich zur Buchmesse meldet sich die digitale Avantgarde zu Wort. Bisher beschränkte man sich auf eBooks und deren Reader – es ging um Preise, Rechte und Hardware. Eines blieb aber: Der Inhalt. Bücher waren Bücher, egal ob in „traditioneller“ Papierform oder im hippen digitalen Gewand.

Nun muss man aber nicht den guten alten McLuhan bemühen, um zu wissen: Da geht noch einiges. Einiges heißt hier: Neue Genre. So wie der Buchdruck dem Roman zum Durchbruch verholfen hat, soll es auch hier mächtige Neuerungen am Literaturhimmel geben: ein neues digitale Genre muss her. Und weil die Hyperliteratur bereits ihren Höhepunkt gefeiert hat, wurde das Enhanced eBook geboren. So weit so gut. Bis hierher alles historisch einwandfrei.

follett-text-popupAuch die Presse schwor sich auf den neuen Star am Himmel (und in den Kassen) ein: Vom „Buch der Zukunft“ war da die Rede. Also her mit dem 1444 Seiten starken gerade erschienen Enhanced eBook “Sturz der Titanen” (23 Euro; iTunes-Link) und sehen, was das „multimedial angereicherte Buch“ so alles her gibt.

Bevor man aber ans Werk gehen kann, muss online geshoppt werden. Nicht aber bei libri und Co wird der geneigte Käufer fündig. Nein bei Apple, besser gesagt beim iBook-Store darf man ein Stück der Zukunft käuflich erwerben. Das erfreut bei einem so irrsinnig multimedialem Inhalt natürlich, denn dem iPad sei dank, sind damit dem spieltriebigen Leser alle Möglichkeiten offen: Schnittstellen mit Google Maps, Filmeinspielungen, Musikeinlagen bis hin zu super 3-D- Animationen. Was Zeitschriften (wie Wired) vorgemacht haben, können die Buchmenschen schließlich schon lange.

follett-video-previewUnd tatsächlich: gleich auf der ersten Seite begrüsst einen Ken Follett persönlich via Videobotschaft. Da ist er endlich: Der Autor zum Anfassen. Man ist entzückt und blättert weiter, schließlich ist man ja erst am Anfang. Und wartet das nächste Schmankerl auf: Links, das es nur so kracht. Zu jeder historischen Persönlichkeit (und das sind nicht gerade wenige) erhält man per Stichwortverzeichnis, das natürlich mit Wikipedia verbunden ist, weiter Informationen. Nun, das ist jetzt nicht gerade neu, Stichwortverzeichnisse soll es ja auch schon gegeben haben als Gutenberg noch en Vogue war.

follett-karte-popupAlso weiter, weiter im Text. Doch dann flaut das Leseerlebnis ab (also zumindest das multimediale): Es gibt nur noch Links und zweimal eine farbige Karte, die das veränderte Europa dokumentiert. Keine Schnittstellen zu Google, kein interaktives Täterätä. Und dabei hätte das iPad noch so viel mehr zaubern können.

Etwa bei dem Verweis auf den Ragtime: Wäre da nicht das Anspielen eines Musikstückes beim Umblättern der Seite angemessen gewesen. Hätte man nicht beim Frauenwahlrecht waschechte historische Dokumente zeigen können? Historische Filme von Bergbauarbeiten? Nein, das Buch bleibt hier Buch. Es vergisst fast, dass es ein Enhanced eBook ist.

Iris Radisch ließ sich in der “Zeit” treffend über den Zustand des deutschen Gegenwartsroman aus: Er bewege sich im vertrauten Planquadrat, das „alltägliche Zeichensysteme nie verlässt.“ Und genau dies könnte man den Machern dieses Enhanced eBooks vorwerfen. Sie verharren in dem bekannten Zeichensystem. Sie spielen eben nicht. Sie erfinden kein neues Genre innerhalb eines neuen Mediums. Sie bleiben bei dem Bekannten. Und das ist schade, denn irgendwie ist so ein iPad eben doch ein großes Spielzeug.

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Kommentare


Thomas Knip 5. Oktober 2010 um 14:12

@ Birte: Danke für deinen Bericht, aber ich vermisse eines:

Den Roman.

Was ist denn mit dem? Lohnt der Inhalt denn den ganzen multimedialen Klimbim?

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Bigboo73 5. Oktober 2010 um 19:43

genau, klimbim. Ich kann keinen Nutzen eines Enhanced Ebooks erkennen, außer im E-learning bereich.

Zum beispiel könnte man im Pschyremble gleich zeigen wie man eine Herz-OP durchführt ;) oder am besten gleich mit dem Finger auf dem Ipad selbst rum schnitzen :D

Ein Buch ist deshalb so gut weil man den Lesestoff mit seiner eigenen Vorstellungskraft verbindet, alles was einem weiter vorgesetzt wird schränkt dies nur ein und vermindert das Erlebnis. Meine Meinung!

Das einzige was ich mir als Fantasy Leser wünsche ist das man die Landkarte der Fantasy Welt auf jeder Seite durch einen Link als Overlay aufrufen kann und evtl. das Glossar als stetigen Shortcut, aber ebenfalls als overlay, das ich mit einem Klick zurückkomme.

Wie gesagt Enhanced E-Books im E-learning, Doku, Edutainment Bereich super, her damit…. alles andere ist Klimbim.

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Flobber 6. Oktober 2010 um 17:37

Ich kann mir schon vorstellen, dass man auch Bücher aus der Belletristik aufpeppen kann.

Neulich im Bus fiel mir z.B. auf, dass die Musik, die gerade aus dem MP3-Player kam, wie Faust auf’s Auge zu dem passte, was gerade im Buch geschah. Im nächsten Kapitel passte es dann überhaupt nicht mehr. Wenn aber nun jeder Absatz stimmungsmäßig getaggt wäre, könnte der E-Reader direkt passende Musik auswählen (entweder aus zum Buch mitgelieferten Stücken oder aus der privaten Sammlung). Muss ja auch nicht unbedingt Musik sein, Hintergrundgeräusche wäre auch denkbar.

Eine “Was bisher geschah” Funktion fände ich ganz nett, wenn ich das Buch eine Weile beiseite gelegt hatte. Oder, für den Schnelleinstieg, eine kurze Zusammenfassung der letzten zwei Seiten (ein, zwei Sätze reicht).

Bigboo73 erwähnte schon die jederzeit erreichbare Karte. Dort sollte aber auch gleich der aktuellen Handlungsort markiert sein.

Ähnliches könnte man für handelnde Personen, Orte, etc. machen. Bonus wenn die Infos die aktuellen Seite berücksichtigen (keine Spoiler etc.). Eine Art “dynamisches Glossar”.

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Gucky 6. Oktober 2010 um 18:30

Das waere sicher toll nur dann wuerden die Preise dafuer wahrscheinlich jenseits von gut und boese liegen. Es kaeme mit Sicherheit zu einer Geraeteabhaengigkeit bzw. zu Mindestanfoerderungen. Was das heissen kann weiss jeder der am PC halbwegs ambitionierte Spiele spielt. Die Sprachabhaenigkeit spielt eine groessere Rolle weil Zusatzmaterial ebenfalls uebersetzt werden muesste und bei i-net Angeboten muessten deutsche Inhalte geboten werden. Ausserdem koennte ich mir vorstellen das das Thema DRM einen neuen Stellenwert bekommt.

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Bigboo73 6. Oktober 2010 um 21:11

Sehr gut Flobber, dynamisches Glossar wäre ne spitzen Idee :)

Wenn man zwischen mehreren Fantasyserien hin und her springt ist man immer verwirrt wegen Namen und Orten.

Geräusche sind auch nicht schlecht, da kann man als Verlag aber auch ordentlich ins Klo greifen ;) Zur Not abschaltbar

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Birdonawire 7. Oktober 2010 um 15:43

Für mich – und nach allem was ich höre für die meisten anderen Leser von Belletristik auch – ist ein Buch ein Medium, aus dem ich linear Texte entnehme. Und zwar ohne dass ich abgelenkt werde. Ohne die Möglichkeit, potentiell unendlich ins Internet und darin herum zu hüpfen. Ohne Musik, ohne Videoeinspielung, ohne hüpfende Bilder. Denn der Film soll in meinem Kopf abgehen, sonst nirgends. Konzentration, durch die ich in eine andere Welt entfliehen kann. Alles andere ist Mumpitz, der nur stört und vom Wesentlichen ablenkt. Meine Wahl war denn auch der Sony PRS-300. Einfach, klein, nichts was ablenkt oder nervt.
Bei Sachbüchern mag Multimedia ja grundsätzlich sinnvoll sein (können). Aber mal ehrlich: Wieviele wirklich gute Multimedia-Werke kennt Ihr, die Ihr auch wirklich lange genutzt habt und mit denen Ihr wirklich viel gelernt habt ? Na ? Eben !

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