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Warum eBooks die Meinungsvielfalt bedrohen sollen (und warum Agitatoren gefährlich sind)

eBooks sind inzwischen auch in Deutschland bei einem signifikanten Marktanteil angekommen, digitales Lesen ist für viele Buchliebhaber längst eine Selbstverständlichkeit. Doch Skepsis und Kritik ebben nicht ab – besonders fundamental kommt sie jetzt einmal mehr aus der wissenschaftlichen Ecke.

Der Heidelberger Literaturprofessor Roland Reuß hat sich in den letzten Jahren einen Namen gemacht als prominenter Kritiker der Digitalisierung im Allgemeinen und großer Web-Konzerne wie Google und Amazon im Besonderen (Heidelberger Appell). Ein am gestrigen Sonntag von der Deutschen Welle publiziertes Interview mit dem Wissenschaftler macht deutlich, dass sich Reuß‘ Positionen infolge des zunehmenden E-Reading-Siegeszuges eher noch radikalisiert haben.

Digitalisierungsbemühungen „ein opportunistischer Akt“

So sind für Reuß die Digital-Verlage von Hanser und von Suhrkamp „ein opportunistischer Akt und nichts Zukunftsweisendes“. Die (zweifelsohne verbesserungsbedürftige) Gestaltung und Typografie von eBooks ist für den Professor Grund bereits genug, das Format ansich abzulehnen sowie alle, die sich an dessen Fortentwicklung beteiligen.

Der Literaturprofessor hält eBooks aber nicht nur für hässlich, sondern sogar für gefährlich. Es sei „extrem leicht, aus dem Netz Informationen und Textzusammenhänge rauszufiltern. Da die demokratische Öffentlichkeit gar keine Möglichkeiten hat regelnd einzugreifen, wird Zensur und Lenkung von Interessen, die dann sehr klar das Lesegeschehen dominieren, möglich. (…)“ Inhalte eines Printbuches, das in alle Ecken der Welt geschickt werde, seien hingegen gefeit vor staatlicher Zensur.

Reuß führt aus, er habe auch schon persönliche Erfahrungen mit der Beschneidung von Meinungsfreiheit gemacht. „Als wir 2012 ein strafrechtliches Verfahren gegen Amazon eingeleitet haben, hat Amazon meinen Namen aus einer Datenbank für zwei Wochen rausgenommen, so dass sie Bücher von mir auch nicht mehr kaufen konnten“ (diese Behauptung lesen wir zum ersten mal und sie sollte besser der Wahrheit entsprechen, sonst wird es teuer für den Professor). Unter dem Strich sei eine völlige Digitalisierung eine Gefahr für die Meinungsfreiheit, denn: „Wenn die Sachen nur noch digital vorliegen, dann heißt das doch, dass ich nur noch einen einzigen Befehl brauche, wenn es eine bestimmte Information nicht mehr geben soll.“

Spiel mit der Angst

Reuß betreibt hier eine gezielte Diskreditierung des eBooks und aller, die an seiner Fortentwicklung beteiligt sind, indem er reale Gefahren mit einer völlig übertriebenen Drohkulisse vermischt. Jedem technisch halbwegs versierten Menschen wird klar sein, dass ein heruntergeladenes eBook eben nicht mit „einem einzigen Befehl“ weltweit gelöscht werden kann. Dass digital übermittelte Informationen vielmehr ein großes Potenzial für die Verbreitung unterdrückter Meinungen haben, insbesondere in von großer staatlicher Kontrolle geprägten Gesellschaften, wurde spätestens im Zuge der arabischen Revolutionen offensichtlich.

Ohne Frage liegt in Sachen Datenschutz und „Kontrolle der Nutzer über seine Inhalte“ bei eBooks vieles im Argen, das wurde gerade wieder durch die Sicherheitslücke von Adobe Digital Editions illustriert. Wie jüngst analysiert gibt es gerade in Deutschland aber eine weltweit einmalige und in ihrer Dimension letztlich irrationale Angst vor diffusen Datenkraken und Zensoren, die von Agitatoren wie Reuß befeuert wird und die letztlich auch fatale Konsequenzen hat. Statt aufgeklärter Verbraucher führt sie zu völlig verängstigten und verschlossenen Bürgern, die sich gegen alles stemmen, was neu ist.

<Bildnachweis: Affen von Shutterstock>

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