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Weltbild-Pleite: Wissenswertes für Digital-Leser

Die Insolvenz der Verlagsgruppe Weltbild tangiert nicht nur die über 6.000 Mitarbeiter (inklusive DBH) und ihre Familien, nahezu die ganze Buchbranche ist betroffen. Auch für Digital-Kunden des Unternehmens stellen sich Fragen. Wir versuchen, die wichtigsten zu beantworten.

Was genau ist passiert?

Laut Pressemitteilung hat die Verlagsgruppe Weltbild in der zweiten Jahreshälfte 2013 einen deutlich niedrigeren Umsatz erzielt als angenommen, woraus sich ein erhöhter Finanzierungsbedarf ergab. Statt den von den kirchlichen Gesellschaftern bereits abgenickten rund 60 Millionen Euro wurden plötzlich 134 Millionen Euro gebraucht. Gespräche über die Bereitstellung dieser Mittel scheiterten in der Nacht von Donnerstag auf Freitag – um sich nicht der Insolvenzverschleppung schuldig zu machen, war der Insolvenzantrag angesichts der Finanzierungslücke die unausweichliche Folge.

Was ist mit den Filialen?

Weltbild-Filiale

Weltbild-Filiale

In Medienberichten liest man immer wieder (und auch Weltbild betont das in seiner Pressemitteilung), das Filialnetz sei nicht betroffen. Tatsächlich handelt es sich bei der Verlagsgruppe Weltbild und bei der Finanzholding DBH, die die Filialen von Weltbild und Hugendubel betreibt, um zwei verschiedene rechtliche Konstruktionen. Die Verlagsgruppe Weltbild hält 50 Prozent der Anteile an DBH, die anderen 50 Prozent gehören der Familie Hugendubel.

Das Filialnetz ist also nicht unmittelbar von der Pleite betroffen, die Auswirkungen werden aber doch gravierend sein. So heißt es, über die Filialen sei nur der Vertrieb organisiert, während Einkauf, IT, Marketing und so weiter über die insolvente Verlagsgruppe Weltbild abgewickelt wurden. Wenn die Filialen also in Bälde ohne Ware dastehen oder selbige nicht mehr bezahlen können, wird auch die Stunde der DBH schlagen.

Was ist mit Hugendubel und buecher.de (und mit Pubbles)?

Hugendubel und Weltbild sind umfangreich miteinander verwoben, aber zwei eigenständige Unternehmen. Entsprechend beeilten sich die Geschwister und Unternehmensführer Nina und Maximilian Hugendubel nach dem Insolvenzantrag klarzustellen, die Weltbild-Pleite habe auf den eigenen Geschäftsbetrieb “keine unmittelbaren Auswirkungen”. Man sei von der Nachricht zwar überrascht gewesen, aber nicht unvorbereitet. Das Weihnachtsgeschäft habe über Plan gelegen, nun blicke man optimistisch in die Zukunft. Ohne einen Blick in die Geschäftszahlen ist es schwer zu beurteilen, ob Hugendubel auf Dauer alleine überlebensfähig ist. Eine Pleite in den nächsten Tagen ist aber hier eher nicht zu befürchten.

Der Online-Händler buecher.de gehört zu einem Drittel der insolventen Verlagsgruppe Weltbild, die restlichen Anteile liegen in den Händen vom Axel Springer Verlag und von Holtzbrinck (ebenfalls je 33 Prozent). Weltbild wollte eigentlich die 33 Prozent von Holtzbrinck übernehmen und Mehrheitsgesellschafter werden – sollte nicht noch ein weißer Ritter um die Ecke kommen, ist dieser Plan mit der Insolvenz natürlich vom Tisch. Der buecher.de-Anteil von Weltbild dürfte aber zu den am leichtesten vermittelbaren Teilen der Insolvenzmasse gehören, der Online-Händler ist stramm auf Wachstumskurs. Ein möglicher Interessent könnte der aktuelle Minderheitsgesellschafter Axel Springer sein, der ohnehin massiv in Internetunternehmen investier und gerade ihren Bild eBook Store powered by Weltbild an den Start brachte. bucher.de-Kunden können recht unbesorgt sein.

Ein bei Endkunden in Vergessenheit geratener Dienst, der für die Tolino-Plattform aber umso wichtiger ist, ist Pubbles.  Der einstige eBook Store fungierte bislang als zentraler Distributor, über den Inhalte in die Stores der Tolino-Allianz kamen. DBH, also Weltbild und Hugendubel, halten 50 Prozent am Unternehmen, der Rest gehört Bertelsmann. Wenn Bertelsmann nicht willens ist, den Distributor alleine weiterzuführen, oder ein anderer Tolino-Partner einspringt, wird es einen alternativen “Gateway to Tolino” für Digital-Inhalte brauchen.

Was wird aus meinen bei Weltbild.de gekauften eBooks?

Ein erster Impuls beim Erfahren der Insolvenznachricht wird für viele eBook-Kunden gewesen sein, sich in seinen Weltbild.de-Account einzuloggen und die bestehende eBook-Bibliothek herunterzuladen. Generell sind regelmäßige lokale Backups der eigenen Daten sinnvoll, übermäßiger Aktionismus aufgrund der Insolvenz ist aber eher nicht angezeigt. Es erscheint doch sehr unwahrscheinlich, dass die Weltbild.de-Server von heute auf morgen abgeschaltet oder die eBooks aus der Tolino-Cloud abgekoppelt werden. Schon betriebswirtschaftlich wäre das dumm, würde man hier doch Werte vernichten, die sowohl bei einer Komplettübernahme als auch bei einer Zerschlagung zu Geld gemacht werden könnten. In den nächsten drei Monaten wird wohl ohnehin nichts passieren, in diesem Zeitraum übernimmt die Arbeitsagentur das Gehalt sämtlicher Mitarbeiter (Insolvenzgeld) und der Geschäftsbetrieb wird idealerweise normal fortgeführt.

Was wird aus meinem bei Weltbild.de gekauften Tolino Shine?

Bei Weltbild gekaufte Tolino Shine verbinden sich zum eBook-Kauf mit dem Online-Store von Weltbild.de, diese Einstellung ist auch nicht veränderbar – noch. Wenn es für den Online Store nicht weitergeht, ist eine Öffnung oder eine Umwandlung des verbundenen Stores wahrscheinlich. Bis dahin lassen sich, hat man beim eBook-Kauf bei Weltbild.de ein schlechtes Gefühl, eBooks einfach über den PC anderswo kaufen und per USB-Kabel überspielen. Auch Einkaufen in Stores anderer Anbieter über den Tolino-Webbrowser ist möglich (wenngleich nicht sonderlich komfortabel).

Was wird aus der Tolino-Allianz?

Bild aus besseren Zeiten: Präsentation des Tolino Shine am 01.03. in Berlin (2. v.r. Weltbild-Chef Halff, daneben Nina Hugendubel).

Bild aus besseren Zeiten: Präsentation des Tolino Shine am 01.03. in Berlin (2. v.r. Weltbild-Chef Halff, mittig Nina Hugendubel).

Erst vor einer Woche, in unseren E-Reading-Vorhersagen für 2014, malten wir den Teufel an die Wand: Wenn einer der großen Tolino-Partner stürzt, bringt das die gesamte Tolino-Allianz in Schieflage. Vertriebsseitig besteht die Tolino-Allianz aktuell im Wesentlichen aus Weltbild, Hugendubel und Thalia – Bertelsmann und die Telekom sind vor allem im Hintergrund tätig (Distribution beziehungsweise Technik/Cloud). Ohne Weltbild und vielleicht mittelfristig auch ohne Hugendubel wäre die Allianz Geschichte, Thalia wieder im Wesentlichen auf sich alleine gestellt. Vorstellbar wäre, dass die Durchlässigkeit für neue Partner infolge der Weltbild-Insolvenz deutlich erhöht wird – der unabhängige Buchhandel blitzte im Herbst noch ab, dies könnte nun doch nicht das letzte Wort gewesen sein. Auch regionale Filialisten wie Osiander und Mayersche wären mögliche Partner, um das Tolino-Projekt auf mehr und entsprechend solidere Beine zu stellen.

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Kommentare


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