Skip to main content

Wie manipulierbar ist der Kindle Store? [Update]

Aufregung um einen Bestseller: Bei der aktuellen Nummer 5 der Kindle Charts verschwanden über Nacht mehr als 30 begeisterte 5-Sterne-Bewertungen, etliche Rezensenten werfen dem Autor Betrug vor. Der Fall wirft ein Schlaglicht auf das hochlukrative Thema “Kindle-Store-Optimierung”, wo mit harten und nicht immer leserfreundlichen Bandagen um Sichtbarkeit gekämpft wird.

Seit dem Jahr 2011 veröffentlicht Peter Rensch, laut eigener Autoren-Vita “seit 28 Jahren Journalist, Chefredakteur, Polizeireporter, Korrespondent und Reporter für unterschiedliche Medien”, im Kindle Store Psycho-Thriller. Schon seine letzten Romane waren durchaus erfolgreich, insbesondere der im Mai erschienene Es riecht so gut ihr frisches Blut.

Der Mitte August veröffentlichte Keiner hört wie er sie zerstört scheint an diesen Verkaufserfolg anzuknüpfen. Seit einigen Tagen pendelt der Roman um Platz 5 der Kindle Charts, aktuell steht er genau da. Das bedeutet tägliche Verkäufe mindestens im mittleren bis hohen dreistelligen Bereich.

30 gelöschte Top-Rezensionen über Nacht

Viele Lesefreunde bekamen das E-Book in den letzten Tagen dank seiner Popularität vom Amazon-Algorithmus empfohlen. Bei der Kaufentscheidung werden dann auch die bisherigen Rezensionen eine Rolle gespielt haben, denn das Bewertungsprofil war lange tadellos: Am 06. September, also drei Wochen nach Erscheinen, gab es insgesamt 55 Bewertungen, davon 53 mit fünf Sternen und 2 mit vier Sternen.

Auffällig allerdings: Kaum eine dieser Rezensionen hatte mehr als drei Zeilen Text. Und: Viele Rezensenten bewerten sonst nur oder hauptsächlich Bücher exakt dieses Autors (hier ein extremes Beispiel.

Am gestrigen 10. September gab es dann schon 81 Bewertungen: 72 mit 5 Sternen, 4 mit 4 Sternen – und 5, die jeweils nur einen Stern geben. Einheitlicher Tenor: Das Buch sei in Kindssprache formuliert und voller inhaltlicher und orthographischer Fehler (“Selten so einen Müll gelesen“, “Einfach nur Dreck“), die Bewertungen ganz offensichtlich manipuliert.

Bewertungsprofil am 10.09.

Bewertungsprofil am 10.09.

Bewertungsprofil am 11.09.

Bewertungsprofil am 11.09.

Wir baten den Autor am gestrigen Mittwoch um eine Stellungnahme zu diesen Vorwürfen. Die kam bislang nicht – dafür verschwanden über Nacht auf wundersame Weise über 30 Bewertungen, ausnahmslos solche mit 5 oder 4 Sternen. Das wirkt sich auch auf die Darstellung auf der Artikelseite aus: Die fünf hilfreichsten Bewertungen (und damit die, die im Volltext auf der Produktseite angezeigt werden) sind nun allesamt 1-Sterne-Rezensionen. Trotzdem steht das Kindle Book aktuell immer noch auf Platz 5 der Charts und generiert erhebliche Umsätze.

Unabhängig vom aktuellen Fall, wo ohne Überprüfung durch Amazon rein faktisch Aussage gegen Aussage steht: Seit es den Kindle Store gibt, optimieren Autoren, Verlage und Dienstleister die Sichtbarkeit ihrer Titel, mit erlaubten wie unerlaubten Mitteln. Das ist auch schon lange bekannt: 2011 wurde sogar im Kindle Store ein Bericht darüber publiziert (und von Amazon gelöscht), wie viel im Kindle Store manipuliert werde und wie einfach das sei.

Gekaufte Rezensionen und Keyword Stuffing Usus

Im vergangenen Monat berichteten wir über das Geschäft mit Bewertungen, bei dem Amazon sogar direkt mitverdient. Eine weitere Praxis, die vor allem in den USA sehr beliebt ist, ist Keyword Stuffing, also die Platzierung möglichst vieler suchrelevanter Schlüsselbegriffe in Überschrift und (Meta-)Text (siehe auch unser Artikel aus 2013). Ein Beispiel dafür ist die aktuelle Nummer 14 der Amazon.com-Charts.

Es ist ein schmaler Grat: Amazon ist im E-Reading-Bereich das Maß aller Umsatzdinge, und eine ansprechende Präsentation hat idealerweise nicht nur Vorteile bei der Auffindbarkeit, sondern auch für den Leser. Aber solange der Amazon-Algorithmus fünfzeilige Überschriften voller Schlüsselbegriffe (siehe oben) besonders gut bewertet und betrügerische Rezensionen alltäglich sind, stoßen ehrliche Autoren und Verlage schnell an ihre Grenzen – vor allem, wenn sie sich nicht tiefergehend mit der Kindle-Store-SEO beschäftigen (wollen). Amazon ist hier defintiv noch nicht so weit wie Google, das in den letzten Jahren sehr gut in der Beurteilung wertiger Inhalte auch abseits von Keyworddichte & Co. geworden ist.

[Update 12.09.: Inzwischen ist das Kindle Book aus dem Store entfernt (worden). Nur noch die Artikelseite des Taschenbuches ist abrufbar, diese Ausgabe wird von Amazon allerdings aktuell auch nicht ausgeliefert.]

<Bildnachweis: Daumen von Shutterstock>

Ähnliche Beiträge


Kommentare


Die Selfpublisher-Charts vom 14. September: Die Woche der Sachbücher | Die Self-Publisher-Bibel 15. September 2014 um 11:33

[…] hat sich während der Woche hinter den Kulissen einiges getan: Ein umstrittener Krimi ist ganz aus dem Angebot genommen worden (keiner weiß so recht, von wem) und drei Erotik-Titel hat […]

Antworten

Du hast eine Frage oder eine Meinung zum Artikel? Teile sie mit uns!

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*
*