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Woran du Fake-Rezensionen erkennst (und woran nicht)

Rezensionen stellen für viele Lesefreunde ein wichtiges Entscheidungskriterium beim eBook-Kauf dar. Das wissen auch Verlage und Indie-Autoren und helfen der Sterne-Bewertung schon einmal auf die Sprünge, mit allen Mitteln. Immerhin: Für das geübte Auge sind authentische und Gefälligkeitsrezensionen recht zuverlässig zu unterscheiden.

Über das Geschäft mit gekauften Rezensionen, an dem auch Amazon über sein Vine-Programm kräftig mitverdient, berichteten auf lesen.net schon mehrfach. Denn nahezu jeder Leser wirft vor der Anschaffung eines eBooks zumindest einen flüchtigen Blick auf Sterne-Schnitt und hilfreichste Besprechungen, im Vertrauen auf authentische Meinungen zum Titel.

Das US-Startup Fakespot verspricht die Erkennung von gefälschten Bewertungen per Mausklick. Nach Eingabe der Amazon-Artikel-URL (funktioniert noch nicht bei Amazon.de) gibt der Dienst einen simplen Prozentwert aus – je größer die Zahl, desto “verdächtiger” das Bewertungsprofil. Im Buchbereich soll der Algorithmus, dessen Variablen Fakespot geheim hält, allerdings noch extrem unzuverlässig sein.

Unscharfe Definition

Das Problem beginnt schon bei der Definition: Was ist eigentlich eine “Fake-Bewertung”? Zweifellos Angebote nach dem Muster “Bezahle 5 US-Dollar für eine 5-Sterne-Rezension”, gegen die Amazon.com gerichtlich vorgeht. Aber schon bei von Verlagen oder Autoren organisierten Leserunden, wo Lesern ein Freiexemplar unter der expliziten Maßgabe einer Rezension bereitgestellt wird, verschwimmt die Grenze.

Zwar sind Leserunden-Teilnehmer in der Regel frei in ihrer Bewertung, was auch eine Maßgabe von Amazon für solche Aktionen ist. Allerdings gibt es mit Sicherheit zum einen eine empfundene Verbundenheit zum “Schenkenden”, den man nicht vor den Kopf stoßen will. Zum anderen dürften Buchblogger wie Social-Reading-Community-Mitglieder wohl zurecht davon ausgehen, dass sie von einem Verlag, dessen Bücher sie regelmäßig schlecht bewerten, wohl nicht mehr lange mit Gratis-Exemplaren bedacht werden. Und tatsächlich sind selbst mittelmäßige Bewertungen von Vine-Rezensenten – das Rezensionen-Generierungs-Programm von Amazon selbst – eine extrem seltene Spezies, sogar bei insgesamt mäßig bewerteten Titeln.

Tipps zur Erkennung von gekauften Rezensionen

1. Hinweis in der Rezension. Vine-Rezensionen sind klar gekennzeichnet (wenngleich die meisten Kindle-Leser nicht wissen dürften, was der “Vine”-Schriftzug tatsächlich bedeutet). Wer im Rahmen einer Leserunde rezensiert oder Frei-Exemplare kostenlos von Autor oder Verlag erhalten hat, vermerkt das fairerweise häufig im eigenen Text. Die Art der Bereitstellung macht eine Besprechung nicht wertlos – inhaltliche Beschreibungen über den Covertext hinaus und persönliche Eindrücke sind immer hilfreich -, ist aber eine wichtige Info für den Hinterkopf.

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2. Der Rezensent hat keine anderen Artikel rezensiert. Der Klassiker. Natürlich ist für jeden Rezensenten einmal das erste Mal. Wenn die erste Rezension allerdings gleich eine überschwängliche Besprechnung eines eher unbekannten (Indie-)Titel ist, vielleicht sogar schon einige Zeit alt ist und seither keine weitere Besprechung hinzu kam, kann man sich seinen Teil denken. Erst recht wenn sich gleich mehrere solcher Exemplare in der gleichen Rezensionensparte tummeln.

3. Der Rezensent hat keine anderen Autoren rezensiert. Kommt gar nicht einmal selten vor: Rezensenten, die ausschließlich Titel eines Autoren besprechen. Im besten Fall handelt es sich um einen sehr guten Bekannten des Autoren.

4. Überschwängliches Lob für den Autor. “Vorliegendes Buch ist ein gutes Beispiel dafür, dass das Medium eBook eine tolle Plattform für begabte Nachwuchsautoren ist (…) Eindrucksvoll und stark im Ausdruck beschreibt die Autorin die Gefühlswelt der Beteiligten. Lesenswert!” Bei solchem überschwänglichen persönlichen Lob sollten alle Alarmglocken schrillen, vor allem in Kombination mit anderen genannten Punkten. Hier ein extremes Beispiel.

Die Sache mit Verifizierung und Textlänge

Vermerk “Verifizierter Kauf”. Mit einem orangenen Schriftzug weist Amazon darauf hin, wenn der Verfasser der Rezension das besprochene Produkt – mit gleichem Account – beim Online-Händler geladen hat. Nach unserer Erfahrung ist das allerdings eher ein schwacher Indikator für die Echtheit einer Rezension: Gerade Verlagstitel werden häufig von Lesern rezensiert, die das Buch von Freunden geschenkt bekamen und entsprechend ohne Verifizierungsvermerk unterwegs sind. Umgekehrt ist es kein großer Aufwand und im Vergleich zum Nutzen kein wirklicher Kostenfaktor, vor einer Gefällligkeitsrezension noch flink den Kaufen-Button zu betätigen.

Die Textlänge. Mit großer Wahrscheinlichkeit spielt die Textlänge im Algorithmus von Fakespot zur Erkennung von Fake-Rezensionen eine wesentliche Rolle: Je kürzer der Text, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass die Besprechung nicht “echt” ist. Das mag in vielen Bereichen zutreffen, bei Büchern allerdings eher nicht. Im Gegenteil haben wir gerade bei Indie-Titeln den Eindruck, dass tendenziell besonders ausführliche Rezensionen eher aus Gefälligkeit beziehungsweise aus dem Autoren-Umfeld geschrieben wurden, während Winz-Texte hart am Amazon-Zeichenlimit vielleicht nicht hilfreich, dafür aber echt sind.

Mäßig hilfreich, aber sehr wahrscheinlich authentisch

Mäßig hilfreich, aber sehr wahrscheinlich authentisch

Grundsätzlich sollte man sich nicht vollens auf die Ausgewogenheit von Rezensionen verlassen. Immerhin bieten Bücher wie kaum ein anderes Produkt im Internet die Möglichkeit, sich mittels Leseprobe selbst einen Eindruck von der Güte zu verschaffen.

<Bildnachweis: Daumen von Shutterstock>

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