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Amazon: Kindle noch in der Spur

Drei Monate nach der erfolgreichen Markteinführung vom iPad, das sich inzwischen über drei Millionen mal verkaufte und über dessen iBookstore sich Apple innerhalb kürzester Zeit 20% Marktanteil am amerikanischen eBook Markt sicherte, gibt es nun ein deutliches Lebenszeichen aus Seattle. Amazon-Chef Jeff Bezos zufolge verkauft der Händler inzwischen deutlich mehr digitale als gebundene Bücher; auch der Kindle soll begehrt wie nie sein.

143 Kindle Books hat Amazon.com demnach im 2. Quartal (Apr-Jun) pro 100 Hardcover-Titeln verkauft; im Juni sollen es sogar 180 eBooks/100 Hardcover gewesen sein, also 80% mehr. Die letzten validen Zahlen von Amazon zum Thema stammen vom November 2009, damals sollen nur 48 Kindle Books auf 100 gedruckte Bücher gekommen sein. Weil damals Paperback + Hardcover zusammen ausgewiesen wurden und Amazon.com traditionell mit absoluten Zahlen geizt, sind die beiden Werte allerdings kaum vergleichbar.

amazon_kindle_2_05.jpgDas gilt auch für in der gleichen Pressemitteilung gemachte Angaben zum fortwährenden Verkaufserfolg der Kindle-Lesegeräte. In Q2 konnte der Absatz sowohl auf Quartals- als auf Jahresbasis deutlich gesteigert werden, so Amazon; zumindest letzteres ist unter anderem angesichts des deutlichen Preisverfalls (vor einem Jahr kostete der Kindle noch 359 US-Dollar) keine wirkliche Überraschung. Mitte Juni wurde der Kindle-Abverkauf zudem von einer 30%igen Preissenkung beflügelt, in deren Zuge sich die Absatzzahlen kurzzeitig verdreifacht haben sollen.

Dass ist beachtlich, wurde doch Hauptkonkurrent Nook gleichzeitig auf ein ähnliches Niveau verbilligt und um eine nur 150 US-Dollar teure WLAN-Edition ergänzt. Bezos scheint mit seiner Aussage recht zu haben, durch die Unterbietung der 200-Dollar-Marke sei der Kindle für neue Nutzergruppen interessant geworden, die vielleicht schon nicht mehr als „Serious Reader“ tituliert werden können.

kindle-2.jpgEin paar absolute Zahlen legte Amazon dann doch noch vor, allerdings nur in Form von Spotlights. So haben bereitsfünf Autoren (Charlaine Harris, Stieg Larsson, Stephenie Meyer, James Patterson und Nora Roberts) je mehr als 500.000 digitale Bücher über den Kindle Store verkauft. Insgesamt sind im amerikanischen Kindle Store 650.000 eBooks erhältlich, wovon (nur noch) 510.000 Titel unter der psychologisch wichtigen 10-Dollar-Schwelle liegen bzw. komplett kostenlos sind. In Europa sind gegenwärtig 420.000 Kindle Books verfügbar – nahezu alle englischsprachig.

Anschließend verweist Amazon auf „1,8 Millionen gemeinfreie eBooks, die ebenfalls auf dem Kindle lesbar sind“ – ein stilistischer Fallstrick, über den etliche renommierte Medien gestolpert sind und dieses Angebot fälschlicher Weise ebenfalls im Kindle Store verorteten (Golem, Spiegel Online, Zeit Online, Süddeutsche u.v.a.). Tatsächlich sind insgesamt – also kostenlos und kostenpflichtig – „nur“ 650.000 eBooks im Kindle Store verfügbar; anders als Barnes & Noble, wo die 1,8 Millionen Google Books wireless auf den Nook kommen, syndiziert Amazon diese Daten nicht direkt. Möchte man ein gemeinfreie eBooks aus dem Fundus vom Suchmaschinenspezialisten auf den Kindle bekommen, steht vor dem Lesespaß ein Download- und Übertragungsprozess über den PC.

ipad_7Unter dem Strich kann Amazon mit seiner Mitteilung in jedem Fall Zweifel zerstreuen, die Kindle-Plattform befinde sich auf dem Weg in die Bedeutungslosigkeit. In Anbetracht der breiten Hardware-Basis ((PC, Mac, iPhone, iPad, Blackberry,  Android) sowie dem immer noch konkurrenzlos umfassenden komerziellen Sortiment kann sich Apple auch im „iPad-Zeitalter“ behaupten, zumal Amazon am Erfolg des Apple Tablet durchaus mitverdient.

Nachdem jüngst bereits der Kindle DX einen neuen Anstrich bekam, dürfte ein zeitnah erwartetes Modollupdate vom Kindle 2 (Kindle Slim?) für eine weitere Verbreitung der Hardwarebasis sorgen. Um auch in Deutschland Fuß zu fassen, muss sich Amazon allerdings erst noch mit der hiesigen Verlagslandschaft einig werden; ohne aktuelle deutschsprachige Inhalte wird der Kindle 2 hierzulande ein Nischenprodukt für anglophile Lesefreunde bleiben.

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Kommentare


netseeker 20. Juli 2010 um 20:50

Na, der 149$ teure/günstige nook WiFi ist aber nun doch wirklich kein „no-frills-Ableger“. Einziger Unterschied zum nook 3G: WiFi statt 3G. Ansonsten ist das Gerät identisch. Gibt es eigentlich schon neue Zahlen von B&N? Die hatten Amazon bei den Geräteverkäufen ja zwischenzeitlich mal überholt…

Antworten

Johannes 20. Juli 2010 um 20:57

Stimmt, is‘ missverständlich, hab‘ ich mal umgedichtet, danke. Zahlen von B&N kenn ich nich, müssten aber dann erst recht beeindruckend sein wenn die Marktforscher mit ihrer Einschätzung richtig liegen (mehr verkaufte Nooks als Kindles im Frühling).

Mich würd‘ insbesondere mal das Verhältnis WLAN:3G interessieren…ruf‘ die Tage mal in der B&N Pressestelle an, mehr als abwimmeln können die mich nicht :)

Ciao
Johannes

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Badische Zeitung: eBook-Leser kulturlos, primitiv » Debatte » lesen.net 22. Juli 2010 um 14:19

[…] Augen des Literaturgenusses überhaupt nicht würdig zu sein. Ihr gestern publizierter Kommentar zur Mitteilung Amazons, der Buchhändler verkaufe inzwischen mehr eBooks als gebundene Bücher, strotzt nur so vor […]

Antworten

Zel 26. Juli 2010 um 22:57

seit heute ist der Kindle 2 nicht mehr lieferbar… es könnte also in den nächsten Tagen/ Wochen spannend werden ;)

Antworten

Amazon profitiert vom iPad, proklamiert Dominanz » eBooks » lesen.net 4. August 2010 um 22:32

[…] scheint sich in Seattle allerdings ein Wandel zu vollziehen: Wenige Tage nach der Bekanntgabe relativer Wachstumszahlen bei eBook- und Kindle-Verkauf geht das Unternehmen in Person von Kindle-VP Ian Freed in die […]

Antworten

Hannelore Grass 27. September 2010 um 12:10

Ich moechte einen Kindle in Italien benutzen, um deutsche Buecher zu lesen. Geht das ueberhaupt?

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