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Big Data: Verlage auf der Suche nach dem Kundenwunsch

eBooks und Internet-Vertrieb geben Verlagen völlig neue Möglichkeiten an die Hand, um den Erfolg von Büchern und Marketingmaßnahmen inzuschätzen. Wir haben uns angesehen, was heute möglich ist und was die Zukunft bringen könnte.

Das Zauberwort für die neuen Werkzeuge heißt „Big Data“. Die Anbieter werten permanent Einträge auf öffentlichen Plattformen aus – etwa Blogartikel, Tweets oder Facebook-Likes – und visualisieren sie für ihre Kunden. Der inzwischen eingestellte Dienst der US-Firma Bookseer etwa zeigte direkt an, wie sich Medienberichte oder Tweets von Prominenten auf den Verkaufsrang eines Buches auswirkten. Konkurrent Cover Cake hingegen konzentriert sich auf Daten über die Kunden. Wer spricht über das Buch und wo? Sind die Leser zufrieden? Welche Vorlieben haben sie?

Bookseer zeigte, welchen Effekt Medienmeldungen auf Online-Verkäufe hatten.

Bookseer zeigte, welchen Effekt Medienmeldungen auf Online-Verkäufe hatten.

Ein weiteres Startup namens Hiptype entwickelte eine Technik, um zu analysieren, was nach dem Verkauf passierte. Verleger konnten einen Schnipsel Javascript in ihre eBook-Dateien einfügen, der  in regelmäßigen Abständen anonymisierte Informationen zum Leseverhalten an Hiptypes Server schickte. Auf diese Weise konnte die Firma umfangreiche Statistiken über die Nutzung der Bücher erstellen: Wie schnell wurde gelesen, welche Passagen wurden übersprungen? Wurden Bücher zu Ende gelesen oder beiseite gelegt? So könnte nicht nur Werbung koordiniert werden, es ließen sich sogar Entscheidungen darüber treffen, was für Inhalte in Büchern erfolgversprechend sind, und was man lieber nicht publizieren sollte.

Die zur Spiegel-Gruppe gehörige Firma Publishing Data Networks schließlich setzt mit „monitor“ auf ein System, das alle beschriebenen  Ansätze kombinieren soll. Neben Verkaufsrang und Internet-Reaktionen sollen auch Ausleihzahlen in elektronischen Bibliotheken in die Berechnungen einfließen und, so es technisch möglich ist, wie bei Hiptype auch die Nutzung bereits gekaufter oder heruntergeladener eBooks. Aus alldem soll dann ein sogenannter „Trade Impact Factor“ berechnet werden, mit dem sich auf einen Blick feststellen lässt, ob eine Werbeaktion erfolgreich war oder nicht.

Entwicklung steht erst am Anfang

Den drei US-Firmen war kein großer Erfolg beschieden. Bookseer schaffte es nicht, genügend Kunden zu bekommen, um einen wirtschaftlichen Betrieb zu ermöglichen. Cover Cake existiert zwar noch, hat den Fokus aber weg von Büchern und hin zur  allgemeinen Marken- und Produktbeobachtung verschoben. Hiptype schließlich musste schon nach wenigen Monaten den Betrieb einstellen, nachdem ein Update von Apples iBooks-Software ihre Messmethode aushebelte und weitere Verhandlungen mit Apple und anderen Plattformbetreibern ergebnislos blieben.  Publishing Data Networks ist derzeit aktiv, dürfte jedoch noch längst nicht alle angedachten Features liefern können. Einige davon funktionieren nur mit epub 3 oder ähnlich interaktiven Systemen, und diese haben bisher noch einen relativ geringen Marktanteil

Die aussichtsreichsten Firmen spielen noch gar nicht mit

Wird Literatur besser, wenn man versucht, Bestseller-Konzepte zu kopieren?

Wird Literatur besser, wenn man versucht, Bestseller-Konzepte zu kopieren?(aus einer Infografik von Hiptype)

Sobald aber die Technik weit genug verbreitet ist, dürften mindestens zwei weitere gewichtige Player in das Geschäft einsteigen: Amazon und Google. Amazon hat Zugriff auf Verkaufszahlen und Bewertungen der eigenen Stores sowie auf die Datenbestände von Goodreads, ShelfariLibraryThing und natürlich Goodreads. Über die Synchronisation von Markierungen und Lesepositionen könnte es auch detailliert auswerten, welche Passagen besonders populär sind oder was übersprungen wird. Auch Google gleicht Lesezeichen und Position im Buch zwischen verschiedenen Geräten ab. Der Play Books Store hat zwar nicht die Marktmacht von Amazon, aber dafür hat Google umfangreiche weitere Informationen über seine Nutzer, und wie gut der Konzern darin ist, Internet-Aktivitäten zu bestimmten Themen zu analysieren, demonstriert er beispielsweise auf seinen Wahl-Sonderseiten.

Spätestens dann könnte im eBook-Markt der gläserne Kunde Realität werden. Bestenfalls beschert uns das bessere Werbung für publikumsgerechtere Bücher, schlimmstenfalls führt es zu einem Verlust an Privatsphäre und noch mehr am Reißbrett entworfenen Bestsellern, die sich sklavisch an aus den Daten ermittelten „Erfolgsformeln“ orientieren.

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Kommentare


Datenanalysten statt Autoren | The next Big Data 4. Februar 2014 um 15:58

[…] “Spätestens dann könnte im eBook-Markt der gläserne Kunde Realität werden. Bestenfalls beschert uns das bessere Werbung für publikumsgerechtere Bücher, schlimmstenfalls führt es zu einem Verlust an Privatsphäre und noch mehr am Reißbrett entworfenen Bestsellern, die sich sklavisch an aus den Daten ermittelten “Erfolgsformeln” orientieren.” (Quelle: lesen.net) […]

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