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Apple iPad: Gewinner und Verlierer

ibooks1Nachdem sich der Pulverdampf um das gestern vorgestellte Apple iPad ein bisschen verzogen hat, ist nun die Zeit der Analysten angebrochen. Die Kollegen von Gizmodo haben etwa bereits „8 Dinge, die uns am iPad stören“ ausgemacht. In der New York Times Redaktion wurden bereits sowohl drei Gründe für als auch drei Gründe gegen die Mutmaßung gefunden, das iPad sei ein „Kindle-Killer“ (Mashable hat sogar deren 2×4).

Ob das iPad tatsächlich „ein neues Computerzeitalter“ einleiten wird (Welt/dpa), lässt sich sicherlich erst mit etwas Abstand beurteilen. Innerhalb der Buchindustrie und ihrer Dienstleister kann man aber schon heute Unternehmen identifizieren, die vom iPad profitieren werden – und einige Konzerne, die das Tablet wahrscheinlich lieber weiterhin als Gespenst gesehen hätten.

Gewinner

Lese-Communities

Dokumente-Plattformen wie Scribd (für Bücher), Issuu (für Zeitschriften) oder die deutschen Projekte Comicstars und MyComics (für Comics) verfügen schon lange über ein umfangreiches Angebot attraktiver Inhalte, die im Browser auch ansprechend und gut lesbar präsentiert werden.

Dem ganz großen Durchbruch stand bislang die magere Verbreitung an praktischen mobilen Anzeigegeräten gegenüber. Tablets wie das iPad sind prädestiniert für „Lesen im Browser“, könnten die Plattformen ein gutes Stück nach vorn bringen.

Amazon

kindle-2.jpgKein „eBook-Modus“, kein Pixel Qi Display, kein Schnäppchen (allerdings günstiger als vielfach erwartet): Das Apple iPad ist bei weitem keine existenzielle Bedrohung für die Kindle-Plattform. Im Gegenteil verspricht sich Amazon offenbar ein gutes Geschäft vom Tablet: “Customers can read and sync their Kindle books on the iPhone, iPod Touch, PCs, and soon BlackBerry, Mac and iPad.“ bekam die NYT gestern Abend von einem Amazon-Sprecher gesagt. Entsprechend ist sich das Unternehmen aus Seattle offenbar sicher, seine Kindle-App auch dem iPad vertreiben zu können – um hier in direkte Konkurrenz zum iBookstore zu treten.

Nicht übersehen werden sollte außerdem, dass Amazon an jedem über ihren Online-Shop verkauften iPad (und das dürften nicht wenige sein) kräftig mitverdient. Der E-Buchhändler zählt zum erlesenen Kreis der Apple-Distributoren, hat hierzulande das iPad in allen Ausführungen bislang sogar exklusiv im Angebot. Während etwa bei Gravis noch eine Infoseite zu finden ist und apple.com/de bislang gar nichts vom iPad weiß, kann bei amazon.de schon seit gestern Abend vorbestellt werden. (Update: Offenbar temporär wieder offline)

Verlage

Umso mehr Distributoren, desto besser die Deals: Die Zeiten, in denen Amazon aufgrund seines Quasi-Monopols bei digititaler Literatur gut 2/3 der Verkaufserlöse einstreichen konnte (wobei es bei Großverlagen eher 50% waren), sind vorbei. Apple schüttet vom Start weg 70% aus, Amazon zieht im Sommer nach; und auch Sony und Barnes & Noble lassen sich hier nicht lumpen. Dabei hat das WSJ errechnet, dass Amazon aufgrund seiner agressiven Preispolitik sogar bei einem 50%-Split bei einzelnen $9,99-Titeln Verlust macht – den Verlagshäusern wird es egal sein.

eReader-Hersteller

Zumindest wer kleine und günstige elektronische Lesegeräte in seinem Portfolio hat, muss das iPad nicht fürchten. E-Ink Display sowie die damit verbundene wochenlange Betriebszeit sowie eine hohe Auflösung (Cybook Opus z.B. 200dpi gegenüber 132dpi beim iPad), kompakte Abmessungen (Cybook Opus: 150g gegenüber 700g beim iPad) und deutlich niedrigere Preise werden viele Lesefreunde auch weiterhin zu dedizierten eReadern greifen lassen.

Einige App-Entwickler

Das Berliner Startup txtr hat nach der Präsentation keine Zeit verloren, seine iPhone-App als die größte deutschsprachige Literaturquelle fürs iPad zu positionieren. Wenn tatsächlich selbst die Kindle-App auf dem Tablet ein Zuhause finden sollte, wird auch txtr durchgewunken und könnte für ein schönes Umsatzplus sorgen. Weil das hochspiegelnde und hintergrundbeleuchtete iPad eine klar andere Zielgruppe anspricht als der hauseigene txtr Reader, ist dabei die Gefahr einer Kannibalisierung eher gering.

Verlierer

Andere App-Entwickler

delicious-library„Not amused“ waren gestern die Entwickler der iPhone-App Delicious Library, als Steve Jobs gestern für iBooks ein frappierend ähnliches User Interface präsentierte (Screenshot). Gegenüber Techcrunch belagte die Softwareschmiede, Apple habe ihr erst wichtige Mitarbeiter abgeworben und dann das Produktdesign nahezu 1:1 kopiert.

Für „1-Buch-eine-App“ Anbieter, deretwegen eBooks seit einiger Zeit den Löwenanteil aller Anwendungen im App-Store ausmachen, könnte die Luft dünn werden – mit Verweis auf das viel beschworene User Experience könnte Apple solchen Programmen einen Riegel voschieben. Sollte mit iBooks tatsächlich auch „fremde“ Literatur mit ordentlicher Usability gelesen werden können, müssten sich reine oder primäre Leseapps wie Stanza weiterhin eine neue Daseinsberechtigung suchen.

Tablet- und Netbook-Bauer

500x_courier8Der Einstiegspreis von 499 Euro/Dollar dürfte dem einen oder anderen Tablet das ökonomische Genick brechen. In jedem Fall wird die 500-Euro-Marke ein Richtpreis für diese Geräteklasse, an dem sich auch Microsoft mit seinem konzeptionell ähnlichen Courier wird orientieren müssen. Gleiches gilt für sogenannte „Edel-Netbooks„, deren Hersteller ähnliche Preise mit einem ansehnlichen Chassis begründeten. Fashion-Victims auf der Suche nach einer Surf- und Unterhaltungsmaschine für unterwegs werden nun sicherlich in großer Zahl zum iPad abwandern.

Plastic Logic, Hearst, Vodafone

que-proreader-2Gerade erst vorgestellt, schon ein bisschen von gestern: Die 10- bis 13-Zoller von Medienkonzern, Mobilfunkanbieter und Tech-Startup sind mindestens so teuer wie das Apple Tablet, bringen aber deutlich weniger Usability mit. 799 US-Dollar ist ein  Dokumentereader  (Plastic Logic proReader) wohl nur wenigen professionellen Anwendern in ein paar Nischen wert, auf dem Massenmarkt hat ein solcher Device keine Chance – zumal das iPad die hier auch relevante Arbeit mit Mails, Notizen und Terminen voraussichtlich ungleich besser beherrscht.

Hearst (Skiff Reader) und Vodafone (digitaler Zeitungskiosk zur Cebit)  müssen mit ihren monochromen Zeitungslesegeräten ebenfalls sehen, wo sie bleiben. Der Mobilfunkanbieter präsentiert da schon einen guten Ansatz, wenn von der subventionierten Abgabe eines Readers („unter 100 Euro“) bei gleichzeitigem Abschluss eines Zeitungsabo die Rede ist.

McGraw-Hill

Der Chef vom US-Großverlag plauderte einen Tag vor dem Apple-Event auf CNBC freimütig über iPad und das Content-Angebot, dessen Teil die Publikationen von McGraw-Hill eigentlich sein sollte. Konsequenz: Steve Jobs gab bei der iPad-Vorstellung nur Kooperationen mit fünf (statt sechs) Verlagen bekannt; McGraw-Hill fehlte. Basic Thinking hat die ganze Story.

Kunden (?)

zz7401-27-10ipade132b0Was beim Börsenverein offenbar noch nicht angekommen ist: Das von Apple im iBookstore verwendete „Standardformat epub“ ist kein bisschen weniger proprietär als Amazons .azw-Format. Die Jungs von jkOnTheRun haben das Statement eines Adobe-Sprechers, der auf einen spezifischen epub DRM-Schutz von Apple hinweist; via iBooks gekaufte Literatur lässt sich nur auf Apple-Hardware lesen. [Update: Das Zitat kommt direkt aus dem Adobe Firmenblog] Wörtlich:

It looks like Apple is continuing to impose restrictions on their devices that limit both content publishers and consumers. Unlike many other ebook readers using the ePub file format, consumers will not be able to access ePub content with Apple’s DRM technology on devices made by other manufacturers.

Der Mehrwert des gewählten epub-Formats beschränkt sich damit auf technische Aspekte; Apple zieht offenbar auch beim iPad eine dicke Mauer um seine Plattform. Bei 15 US-Dollar teuren digitalen Büchern, die ja durchaus im Abstand von einigen Jahren noch einmal gelesen werden wollen, ist das besonders ärgerlich und eigentlich ein „No-Go“- zumal anders als bei Amazon der „verknüpfte“ Device eben kein augenfreundlicher eBook Reader, sondern ein farbenbuntes Multimedia-Tablet ist.

<jkontherun via Teleread, WSJ via buchreport>

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Kommentare


iphone, ipad und enhanced ebooks « if-Blog 29. Januar 2010 um 01:26

[…] Analysen, was das für Amazon, die Verlage und den Leser bedeuten kann, habe ich für mich bei lesen.net und teleread gefunden – da wird die Sicht wieder klarer für das hier und […]

Antworten

txtrblog.de – Das inoffizielle Blog zum txtr reader und txtr. com – News, Tipps und Downloads » txtr und das iPad 29. Januar 2010 um 21:44

[…] Johannes Haupt, von lesen.net, kommt in seiner Auflistung “Apple iPad: Gewinner und Verlierer” zu dem Schluss, dass txtr durch eine eigene App vom iPad profitieren könnte. Er stellt […]

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Thomas Knip 31. Januar 2010 um 11:34

Johannes, dir ist aber schon bewusst, dass sowohl comicstars.de und mycomics.de auf Flash basieren – und just Flash die eine Sache ist, die das iPad NICHT darstellt …? ;-)

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Johannes 31. Januar 2010 um 14:19

@Thomas Die Comicstars-Strips gibts auch als pdf-Download. Bei MyComics hast du – Stand heute – recht, aber ich kann mir gut vorstellen, dass da gerade im Hinblick aufs iPad noch 1x „nachgebessert“ wird.

Ciao
Johannes

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Sebastian 31. Januar 2010 um 15:45

Der Hinweis aus dem Adobe Blog ist auch insofern irreführend, als dass das Adobe DRM den gleichen Einschränkungen unterliegt. Macht es für Apple nicht besser, aber wer im Glashaus sitzt…

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Thomas Knip 1. Februar 2010 um 04:05

@ Johannes: Das stimmt natürlich. Ich wollte dich nur darauf hinweisen, da du selbst geschrieben hast „die im Browser auch ansprechend und gut lesbar präsentiert werden“.

Und im Browser werden sie beim Stand heute definitiv nicht angezeigt.

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[Meinung] iPad: Jesus oder Judas? » Debatte » lesen.net 1. Februar 2010 um 11:22

[…] McGraw, Verleger des gleichnamigen Medienunternehmens, plauderte zu viel und zu früh über das iPad. Zumindest in der Jobs’schen Präsentation der Medienpartner fehlte daraufhin McGraw- Hill. […]

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Google Tablet (OS): Der iPad-Killer » Software » lesen.net 4. Februar 2010 um 09:10

[…] gefressen werden: Nachdem mit Erscheinen des iPad einige Analysten das Ende von Kindle & Co. prophezeiten, ist nun bereits ein “iPad-Killer” (u.a. Times Online, Huffington Post) ausgemacht. Der […]

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Scribd öffnet sich Readern & Smartphones » Fundgrube » lesen.net 11. Februar 2010 um 19:46

[…] sich Scribd-Dokumente dann auch auf dem iPad lesen: Für das Tablet sind Sharing-Portale wie Scribd eigentlich prädestiniert, mangels Flash-Kompatibilität käme das iPad mit den Brower-Texten aber nativ nicht […]

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[…] Zum generellen Für und Wider vom iPad als elektronisches Lesegerät haben wir uns bereits hier und dort […]

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[…] harten Kampf um die Gunst bzw. das Budget von iPad-nutzenden Lesefreunden geben wird. Neben Amazon, txtr und natürlich Apple wird auch der Filialist Barnes & Noble mit einer eigenen Shopping-App auf […]

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